Fußball

"Glück vielleicht aufgebraucht" Mönchengladbachs bizarre Europa-Pleite

Die Begriffe Glück und Pech gehören nicht mehr ins sprachliche Repertoire von Fußballprofis. Wenn Unerklärliches passiert, müssen sie aber doch bisweilen herhalten. Nach dem Aus in der Europaliga wollen sie sich in Gladbach ihr Glück nun wieder zurückholen.

Eine Explosion gab es wieder, nur anders, als es sich die Mönchengladbacher erhofft hatten. Sorgte am Samstag noch das Elfmeter-Siegtor gegen den FC Bayern in der Fußball-Bundesliga für einen wohl quer durchs Rheinland hörbaren Last-Minute-Knall, war es bei der 1:2 (1:1)-Niederlage gegen Istanbul Basaksehir am Donnerstagabend ein einsamer Böller im Borussia-Park. Dessen Knall war schnell verhallt, die unerklärliche Pleite gegen harmlose Türken dürfte da nachhaltiger wirken. Sie besiegelte das erstmalige Aus der Gladbacher in der Gruppenphase der Europaliga. Wie das passieren konnte, weiß niemand so genau.

Es dauerte lange, bis Spieler in der Mixed Zone zum Gespräch mit den Journalisten auftauchten. Die Türken hatten keine Zeit, weil sie lautstark in der Kabine ihr wohl auch für sie selbst überraschendes Weiterkommen feierten. Und die zwischen Enttäuschung und Schock changierenden Spieler des Bundesliga-Tabellenführers hatten schlicht keine Lust - und keine Worte. Nachvollziehbar. Der erste, der die Runde drehte, war Patrick Herrmann.

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Das wäre es gewesen: Patrick Herrmann scheitert an Istanbuls Torhüter Mert Günok.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Der Flügelspieler hatte nach einer Stunde eine große Chance zum wahrscheinlich vorentscheidenden 2:1 vergeben und auch nicht viel zu sagen: "Das ist schwer in Worte zu fassen." Komplett im Griff habe man das Spiel gehabt, keine Chance habe der Gegner in der ersten Halbzeit eigentlich gehabt, "überragend" gar hatte er seine Mannschaft gesehen. Und doch besiegelte ein Abstauber des Franzosen Enzo Crivelli in der 90. Minute das Aus. Unerklärlich.

Gladbachs Trainer Marco Rose wollte seiner Mannschaft keinen großen Vorwurf machen. Natürlich, man habe irgendwann die letzte Präzision verloren, aber das sei nichts Außergewöhnliches bei einer solchen Alles-oder-Nichts-Konstellation. Die Taktik der Gäste war offensichtlich: Auf Standards wie Umschaltspiel oder Gegenpressing verzichteten sie zu Gunsten eines verdichteten Zentrums, die Außenbahnen gaben sie teils so widerstandslos auf, dass man hin und wieder nachzählen musste, ob beide Mannschaften überhaupt gleich viele Spieler auf dem Feld hatten. Es schien lange, als hätte Trainer Okan Buruk vergessen, dass ein Unentschieden zu wenig fürs Weiterkommen wäre, so harmlos präsentierte sich seine Mannschaft lange. Hinterher war man schlauer.

"Das Glück war vielleicht schon aufgebraucht"

"Basaksehir wollte das Spiel, das hat man die ganze Zeit gemerkt, so lange wie möglich offen halten, um hinten raus für die Entscheidung zu sorgen. Der Plan ist in der Summe ganz gut aufgegangen", musste Rose anerkennen. Visionär war die Taktik des Einigelns nicht, erfolgreich wurde sie durch einen Patzer des Mönchengladbacher Torwarts Yann Sommer kurz vor der Halbzeit und einer Unaufmerksamkeit in der Abwehr kurz vor Schluss. Ein 90-minütiges Hinarbeiten auf den Lucky Punch führte Istanbul unter die letzten 32 Teams der Europaliga, die drückende Überlegenheit des Bundesligisten endete dagegen mit dem Aus. Zu erklären ist das nicht so richtig.

Mönchengladbach - Istanbul 1:2 (1:1)

Tore: 1:0 Thuram (32.), 1:1 Kahveci (44.), 1:2 Crivelli (90.)
Borussia Mönchengladbach: Sommer - Lainer, Elvedi, Ginter, Wendt - Zakaria, Kramer (90.+2 Bensebaini) - Herrmann, Neuhaus (78. Stindl), Thuram - Embolo (78. Plea). - Trainer: Rose
Istanbul Basaksehir : Günok - Junior Caicara, Ponck, Epureanu, Clichy - Topal (88. Berkay Özcan) - Visca, Aleksic (67. Ba), Kahveci (90.+3 Azubuike), Elia - Crivelli. - Trainer: Buruk
Schiedsrichter: Jose Maria Sanchez Martinez (Spanien)
Zuschauer: 40.046

