Fußball

Abwehr-Totalausfall? Egal!Nicht zu fassender Wirtz macht Bundestrainer das größte Geschenk

28.03.2026, 05:59 Uhr
imageVon Sebastian Schneider, Basel
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BAU-Basel-Fussball-Laenderspiel-Schweiz-vs
Beim zweiten Tor erlaubte Wirtz sich dann doch das Jubeln. (Foto: picture alliance / Baumann/Hansi Britsch)

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft startet mit einem 4:3-Sieg ins WM-Jahr. Besonders ein DFB-Star sticht in der Schweiz heraus. Florian Wirtz lässt vergessen, dass die Nationalelf bis zum Turnierbeginn noch etwas Zeit braucht.

Dann passierte doch noch das Unmögliche. In der 74. Minute traf Florian Wirtz doch tatsächlich eine falsche Entscheidung. Einfach so. Er hatte den Ball am Fuß, im Strafraum der Schweizer. Doch statt das Spielgerät auf den besser positionierten DFB-Debütanten Lennart Karl abzugeben, suchte er selbst den Abschluss. Der Ball wird geblockt, die Chance versandet, Karl bleibt ohne Tor.

Aber sonst? Muss man die Fußball-Lupe schon sehr genau ansetzen, um einen Fehler bei Wirtz zu finden. Für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bedeutet das nach dem 4:3-Testerfolg in der Schweiz: Was hätte dieses DFB-Team nur gemacht, wenn es diesen Florian Wirtz nicht hätte? Am Ende eines aberwitzigen Abends mit sieben Toren und wechselnden Führungen bleibt vor allem die Geschichte des strahlenden 22-Jährigen, der all die anderen Sorgen zu Beginn des WM-Jahres verblassen lässt - zur Freude des Bundestrainers.

Selbst den Protagonisten fiel es am Ende schwer, eine solche Leistung wie die von Wirtz in Worte zu fassen. Bundestrainer Julian Nagelsmann nannte es "außergewöhnlich", sein Schweizer Amtskollege Murat Yakin fand ihn "hervorragend". DFB-Abwehrmann Jonathan Tah sah ein "Wahnsinnsspiel" seines Kollegen. Wirtz selbst sprach von seinem "wahrscheinlich schon" besten Länderspiel. Und das Publikum im St. Jakob-Park? Dem entglitt gleich häufiger dieses Geräusch, das man nur selten in einem Fußballstadion hört: dieses ungläubige "Oooahhhh".

Ein Schweizer Käse

Das lag vor allem auch an der 61. Minute. Denn da trifft Wirtz eine sehr richtige Entscheidung. Der Liverpooler bekommt von Serge Gnabry eine Ecke kurz angespielt. Wirtz nimmt an der Strafraumkante Maß, zieht ab. Der Ball ist eine gefühlte Ewigkeit in der Luft, der Schuss wird länger und länger und länger. Bis er aufs Tor zufliegt, da fällt er genau richtig unter die Latte ins Netz. Der Torschütze jubelt erst gar nicht, das machen die Teamkollegen für ihn. Es ist der Ausdruck von absoluter Aura. Ein nonchalantes Gesamtkunstwerk.

Der Treffer aus der Kategorie "Traumtor" zum 3:2 war nur eine von gleich vier spielentscheidenden Aktionen Wirtz'. Er erzielte (ähnlich sehenswert) den 4:3-Endstand mit einem Schuss in den Winkel (86. Min). Zuvor bereitete er das 1:1 von Tah per Flanke vor. Und vielleicht noch wichtiger: Mit einem Geniestreich spielte er Gnabry kurz vor der Halbzeit frei, der Bayern-Angreifer konnte deshalb fast ungestört aufs Schweizer Tor zulaufen - und per Lupfer den zwischenzeitlichen Ausgleich zum 2:2 erzielen.

Dabei wäre die absolut entscheidende Szene des Spiels beinahe eine völlig andere gewesen. Eigentlich war die DFB-Elf in der ersten Hälfte drauf und dran, dieses Testspiel zu verlieren. Die Schweiz war in der 42. Minute schon zum zweiten Mal in Führung gegangen. Der Jubel weckte das Basler Fußballstadion, das in einen späten Winterschlaf verfallen war, wieder auf. Begleitet von "Hopp Schwiiz"-Rufen folgte eine Chaosphase: Nach einer halbgaren Klärungsaktion fällt dem Schweizer Fabian Rieder der Ball vor die Füße, er zieht ab. DFB-Stammkeeper Oliver Baumann ist schon geschlagen, aber der Ball klatscht gegen die Latte.

