Fußball

Manfred Kaltz, der "Schwätzer" Mister HSV der glorreichen Zeiten

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Manfred Kaltz (l.) stand für den HSV insgesamt 581 Mal auf dem Platz - so oft wie kein anderer.

(Foto: imago/Kicker/Liedel)

Nie wieder wird ein Fußballer mehr Bundesligaspiele für den HSV machen als Manfred Kaltz. Dennoch hat er kein Abschiedsspiel bekommen. Vielleicht, weil der "Schweiger" einfach zu wenig über seine Heldentaten gesprochen hat.

Er hat alles mit seinem Hamburger SV gewonnen, was es zu gewinnen gibt: Deutscher Meister, DFB-Pokal-Sieger, Europapokal der Pokalsieger, Europapokal der Landesmeister und zudem holte er mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft 1980 den Europameister-Titel. Da gäbe es sicherlich eine ganze Menge drüber zu erzählen, nur - Manfred Kaltz macht das nicht so gerne. Und wenn doch, dann nur im kleinen Kreis ausgewählter Leute, denn: "Irgendein Arschloch hat mal geschrieben, dass ich nicht spreche. Seitdem spreche ich auch nicht."

Seine Kollegen hatten damit nie ein Problem. Als Franz Beckenbauer nach seinem USA-Auswärtsspiel in die Bundesliga zurückkehrte und beim HSV anheuerte, war er beeindruckt von Mannis besonderer Eigenschaft: "Wir alle diskutierten stundenlang über ein Thema und kamen einfach nicht zum Ende. Kaltz hörte die ganze Zeit zu, dann sagte er einen einzigen Satz und anschließend war Ruhe. Wir anderen haben dann erst einmal über Mannis Worte nachgedacht."

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Für HSV-Fans bleibt Manfred Kaltz ein Held.

(Foto: imago/MIS)

Kaltz hat seine besondere Art einmal so umschrieben: "Ich würde mich selbst als sehr bodenbeständigen Spieler bezeichnen." Der Moderator fragte damals nach, ob er nicht eher "bodenständig" meine, und Kaltz antwortete: "Ja, bodenbeständig, so würde ich mich charakterisieren." Der Moderator fragte erneut und sehr interessiert nach, was das denn genau bedeute, dieses "bodenbeständig". Kaltz sagte: "Naja, das bedeutet, dass ich nach dem Wechsel nach Bordeaux wieder zum HSV zurückgekehrt bin. Das ist eben dieses Bodenbeständige an mir."

An Selbstvertrauen hat es dem Mann, der 581 Bundesliga-Spiele für den HSV absolvierte, nie gemangelt. Als Kaltz nach einem Konzert von Luciano Pavarotti den Opernsänger anschließend in seiner Garderobe besuchen durfte, war er total begeistert - und zwar genau in dieser Reihenfolge: "Er wusste nicht nur, wo ich spiele - singen kann er auch noch!"

Seine besondere Stellung innerhalb der Mannschaft zu der damaligen Zeit zeigt folgende kleine Anekdote. Zu seiner 500. Partie für den HSV wollte ihm das Team ein Geschenk mit Hintergrund machen, doch das klappte nicht, wie Thomas von Heesen damals erzählte: "Ich kann leider keine Fünf-Liter-Flasche Shampoo auftreiben. Die soll er nämlich von der Mannschaft kriegen. Damit er sich nicht ständig bei uns bedienen muss. Kaltz kommt grundsätzlich ohne Shampoo."

"Meine Freundin schwärmt für Manni Kaltz"

Auch bei den Frauen hatte der schöne Manni einen Schlag weg. In der Spielzeit 1988/1989 stellte vor dem Rückspiel im Derby St. Pauli gegen den HSV der Abwehrrecke vom Millerntor, André Trulsen, klar: "Meine Freundin schwärmt für Manni Kaltz. Deshalb ist ein Sieg für mich so wichtig. Dann sind die Machtverhältnisse bei uns zu Hause ein für allemal richtiggestellt." Nach dem 1:2 musste sich Trulsen wohl weiterhin die Schwärmereien seiner Freundin anhören.

