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Jürgen Klopp gab den AnstoßNachwuchstrainer von Bundesligist hat sein Coming-out

24.03.2026, 14:50 Uhr
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Christian Dobrick ist U19-Trainer beim FC St. Pauli.

Erstmals outet sich ein Trainer eines deutschen Profifußball-Klubs als homosexuell: Christian Dobrick trainiert die U19 des FC St. Pauli. Der 29-Jährige hat keine Lust mehr auf das Drumherumreden. Einen Anstoß für sein Coming-out gab Jürgen Klopp.

Christian Dobrick ist Sportler mit Leib und Seele. Er spielte selbst aktiv Fußball, parallel schlug er eine Karriere als Trainer ein. Heute ist er verantwortlich für die U19 des Fußball-Bundesligisten FC St. Pauli. Auf einen "Sport" aber hat der 29-Jährige so gar keinen Bock mehr: Auf "Eiertanz". Den Eiertanz nämlich, einen Teil seiner Identität zu verschleiern. Christian Dobrick ist schwul. Er hat bei ntv/RTL sein Coming-out - als erster Trainer bei einem Profiklub.

"Als Trainer ist man in der Situation, Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen, ein Stück weit auch emotional voranzugehen. Und dafür braucht man eine gewisse Autorität und ein gewisses Selbstbewusstsein", sagt er im Interview. "Was macht das mit der eigenen Wirkung, wenn ich maximal authentisch sein möchte als Trainer und von meinen Spielern verlange, mutig Fußball zu spielen? Dann geht das nur, wenn ich da vorne stehe und auch den Mut habe zu sagen: 'Freunde, das bin ich. Aber jetzt lasst uns bitte wieder über den Sport reden.'"

Seit fast zehn Jahren ist Dobrick im Trainerjob tätig, hatte Stationen bei Holstein Kiel, der TSG Hoffenheim, Red Bull Salzburg und ist seit dem Sommer 2025 beim FC St. Pauli in der Verantwortung. Der gebürtige Flensburger ist Inhaber der UEFA-A-Lizenz und spielt mit seinem Team in der DFB-Nachwuchsliga in der Hauptrunde Liga B. Sein Team informierte er am Montagabend nach dem Training im Mittelkreis kurz vor seinem Schritt in die Öffentlichkeit - und erhielt Applaus.

Hitzlspergers Coming-out ist zwölf Jahre her

Als Dobrick noch Jugendlicher war, outete sich Thomas Hitzlsperger im Sommer 2014, das ist fast zwölf Jahre her. "Das hat etwas mit mir gemacht. Da war ich 17 Jahre alt." Bis heute aber ist kein Profi in Deutschland nachgezogen. Homosexualität wird im Fußball immer noch von vielen als Tabu angesehen.

In Australien hatte Josh Cavallo im Oktober 2021 sein Coming-out, noch 2025 berichtete er von "täglichen Morddrohungen". Cavallo lebt inzwischen in England, für eine große Karriere im Profifußball hat es nicht gereicht, er ist in der achten Liga unterwegs. Im Jahr 2022 folgte der Engländer Jake Daniels, der damals für Blackpools U21 spielte, Cavallos Beispiel. Seit dem Sommer ist der 21-Jährige vereinslos. Der ehemalige tschechische Nationalspieler Jakub Jankto (45 Länderspiele) hatte im Februar 2023 sein Coming-out, zuletzt ging der Spanier Alberto Lejárraga an die Öffentlichkeit, er spielt für UD Sanse in der vierten Liga. Im Juni 2025 heiratete er seinen jetzigen Ehemann.

Auch Dobrick ist vergeben. Seit vier Jahren ist er in einer Beziehung, sein Freund hatte ihn auch schon nach Salzburg begleitet, die beiden kennen sich aus ihrer Heimat Flensburg. Aber über seinen Freund öffentlich reden konnte er bislang nicht. "Natürlich gibt es Situationen, wo man allein auf die Weihnachtsfeier geht, wo andere ihre Freundinnen mitbringen. Und man geht nach dem zweiten Bier nach Hause, weil man keine Lust hat, nach dem vierten Bier gefragt zu werden: 'Warum bist du eigentlich alleine hier? Ich denke, du bist in festen Händen.'" Das Drumherumreden sei "eine Wortakrobatik, die zumindest mal zehn Prozent vom Arbeitsspeicher im Hintergrund zieht, die man eigentlich in den Beruf und in den Sport investieren könnte."

Was Jürgen Klopp mit dem Coming-out zu tun hat

Einen großen Einfluss auf sein Coming-out hatte Jürgen Klopp. Im April 2025 hat er - noch in seiner Zeit bei RB Salzburg - die Trainer-Ikone getroffen. "Wir haben über Spielphilosophie gesprochen, über Taktik und das Thema Führung. Er hat damals einen Satz gesagt: 'Du kannst sein, wer du willst, aber du musst für etwas stehen.' Das hat mich ins Grübeln gebracht." Für Dobrick steht fest: "Ich habe wenige authentischere Menschen kennengelernt, als ihn. Am Ende ist das eine brutale Stärke. Und ich bin halt nicht authentisch in dem Moment, wo ich einen wichtigen Teil von mir vor meinen Spielern, vor meinen Arbeitskollegen, vor der Welt verstecke."

Auf Verstecken hat der junge Trainer keine Lust mehr. Dass die Welt um ihn herum nicht rosarot ist, das weiß Dobrick, dem seit der Geburt der linke Unterarm und die Hand fehlt. Er ist auch für negative Reaktionen gewappnet: "Ja, das kann natürlich passieren. Fußball ist sowieso emotional und am Ende ist es ein Aufhänger mehr. Dadurch, dass ich mit der Behinderung geboren bin, bin ich es nicht nur gewohnt, angestarrt zu werden, als wäre ich Knut, der Eisbär im Berliner Zoo. Sondern am Ende bin ich es auch gewohnt gewesen, als Spieler auf dem Platz beschimpft zu werden."

Für seine Karriere erwartet er keinen Einschnitt. "Wenn jemand gut Fußball spielt oder ein sehr guter Trainer ist, kann sich kein Fußballklub leisten zu sagen: 'Den schicken wir jetzt weg, weil privat lebte ein Mann und keine Frau.' Das wäre ja absurd, das wäre ja schon geschäftsschädigend." Für sein Privatleben aber schon - einen positiven: Dobrick outet sich nicht in erster Linie, um anderen Mut zu machen. Das wäre ein schöner Nebeneffekt. Vor allem aber will er in Zukunft seine "Energie darauf verwenden können, meine Spieler besser zu machen und das Ganze in den Sport zu stecken und eben nicht mehr den Eiertanz aufzuführen."

Mehr dazu lesen Sie bei stern+. Mehr sehen Sie bei RTL Aktuell und im Nachtjournal Spezial: "Coming-out im Profifußball".

Quelle: ntv.de, ara

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