Was wäre gewesen, wenn der Ball im DFB-Tor eingeschlagen wäre? Es wäre unmittelbar vor der Halbzeit der 1:3-Rückstand gewesen. Ob die Nationalelf wirklich einen Zwei-Tore-Rückstand gedreht hätte? Zweifel sind durchaus berechtigt. Denn so wie die DFB-Elf (minus Wirtz) aufgetreten ist, war das von WM-Form noch so weit weg, wie Basel von Winston-Salem entfernt liegt. Gerade die Defensive zeigte sich durchlässig wie ein (Obacht!) Schweizer Käse. Besonders undankbar war der Abend für DFB-Keeper Baumann, der seine erste Parade (wirklich) erst in der 88. Minute feiern durfte. Alle anderen Schweizer Schüsse aufs deutsche Tor landeten auch im Ziel.

Was wäre, wenn?

Der Bundestrainer hatte am Vortag noch sein Innenverteidigerpärchen für die WM gekürt. Doch Tah und Nico Schlotterbeck hatten davon möglicherweise nichts mitbekommen. Der eine (Tah) traf zwar nach einer Ecke zum 1:1-Ausgleich, zeigte aber überraschende Schwächen im Zweikampf, verursachte so das zweite der drei Gegentore. Der andere (Schlotterbeck) war vom neuen schlafanzugartigen DFB-Dress offenbar so beeinflusst, dass er den Ball immer wieder zu seinen rot tragenden Gegenspielern passte - und so das erste der Schweizer Tore verursachte.

Das alles besserte sich erst nach der Pause, was auch daran lag, dass Yakin sein eifriges Wechselspiel aufnahm und tatsächlich bis zum Ende zehnmal (also alle Feldspieler) austauschte. Schon unmittelbar nach der Halbzeit verabschiedete sich der Feldherr Granit Xhaka, was sich durchaus bemerkbar machte. Trotzdem nervten die Schweizer Konter-Fußballer die deutsche Auswahl weiter.

Nur, wer braucht eigentlich eine Defensive, wenn man "Oooahhhh"-Spieler wie Wirtz im Team hat? Der nutzte die 90 Minuten, um neun schwere Monate vergessen zu machen. Der Wechsel nach Liverpool, das gewaltige Preisschild, die ersten Zweifel: Nichts davon sei an ihm vorbeigegangen, sagte Nagelsmann. "Es ist ganz normal, dass solche Situationen junge Menschen auch beschäftigen." Beide hätten in der Zeit noch einmal zueinandergefunden. Wirtz habe sich in Gesprächen viel geöffnet, berichtete Nagelsmann zuletzt immer wieder. Die Entwicklung bei Liverpool sei für Wirtz extrem gut gewesen. "Auch wenn das sehr schmerzhaft war."

Havertz deutet an

Aus dem Schmerz erwächst ein Wirtz, den man lange im DFB-Team vermisst hatte. Er wirkt zielstrebiger und zugleich spielfreudiger als zuvor. Und das, obwohl sein Counterpart, Jamal Musiala, immer noch verletzt fehlt. Der Bayern-Star steht nun mittlerweile seit einem Jahr im DFB-Team nicht mehr zur Verfügung. Erst mit einer Muskelverletzung, dann wegen des komplizierten Unterschenkelbruchs. Die März-Länderspiele verpasst er wegen einer Schmerzreaktion im ehemals verletzten Knöchel.

Ob er noch rechtzeitig zur Weltmeisterschaft zurückkehrt? Nagelsmann sprach vielsagend in Basel davon, dass Musiala nicht mehr viel Zeit bleibe. Effektiv seien es noch acht Wochen, die der 23-Jährige habe, um wieder auf 100 Prozent zu kommen. Und dass er selbst dann noch etwas Zeit braucht, zeigte die Rückkehr von Kai Havertz. Auch er war ein Jahr ausgefallen, gegen die Schweiz blitzte sein Können wieder auf - wenn auch noch ohne eigenen Treffer.

Bei der Heim-EM vor zwei Jahren war es das Dreiergespann aus Wirtz, Musiala und Havertz, das die DFB-Elf durch das Turnier getragen hat. Am Ende kommt es auf sie alle in Nordamerika. Und klar, auch die Abwehr.

Quelle: ntv.de

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