Fußball

Rüge. Rassismus. Rücktritt. Özil ist jetzt nicht mehr nur Fußballer

6abf269f6f055acab00e6e0f3b0fbcd7.jpg

Özil geht nicht im Guten.

dpa

Wütend tritt Mesut Özil aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zurück. Mit seiner Twitter-Abrechnung zwingt er sich und den DFB auf ein Feld, auf dem beide eigentlich nicht agieren wollen.

Mesut Özil sagt, sein "Beruf ist Fußballer, nicht Politiker". Mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan habe er auch nur über Fußball geredet. Nicht über Politik. So wie sie es immer tun. Denn ihre Wege kreuzen sich regelmäßig. Fotos davon gibt es reichlich. Dass nun ausgerechnet das vom 13. Mai dieses Jahres zur Belastungsprobe einer deutschen Gesellschaft wird, die sich an der Konfliktlinie Integration aggressiv abarbeitet, versteht der hochbegabte Fußballer Özil nicht. Oder er will es nicht verstehen.

acf3ece98fb0ada1217aff74e243de99.jpg

Beim Treffen mit Erdogan habe er aus Respekt vor dem Amt gehandelt, sagt Özil.

(Foto: imago/Horstmüller)

In der komplizierten Logik seiner Handlungsweisen hat ein Fußballer Verantwortung für den Ball und seine Mannschaft, nicht für etwa 82 Millionen Menschen in Deutschland und fast nochmal so viele in der Türkei. Das ist im Grundsatz nicht falsch. Es ist aber bloß ein fußballromantisches Ideal, das nicht erst an der Realität des Sommers 2018 zerschellt. Und weil das so ist, weil das Foto, Özils langes, fatales Schweigen und die historische Blamage der DFB-Elf bei der Weltmeisterschaft in Russland zu einer absurden Kausalität zusammengeschraubt wurden, tritt Özil nun zurück. Nicht mehr als Fußballer, sondern als politischer Mensch. Und Mesut Özil tritt dabei in alle Richtungen.

Seine am Sonntag in drei Akten bis zur Katharsis "DFB-Ende" vollzogene Twitterrüge ist eine Abrechnung mit dem wuchernden Rassismus, den der Spieler des FC Arsenal in Deutschland auf nahezu allen Ebenen spürt: bei Fans, bei Medien, bei Sponsoren, bei Politikern und ganz besonders an der Spitze des DFB, bei Präsident Reinhard Grindel. Der soll sich nämlich dafür stark gemacht haben, Özil wegen des Fotos aus dem Team zu werfen, ohne sich für dessen Beweggründe zu interessieren. Bundestrainer Joachim Löw und Team-Manager Oliver Bierhoff hielten demnach aber dagegen - und zu Özil. In seiner Attacke schreibt der 29-Jährige klar an Grindel gerichtet: "Wenn hochrangige DFB-Offizielle mich so behandeln, wie sie es getan haben, meine türkischen Wurzeln nicht respektieren und mich aus selbstsüchtigen Gründen für politische Propaganda benutzen, dann ist genug genug. Dafür spiele ich nicht Fußball und ich werde mich nicht zurücklehnen und in dieser Sache nichts tun. Rassismus darf niemals akzeptiert werden."

b28a718e34dd959755f3424d50f13927.jpg

Insbesondere DFB-Präsident Reinhard Grindel agiere rassistisch, so Özil.

(Foto: dpa)

Viel von dem Rassismus, den Özil empfindet und nun beklagt, ist ihm tatsächlich begegnet - in den sozialen Netzwerken, im Stadion. Nicht klein und versteckt, sondern groß und wuchtig. Auf den herausragenden Fußballer und sein Foto mit einem demokratiefern regierenden Präsidenten wurde in den vergangenen 69 Tagen eine gesellschaftliche Debatte übertragen, die seit Jahren keine akzeptierte Lösung findet. Das ist nicht nur bizarr, das ist nicht fair. Eine politisch völlig überreizte Diskussion wurde da reduziert aufs Persönliche. Özil dreht das aber nun eins zu eins um: Er macht das Persönliche zum Politischen, mit einem neuen Protagonisten - Grindel, der glaubhaft machen muss, dass deutsche Fußballer mit einem Migrationshintergrund nicht einen Deut anders behandelt werden als deutsche Fußballer ohne Migrationshintergrund. Für einen CDU-Politiker, der einst gegen die doppelte Staatsbürgerschaft gestimmt haben soll und 2004 in einer Rede im Bundestag Multikulti in deutschen Städten als Lebenslüge bezeichnet hat, hat das eine besondere Schwere.

Wie hält's der DFB mit der politischen Verantwortung?

Özil hat sich in seinem episch langen Twitterstück erklärt - wie ausgerechnet von Grindel gefordert und gewünscht. Entschuldigt hat der Spielmacher sich nicht. Dafür sieht er offenbar keine Notwendigkeit. Das Foto - ein Fehler? Warum? Dass sich die politische Lage in den deutschen-türkischen Beziehungen zwischen seinem ersten Treffen mit dem türkischen Präsidenten 2010 und dem Mai 2018 radikal verändert hat, blendet Özil zumindest öffentlich aus. Dass er sich bei Twitter und nicht in einem Interview erklärt, ist konsequent. Nachfragen zu seiner tatsächlichen Einstellung zu Erdoğan - nicht möglich. Ebenso nicht wie Fragen zu Menschenrechten und Pressefreiheit, die der Präsident in der Türkei eingeschränkt hat. Verantwortung für sein Handeln? Özil übernimmt sie nicht. Das nächste Berater-Desaster nach Erdoğan-Foto, nach dem Bierhoff-(Özil "unabsichtlich" an den Pranger gestellt) und Grindel-(Özil soll sich erklären)-Interview. Der Fußballer zieht bloß die Konsequenz aus den Folgen. Und das ist wohl unbeabsichtigt eine gute Nachricht für den DFB. Was hätte der DFB denn getan oder gar tun müssen, wenn sich der 29-Jährige auf den sehr späten Druck des Verbandes plötzlich hingestellt, das Foto als Fehler eingeräumt und die geforderten Werte für sich neu beschworen hätte?

Wäre der DFB seiner politischen Verantwortung nachgekommen? Hätte der DFB nach seinen hohen moralischen Werten gehandelt? Hätte er sich mit seiner Macht als größter Einzelsportverband der Welt kritisch zur WM in Russland geäußert? Hätte er bei Fragen über Arbeitsbedingungen oder das enthüllte, aber immer noch nicht aufgeklärte Staatsdoping Stellung bezogen? Gar Haltung gezeigt? Und wie sieht es mit den aggressiven außenpolitischen Aktivitäten Russlands zwischen Krim-Annexion und Intervention im Syrien-Krieg an der Seite von Baschar al-Assad aus? Und wie steht der DFB denn zum nächsten WM-Ausrichter Katar? Was sagt er zu den Berichten über Menschenrechtsverletzungen, Arbeitssklaverei und Finanzierung des IS-Terrors? Würde er das Anbiedern der Fifa an Despoten ansprechen? Oder den Wahnsinn des kommenden Formats Mega-WM kritisieren? Würde er sich mit seinen Integrationsprojekten gegen den auch jetzt wieder aufploppenden stumpfen Populismus rechter Parteien wehren? Oder ist das gar alles zu viel verlangt? Vielleicht sogar völlig überhöht? Lieber doch nur: Geht's raus und spielt's Fußball?

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema