Fußball

United-Krise, Fluch, Kleinkriege Mourinho kämpft um seine Karriere

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José Mourinho mit dem chilenischen Star Alexis Sanchez, der seit seinem Wechsel zu Man United stagniert.

(Foto: imago/Sportimage)

José Mourinho hat sich bei Manchester United mit seinen Topspielern und der Klubführung angelegt. Seine Tricks funktionieren nicht mehr. Beim wohl letzten großen Job seiner Karriere scheint sich ein seltsames Muster fortzusetzen.

Die Tür neben der Bühne ging auf und José Mourinho erschien im Presseraum des Old Trafford, der mit seinen Polstersitzen und den aufsteigenden Sitzreihen an einen Kinosaal erinnert. In der Tat geht es ja, je nach Ergebnis, höchst unterhaltsam, dramatisch oder turbulent zu, wenn der Trainer die Spiele seines Arbeitgebers Manchester United analysiert. Diesmal hatte er das Bedürfnis, den anwesenden Reportern Trost zu spenden. "Es tut mir leid, Jungs!", sagte er, als er den Raum betrat.

Seine Mannschaft hatte gerade einen Akt der Entfesslung vollbracht, wie man ihn eher im Zirkus erwarten würde. Nach frühem 0:2-Rückstand hatte sie ihr Heimspiel gegen das in der Liga sieglose Newcastle United noch gedreht, durch Tore in den letzten 20 Minuten noch 3:2 gewonnen. Das muss eine Enttäuschung für die Reporter gewesen sein, schließlich trachten sie nach Mourinhos Kopf und hätten ihm die Niederlage gewünscht, so jedenfalls sieht das zumindest Mourinho selbst. Deshalb seine - gespielte - Anteilnahme.

"Eine Menschenjagd"

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Mit Manchesters Rekordtransfer Paul Pogba steht Mourinho auf Kriegsfuß.

(Foto: REUTERS)

Der Startrainer aus Portugal hat das Gefühl, unverhältnismäßig hart kritisiert zu werden, das hat er nach dem Sieg gegen Newcastle vor zwei Wochen deutlich gemacht. Er beklagte "eine Menschenjagd" und berichtete von einem Gespräch mit einem Freund, der ihn in seiner Auffassung bestärkt habe: "Er hat gesagt: Wenn morgen das Wetter in London schlecht ist, ist es deine Schuld. Wenn es Probleme mit einer Einigung zum Brexit gibt, ist es deine Schuld."

Das war natürlich eine Übertreibung, bislang hat niemand die Verantwortung für die stockenden Gespräche zum EU-Austritt der Briten bei Mourinho gesucht. Und das Londoner Wetter ist sowieso eine Sache für sich. Fest steht allerdings, dass der Trainer seit Saisonbeginn heftiger Kritik der Medien und ehemaliger Profis wie United-Legende Paul Scholes ausgesetzt ist und ihm der Sieg gegen Newcastle vermutlich nur eine Atempause verschafft hat vor den Partien bei seinem noch ungeschlagenen Ex-Klub Chelsea an diesem Samstag und gegen Juventus am Dienstag in der Champions League.

Fest steht allerdings auch, dass die Kritik hinreichend begründet ist. Manchester United, immerhin englischer Rekordmeister, hat den schlechtesten Ligastart seit 29 Jahren hingelegt und ist im Ligapokal gegen den Zweitligisten Derby County ausgeschieden. Die Mannschaft spielt nach allgemeiner Auffassung deutlich unter ihren Möglichkeiten, vor allem vermeintliche (und teure) Schlüsselspieler wie Paul Pogba, Alexis Sánchez und Romelu Lukaku.

Kleinkrieg gegen alle

Außerdem ist Mourinho ständig im Streit - mit Journalisten, mit Pogba oder mit seinem Chef, Manchester Uniteds Vizepräsidenten Ed Woodward, der ihm im Sommer nicht die gewünschten Verstärkungen für die Abwehr beschafft hatte. Es ist eine giftige Mischung aus sportlicher Krise und atmosphärischen Störungen entstanden, und es ist nicht erkennbar, wie Mourinho mittelfristig einen Ausweg aus dieser Lage finden will. Wieder einmal droht er in seiner dritten Saison grandios zu scheitern, wie schon bei Chelsea und Real Madrid. Ein seltsames Muster in seiner Karriere findet seine Fortsetzung.

