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Schalke verpasst Sensation Regelkunde für Man City, Lehrstunde für S04

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Aus der königsblauen Umklammerung kann sich Manchester City auch in Unterzahl lösen.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Gegen Manchester City liegt der FC Schalke 04 lange auf Siegkurs und profitiert vom den Engländern kaum bekannten Videobeweis. Trotz Überzahl muss sich das Team von Trainer Domenico Tedesco aber der Qualität und Cleverness des Teams von Josep Guardiola beugen.

Wer sagt denn, dass Stadionbesuche nicht auch lehrreich sein können? In Gelsenkirchen jedenfalls erklärte der Stadionsprecher eine Viertelstunde vor dem Spiel den Ablauf in Sachen Videobeweis. Was den Fußballfreunden hierzulande seit eineinhalb Jahren - zum Teil lust-, zum Teil aber auch leidvolle - vertraute Bundesliga-Wirklichkeit ist, wird in der Premier League erst mit Saisonbeginn 2019/2020 fester Bestandteil des Ligabetriebs werden. Insofern fiel die Nachhilfestunde in Sachen Regelkunde vor dem Achtelfinal-Hinspiel des FC Schalke 04 gegen Manchester City in deutscher Sprache knapp, für die 3.000 mitgereisten Manchester-Fans in Englisch ausführlich aus.

Was gut war, weil der spanische Video-Referee Alejandro Hernandez bei der 2:3 (2:1)-Heimniederlage der Gelsenkirchener gegen das Team von Trainer Josep Guardiola in Durchgang eins mehrfach sehr genau hinsehen musste, um strittige Szenen zu bewerten. Da war zum Beispiel das Foulspiel gegen Mark Uth, das dem 0:1 (18.) vorausging, vom Videoassistenten begutachtet, aber nicht nachträglich geahndet. In der folgenden Szene bescherte ein schlafmütziger Auftritt von Keeper Ralf Fährmann und Defensivchefs Salif Sané den Gästen von der Insel die frühe, aber nicht unverdiente Führung. Das Bollwerk hatte dem Sturmlauf der Gäste also gerade mal eine gute Viertelstunde standgehalten.

Den Citizens reichen fünf Minuten

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Der spanische Unparteiische Carlos del Cerro Grande im Gespräch mit den Kapitänen beider Klubs.

(Foto: imago/Team 2)

Der Außenseiter, der in der Bundesliga seit vier Spielen auf einen Sieg wartet, kam aber rasch zurück. Und diesmal war der Videobeweis auf Seiten der Schalker. Daniel Caligiuri hatte aus 20 Metern aufs Tor geschossen, Nicolas Otamendi den Ball mit dem Oberarm ins Toraus gelenkt. Es dauerte fast drei Minuten bis der spanische Unparteiische Carlos del Cerro Grande auf Strafstoß entschied, der Monitor am Spielfeldrand hatte gestreikt. Irgendwann dann verwandelte Nabil Bentaleb zum 1:1 (38.). Sieben Minuten später aber blieb der Mann an den Bildschirmen stumm, als Cerro Grande erneut auf den Punkt zeigte, der gefoulte Sané aber - wenn auch wenige Zentimeter - im Abseits stand. Wieder verwandelte Bentaleb (45.) erst den Strafstoß, danach die Arena in eine große Party. "Ich unterstütze den Videobeweis", sagte Guardiola. "Aber wir werden das sicher noch verbessern müssen."

Immerhin: Die beiden Treffer für Man City in der 85. durch Leroy Sané und in der 90. Minute durch Raheem Sterling wurden einspruchslos anerkannt. Bis dahin wähnte sich das Team von Trainer Domenico Tedesco auf dem Weg zu einer Riesenüberraschung. Das Hinspiel im Achtelfinale der europäischen Königsklasse nahm deshalb zumindest eine Halbzeit lang einen höchst unerwarteten Verlauf und bescherte den Knappen die wohl schönste Halbzeitpause in dieser bislang enttäuschenden Saison. Und als sich die Gäste nach 67 Minuten selbst dezimiert hatten, nachdem der bereits gelb-verwarnte Otamendi den gerade eingewechselten Guido Burgstaller von den Beinen holte und dafür die Ampelkarte sah, schien Schalke einer sportkulturellen Auferstehung nahe zu sein. Wenn da nicht die Schlussphase gewesen wäre. "Natürlich sind wir enttäuscht", sagte Tedesco. "Wir hatten heute sehr lange das Quäntchen Glück auf unserer Seite."

