Niedergang von Tottenham HotspurMitten im Absturz wagen die Spurs das radikale Experiment

Tottenham Hotspur spielte einst um die Premier-League-Spitze mit, begeisterte mit Offensiv-Fußball. Inzwischen droht dem Europa-League-Sieger von 2025 der Abstieg. Ausgerechnet jetzt wagt der Klub eines der spannendsten Experimente Europas.
In Nord-London herrscht das große Fußball-Zittern. Einer der großen Klubs der Stadt, des Landes, taumelt dem Abstieg aus der Premier League entgegen. Und das als amtierender Sieger der Europa League. Ein englischer Fußball-GAU bahnt sich an. Seit Freitag, nach dem Sieg von West Ham über die Wolverhampton Wanderers, stehen sie auf einem Abstiegsplatz.
Wie konnte das passieren?
Es ist erst 326 Tage her, da war die Welt von Tottenham Hotspur noch ziemlich in Ordnung. Wir reden von Konfetti-in-Ordnung. Die Stars um Heung-min Son stemmten endlich einen europäischen Pokal in den Nachthimmel von Bilbao. Europa-League-Sieger 2025. Von wegen Tottenham titellos.
Nun, fast ein Jahr später steht dieser englische Fußball-Gigant ganz nah am Abgrund. Für Premier-League-Ikone Jamie Carragher wäre ein Abstieg der Londoner der "peinlichste überhaupt". Seit beinahe 50 Jahren, seit der Saison 1976/1977, ist ihnen das nicht mehr passiert. Ohne einen Sieg am heutigen Sonntag im Spiel beim AFC Sunderland bleiben sie in den Abstiegsrängen. Nach einem kompletten Spieltag auf einem Abstiegsplatz hatte Tottenham zuletzt im März 2009 gelegen.
Abstieg? Allein der Gedanke daran ist eigentlich ein Affront für den stolzen Klub. Tottenham Hotspur ist ein großer englischer Verein, allerdings im Vergleich zur Konkurrenz mit relativ wenigen Titeln gesegnet. Wie schwer es in England ist, Titel zu holen, bekam auch der langjährige Stürmer Harry Kane zu spüren. Der Nationalspieler, der fast seine gesamte Karriere bei den Spurs verbrachte, wechselte im Sommer 2023 auch zum FC Bayern, um endlich mal Trophäen zu gewinnen (was mit einem Jahr Verzögerung auch gelang). Mit Tottenham holte er keinen Mannschaftstitel. Spoiler: Auch der Abgang von Kane hat etwas mit dem Niedergang zu tun.
Erst der Titel, dann der Abstieg?
Erst noch einmal kurz zurück zum Konfetti in Bilbao. Zwar holten die Spurs dort erstmals seit 41 Jahren (seit dem UEFA-Cup-Sieg 1984) wieder einen europäischen Titel. Aber der Erfolg verdeckte die desaströse Premier-League-Spielzeit 2024/25. Die Spurs beendeten mit Trainer Ange Postecoglou die Saison nur auf Rang 17. Schon damals sprang der Klub dem Abstieg gerade so von der Schippe. Wenn es einmal passiert, ist es ein Drama, aber zwei Mal in Folge ist ein Systemabsturz. Was wie ein Ausrutscher in der Liga wirkte, war rückblickend nur der Auftakt der Misere. Aus dem glorreichen Top-4-Aspiranten ist ein Abstiegskandidat geworden.
Den sportlichen Höhepunkt erreichte das Team in der vergangenen Dekade unter Coach Mauricio Pochettino und mit Spielern wie Kane, Dele Alli, Kyle Walker und Christian Eriksen. 2019 zog man als Höhepunkt dieser Ära ins Finale der Champions League ein (0:2 gegen Liverpool), in der Premier League folgten nach der Vizemeisterschaft 2016/17 nochmal die Plätze drei und vier.
Anschließend ging es schleichend bergab, angefangen mit der fehlenden Kontinuität auf der Trainerbank. Auf Pochettino folgte mehr Chaos denn Ordnung. Ein wilder Mix an der Seitenlinie. Jose Mourinho, Nuno Espirito Santo, Antonio Conte, Postecoglou. Es kamen und gingen Trainer mit teilweise sich widersprechenden Spielideen. Keiner bekam aber lange genug Zeit, um etwas zu entwickeln.
Aus dem von Ex-Präsident Daniel Levy angekündigten "free‑flowing, offensiven, unterhaltsamen Fußball" wurde dann oftmals eher das Gegenteil. Immer wieder setzte der Klub dann wegen des ausbleibenden Erfolgs den Cut an. Trainer folgte auf Trainer. Philosophie auf Philosophie. Ein kleiner Teufelskreis.
Achse zerbricht
In den vergangenen Jahren verlor der Klub zunehmend an sportlicher Identität, spätestens der Abgang von Spurs-Ikone Kane unterstrich das. Dieser spülte zwar schnelles Geld (rund 100 Millionen Euro in die Kassen), riss aber eine enorme Lücke in der Offensive, die bis heute nicht richtig gestopft ist.