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Das Verhältnis zu Trainer Branko Zebec war nicht immer schlecht. Augenscheinlich ausgezeichnet war es beim Meistertitel 1979.

(Foto: imago sportfotodienst)

Doch im Erfolg macht man auch Fehler. Und so legte sich die eingeschworene HSV-Erfolgs-Clique um Manni Kaltz damals etwas selbstverliebt mitten in der schönsten Phase der Hamburger mit ihrem Trainer Branko Zebec an - und bereute diesen Schritt später bitter. Kaltz räumte ein: "Mir wäre lieber, Zebec käme schon morgen wieder zurück."

Nach dem verlorenen Europapokalfinale 1980 in Madrid gegen Nottingham Forrest soff die Mannschaft des HSV entgegen dem Verbot des Trainers Branko Zebec bis morgens um sechs an der Bar. Felix Magath danach: "Endlich sind wir eine richtige Mannschaft." Und Kaltz: "Wir sind die beste Thekenmannschaft Deutschlands." Ob er in Hamburg nach der Rückkehr ein Training mache, wurde Zebec von Journalisten gefragt. "Nein, mit Betrunkenen trainiere ich nicht."

Kaltz reagierte sofort: "Wenn wir jedes Mal nicht trainiert hätten, wenn Herr Zebec gerade mal voll war, dann wären wir im letzten Jahr so gut wie nie zur Arbeit gekommen." Im Dezember wurde Zebec entlassen. In der "Bild"-Serie "So viele Siege - und alles verspielt" zum Saisonstart 1980/1981 sprach der Ex-HSV-Trainer Tacheles. Zebec: "Ja, Herr Kaltz, ich bin schuld, dass sie gute Verträge bekommen haben. Danke. Du hast jetzt vier Jahre ausgesorgt. Du bist der bestbezahlte Fußballspieler Deutschlands geworden. 600.000 Mark pro Saison. Erinnerst du dich, wie ich dich nach Argentinien übernommen habe? Hast du damals überhaupt noch laufen können? Du warst ein ausgebrannter Beckenbauer-Verschnitt. Heute schreiben die Zeitungen vom Weltklassespieler Kaltz. Wer hat dir die Kraft und das Selbstvertrauen zum modernen rechten Verteidiger wiedergegeben?"

Ewiger Dank der HSV-Fans

In der Tat war Manfred Kaltz bei der WM 1978 bei der "Schmach von Corboba" gegen Österreich dabei - entscheidend dabei, wie Österreichs Walter Schachner vor der Partie sagte: "Kaltz ist unsere größte Hoffnung." Man verspottete Kaltz sogar, der vor der Weltmeisterschaft gesagt hatte, er würde sich zu den drei besten Verteidigern der Welt zählen. Darauf erwiderte der spätere HSV-Trainer Kurt Jara: "Dann müssen aber mindestens dreihundert in den letzten Tagen gestorben sein." Und nach dem legendären 3:2 der Österreicher über die Deutschen meinte Hans Krankl: "Steif wie ein Stock ist er gewesen, der Kaltz, der Herr Weltklasse-Libero. Zweimal hab ich geschwänzelt, und dann war ich an ihm vorbei."

Der Mann, den sie wegen seiner filigranen Abspiele auf seine Kameraden, insbesondere Horst "Kopfballungeheuer" Hrubesch, bis heute "Manni Bananenflanke" rufen, hat niemals ein Abschiedsspiel von seinem HSV bekommen. Dabei ist es auch Manfred Kaltz gewesen, der einst Kult-Masseur Hermann Rieger aus Mittenwald in die Hansestadt holte. Alleine dafür ist ihm auf ewig der Dank der HSV-Fans sicher. Wären da nicht zudem seine vielen Erfolge und seine 581 Spiele für die Hamburger. Vielleicht hat Manfred Kaltz einfach zu wenig über seine Heldentaten erzählt ...!

Alles Gute dem Mann, den sie abwechselnd "Schweiger" und "Schwätzer" nennen, zum 65. Geburtstag und ein herzliches Glück auf!

Quelle: ntv.de