Schalke spielt es zu schlampig

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Ralf Fährmann ist gegenden Freistoß von Leroy Sané chancenlos.

(Foto: imago/Xinhua)

Es waren zwei schlampig gespielte Situationen, die verhinderten, dass der ohnehin in der Kritik stehende Coach ein paar entspannte Tage haben sollte. Ein unnötiger Ballverlust im Mittelfeld ("Nachdem wir zwei Minuten in Ballbesitz waren", so Tedesco) führte zu einem Foul, das Foul zu einem Freistoß, den der erst in der 78. Minute eingewechselte Ex-Schalker Leroy Sané traumhaft versenkte. "Ein unglaubliches Gefühl, wieder in Schalke zu sein", sagte der Schütze. "Für mich ist heute ein Traum in Erfüllung gegangen."

Bei Gegentor Nummer drei machte Bastian Oczipka eine unglückliche Figur, als er nach einem langen Abschlag von Citys Keeper Ederson den entscheidenden Zweikampf gegen Sterling verlor. Spätestens da war allen klar: Es könnte für lange Zeit der letzte internationale Höhepunkt in Gelsenkirchen gewesen sein. "Wir wollten heute auf keinen Fall untergehen", sagte Caligiuri. Taten sie auch nicht. Aber vielleicht war genau das das Problem: Als die Sensation bei Überzahl zum Greifen nahe war, gingen die Schalker nicht konsequent auf das dritte Tor, sondern verwalteten einen knappen Vorsprung - letztlich erfolglos. Was seiner Mannschaft denn derzeit fehle, wurde Tedesco gefragt. "Cleverness", war die Antwort. Und "Vielleicht hätten wir in der einen oder anderen Situation ein wenig mutiger spielen sollen." Die Idee kam ihm zu spät, seine Kritiker werden genau hingehört haben.

Guardiola peilt den Henkelpott an

Manchester City hat eben das getan: mutig gespielt. Und wurde belohnt. Aber natürlich ist das selbst zu Zehnt auch deutlich einfacher, wenn man mit breiter Brust in solch ein Spiel geht. Für Guardiola bleiben die beiden Auseinandersetzungen mit dem Ruhrpottclub damit wohl nur Durchgangsstationen auf dem Weg zum großen Ziel. Auch ohne seine beiden Stammkräfte Gabriel Jesus und Fabian Delph wollte er die Weichen schon im Hinspiel auf Weiterkommen stellen, seine Mannschaft hat ihm dieses Begehr erfüllt. "Wir wollten eine gute Ausgangsposition mit einem guten Ergebnis holen - das ist uns gelungen", so der ehemalige Bayern-Coach, der aber auch einschränkte: "Wir sind in der Lage, die Champions League zu gewinnen, müssen uns aber noch deutlich verbessern."

Guardiola brennt darauf, die Königsklasse zu gewinnen. Alles andere - und dazu gehört wohl auch die Meisterschaft in England - ordnet er diesem großen Ziel unter. Trotz Titelgewinns in der abgelaufenen Saison sagt Guardiola: "Meine erste Saison in Manchester war schlecht, weil wir die Champios League nicht gewinnen konnten." Und weiter: "In dieser Saison sind wir besser aufgestellt. Wir wollen bestehen und haben große Träume." Dass er zum Abschluss der Pressekonferenz sagte, dass das Achtelfinale gegen Schalke noch nicht entschieden sei, war da wohl nur ein Gebot der Höflichkeit.

Quelle: n-tv.de

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