Manchmal, und das ist eigentlich eine gute Nachricht, entzieht sich der Fußball eben der letzten Analyse. "So ist Fußball", wie Herrmann sagte, ist eine unbefriedigende, aber annehmbare Einschätzung. Und im ganz speziellen Falle von Borussia Mönchengladbachs wechselvoller und unnötig kurzer Europareise war es eben vielleicht auch so, wie es der wieder einmal ungeheuer ausdauernde Rechtsverteidiger Stefan Lainer sagte: "Im Endeffekt war es vielleicht gar nicht verdient. Wir hatten in der Gruppenphase das eine oder andere Mal auch Glück, als wir von der ersten Minute an nicht wirklich bei der Sache waren. Am Ende war das Glück in der Gruppenphase vielleicht schon aufgebraucht. Und deswegen sind wir ausgeschieden."

Sicher ist es aber auch richtig, dass es die in der Bundesliga so begeisternden Gladbacher international beinahe durchgängig nicht geschafft haben, ihr Spiel auf den Platz zu bringen. Weiter als im Hinspiel im Oktober sei man, hatte Rose vor dem Spiel gesagt. In Istanbul hatte Patrick Herrmann mit seinem Ausgleich in der Nachspielzeit den totalen Fehlstart verhindert, zum Auftakt hatte es ja das 0:4 gegen den Wolfsberger AC gegeben. Mit dieser Einschätzung hatte Rose Recht, Beweise für die These lieferte sein Team bereits zahlreich. Nur eben nicht in der Europaliga, wo es - da sind wir wieder beim Thema - immer wieder hakte, dreimal gab es ganz späte Punkte (zweimal gegen Rom, dazu im Hinspiel). Die Punkte wurden durch starke Willensleistungen erzwungen, kamen also nicht glücklich zustande - verdient waren sie nicht immer. Diesmal hat es in der Nachspielzeit nur noch zu einem Kopfball von Marcus Thuram an den Pfosten gereicht - in den letzten Wochen wäre der vielleicht zum späten Ausgleich noch reingetrudelt. Es wäre mehr als verdient gewesen.

Langfristig bringt die Niederlage Gram

So brachte dieser kalte Donnerstagabend nicht nur kurzfristig Frust und Ärger. Den können die nach dem Spiel Ratlosen schon am Sonntag beim VfL Wolfsburg wieder mindern und sich auf Kurs in Richtung Herbstmeisterschaft bringen. "Wir haben das in dieser Saison schon gezeigt, dass wir zurückschlagen können", sagte Patrick Herrmann, nach der Wolfsberg-Pleite gelang denn auch ein starker Bundesligastart. Genauso wenig, wie ein Sieg gegen den großen FC Bayern ein Spiel gegen Istanbul Basaksehir zum Selbstläufer macht, dürfte ein bitteres Ausscheiden zu stark auf die kommenden Aufgaben abstrahlen. Die Reaktionen auf Rückschläge wiesen die Borussen bisher schon als gewachsene, gefestigte Mannschaft aus.

Mittelfristig bringt die Niederlage allerdings Gram, der sich nicht mit ein, zwei Bundesligasiegen vor der Winterpause auflösen lassen wird. Knapp zehn Millionen Euro hat die Borussia in der vermasselten Gruppenphase eingenommen. Ein Sieg gegen Basaksehir wäre weitere zwei Millionen Euro wert gewesen: eine Million für den Gruppensieg, 570.000 Euro Siegprämie und 500.000 für das Erreichen der nächsten Runde. Jede weitere Runde hätte jeweils zwischen 1,1 Millionen Euro und 4,5 Millionen Euro Prämie gebracht. Das schmerzt die Geschäftsführer Stephan Schippers und Max Eberl, ist aber nicht Roses Baustelle. Der hätte sich für seinen mit ambitionierten Spielern gespickten Kader aber fürs Frühjahr mehr Spiele gewünscht, um mehr Einsatzzeiten verteilen zu können. Im DFB-Pokal brachte eine unglückliche 1:2-Niederlage bei Borussia Dortmund schon das Aus. So spielt man den Rest der Saison im Wochenrhythmus, es wird mehr Härtefälle geben.

Fünf Spieler hatte Rose gegen Basaksehir im Vergleich zur Bayern-Partie ausgetauscht, künftig können sich alle fitten Kicker nur noch für Plätze im Bundesligakader empfehlen. Nachfragen moderierte Rose noch ab und verwies stattdessen auf den daraus entstehenden noch stärker werdenden Konkurrenzkampf. Ein Thema wird es aber werden, wenn es so weit ist. Und vielleicht wird man dann im März sagen, welch großer Vorteil es ist, sich im Meisterrennen voll auf eben jenes konzentrieren zu können. Dann spricht niemand mehr vom aufgebrauchten Glück und dem schlimmen Abend damals im Dezember 2019.

Quelle: ntv.de