Mourinho hatte schon immer seine Eigenheiten, auch seine Spiele mit den Medien sind nicht neu. Allerdings dienten sie in der Vergangenheit dazu, den Druck von seinen Spielern zu nehmen oder eine Wagenburg zu errichten und damit ein Gefühl des Zusammenhalts zu erzeugen. Sein Ruf als Gewinnertyp basierte neben den vielen Titeln - unter anderem drei Meisterschaften mit Chelsea und zwei Siegen in der Champions League mit Porto und Inter Mailand - auch auf seiner Aura aus Arroganz und Cleverness. Doch die Aura zerfällt. Was früher Strategie war, verunsichert mittlerweile sogar die eigenen Leute. Nach der Partie gegen Newcastle beklagte Mourinho, dass die Aufregung in den Medien um seine Person seine jungen Spieler beeinträchtigt hätte. Wenn Journalisten früher noch Respekt davor hatten, von ihm in einer Pressekonferenz bloßgestellt zu werden, nehmen sie seine Macken mittlerweile eher belustigt zur Kenntnis.

Nur noch selten genial

Seine Mannschaft wirkt oft uninspiriert und verunsichert. Das ist kein Wunder, denn er kritisiert ständig einzelne Spieler, setzt sie ohne erkennbaren Grund auf die Bank und vertraut ihnen dann in der nächsten Partie wieder. Während es Jürgen Klopp beim FC Liverpool und Josep Guardiola beim Nachbarn Manchester City gelingt, ihre Profis durch kluge Menschenführung besser zu machen, bewirkt Mourinho oft das Gegenteil. Dazu kommt, dass seine Tricks in Sachen Aufstellung oder Taktik nur noch selten genial sind und manchmal sogar wie Sabotage des eigenen Teams wirken. Zum Beispiel bei der 1:3-Niederlage neulich bei West Ham United, als er den unerfahrenen Mittelfeldspieler Scott McTominay als Innenverteidiger aufbot.

Immerhin, beim Sieg gegen Newcastle funktionierte Mourinhos Magie wieder wie in vergangenen Zeiten. Er beorderte Pogba für die Schlussphase tief in die Defensive, von wo aus der französische Weltmeister das Comeback dirigierte. Der früh eingewechselte Juan Mata leitete mit seinem 1:2 die Wende ein, der spät eingewechselte Sánchez vollendete sie mit dem 3:2. Der Kraftakt der Mannschaft zeigte auch, dass sie nicht gegen Mourinho spielt. Wobei dieser auf solche Erkenntnisse keinen Wert legt. "Wenn die Spieler nur wegen ihres Trainers gut spielen, sind sie keine richtigen Profis", sagte er. Er wollte den Sieg nicht als Sieg für sich interpretieren.

Wenn man die Zeichen richtig deutet, dann geht es für Mourinho im Moment nicht mehr nur um seinen Job. Es geht um seine Karriere. Bisher ging es für ihn wenn nicht steil bergauf dann zumindest nie wirklich bergab. Vom FC Porto wechselte er zu Chelsea, nach Chelsea trainierte er Inter Mailand, aus Mailand wechselte zu Real Madrid, danach ging er wieder zu Chelsea und anschließend zu Manchester United. Einen Job in dieser Größe dürfte er künftig kaum noch finden. Die Spitzenklubs der Premier League sind auf der Trainerposition auf absehbare Zeit gut versorgt. Den spanischen Giganten aus Madrid und Barcelona dürfte er - im Falle einer Vakanz - ebenso schwer zu vermitteln sein wie dem FC Bayern oder Paris Saint-Germain. Es kann für Mourinho also nur noch abwärts gehen. Auch für seine eigene Laufbahn wäre es gut, wenn er in Manchester nicht wieder seinem Dritte-Saison-Syndrom zum Opfer fällt.

Quelle: n-tv.de

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