Auch die Transfers rückten in den Fokus. Zwar haben die Spurs in der vergangenen Dekade fast eine Milliarde ausgegeben, aber oft fehlte die klare Linie. In diesem Jahr wurden alleine 265 Millionen Euro (bei nur 82 Millionen Einnahmen) überwiesen. Es kamen unter anderem Xavi Simons, Joao Palhinha per Leihe vom FC Bayern und Mohammed Kudus.
Rückblickend ist klar: Das Management verpasste es, den Umbruch nach Pochettino rechtzeitig einzuläuten und den Kader zu erneuern. Das Team hatte den Zenit überschritten. 2018/19 holte Tottenham keinen einzigen Zugang. Auch auf dem Rasen zerbrach derweil eine Achse. Torgarant Kane war und ist kaum zu ersetzen. Co-Star Son blieb zwar bis 2025, wurde aber älter, die Leistungen schwankten. Gleichwertige Leistungsträger wurden nicht geholt oder wuchsen nicht nach.
Auch das Eigentümer-Chaos half bei der Unruhe kräftig mit. Ex-Präsident Daniel Levy wurde aus dem operativen Geschäft gedrängt und lieferte sich einen Machtkampf mit Besitzer Joe Lewis. Das Durcheinander auf Führungsebene ging einher mit der sportlichen Talfahrt.
So hatten es die Spurs selbst in ihrer Hochphase schwer, den großen Wurf zu landen. Es ist nicht leicht, Titel zu gewinnen, wenn erst der FC Liverpool unter Jürgen Klopp und Pep Guardiolas Dominanzmaschine Manchester City gleichzeitig den absoluten Höhepunkt ihres Schaffens erreichen.
Heilsbringer De Zerbi?
Und nun? Die letzte Hoffnung heißt Roberto De Zerbi. Ausgerechnet. Was in besseren Zeiten wie eine Verpflichtung mit Weitblick klingt, ist im Abstiegskampf wohl ein radikales und gewagtes Experiment. Man kann auch sagen: Die Spurs gehen all in. Es wird wohl entweder spektakulär funktionieren oder spektakulär floppen.
Denn der Italiener ist für einen radikalen, spektakulären Ballbesitz-Offensivfußball und Positionsspiel bekannt. Er kommt und stülpt den Teams sein Offensivkonstrukt über. Damit wurde er berühmt. Das klappte auch schon gut, zum Beispiel in Brighton, die er 2023 erstmals in den Europapokal führte. De Zerbi zählt spätestens seit dem Brighton-Erfolg zu den modernen Vordenker der jungen Trainergilde. Trainer wie Sebastian Hoeneß (VfB Stuttgart) oder Francesco Farioli vom FC Porto eifern ihm nach. Startrainer Pep Guardiola nannte ihn einen der "einflussreichsten Trainer in den vergangenen 20 Jahren".
Allerdings ist diese Art von Fußball wohl nicht der erste Ansatz, der einem einfällt, um im Abstiegskampf zu bestehen. Da kommen einem eher die Attribute grätschen, ackern, kämpfen und vorne irgendwie ein Tor reinhämmern in den Sinn. Und nicht überladen und Ballbesitz mit Risiko. Auf seiner letzten Station in Marseille wurde er erst Vizemeister, in der laufenden Saison wurde er nach einer 0:5-Pleite gegen PSG gefeuert. Berichten zufolge soll es zuvor Meinungsverschiedenheiten mit der Klubführung gegeben haben.
Für die Spurs ist er schon der dritte Trainer in dieser Saison. Nach dem gescheiterten Thomas Frank, der erst zu Saisonbeginn übernommen hatte, folgte das kurze Gastspiel des Kroaten Igor Tudor. Auch er musste nach sieben Spielen und nur einem Punkt wieder gehen. Der letzte Strohhalm heißt jetzt De Zerbi.
Passt das System zum Abstiegskampf?
Sieben Spiele hat der 46-Jährige vorerst, um sein System in die Köpfe der Spieler zu bringen und Erfolge auf dem Rasen zu entwickeln. Wird sein Team damit umgehen können? Passt er sein Ballbesitz-System etwas an? Vorerst noch offene, aber umso spannendere Fragen.
Das Restprogramm ist nicht einfach. Angefangen am Sonntag (15 Uhr) beim AFC Sunderland. Es kommen noch Spiele gegen De Zerbis Ex-Team Brighton, den Tabellenletzten Wolverhampton sowie die Kracher gegen den Vierten Aston Villa und gegen Chelsea. Womöglich fällt die Entscheidung am letzten Spieltag im Heimspiel gegen Everton.
"Roberto war unser Hauptziel für den Sommer, und wir freuen uns sehr, ihn nun verpflichten zu können", sagte Sportdirektor Johan Lange bei der Verkündung der Trainerpersonalie. De Zerbi unterschrieb einen "mehrjährigen Vertrag" und skizzierte bereits seine langfristigen Ziele mit den Spurs: "Eine Mannschaft aufzubauen, die zu großen Erfolgen fähig ist, und dies mit einem Fußballstil zu erreichen, der unsere Fans begeistert und mitreißt."
Selbst mit dem drohenden Abstieg vor Augen denken Tottenham und De Zerbi groß. Das haben sie auch in den vergangenen Jahren. Fürs Erste braucht's aber nicht Konfetti, es reicht der Klassenerhalt. So weit ist es gekommen.