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"Spaß am Fußball zurückgegeben" Schalke reift unter Wagner zum Spitzenteam

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Trainer David Wagner hat offenbar ein Händchen für die Schalke-Spieler.

(Foto: imago images/RHR-Foto)

Sie feiern spät, aber sie feiern: Der FC Schalke 04 bezwingt in der Fußball-Bundesliga den 1. FC Union Berlin. Das bedeutet Tabellenplatz zwei. Die Reihung zahlreicher guter Ergebnisse beweist: Unter Trainer David Wagner ist Schalke auf dem Weg zu einem Spitzenteam.

Will man den Schalkern Übles, könnte man boshaft behaupten: Zum wiederholten Male in dieser noch jungen Spielzeit vergeigte der Fußball-Bundesligist aus Gelsenkirchen den Sprung an die Tabellenspitze, um sich zumindest für knapp 20 Stunden im Glanz des Spitzenreiters sonnen zu können. Zugegeben, um dieses verlockende Ziel zu erreichen, war die Aufgabe gewaltig. Im Heimspiel gegen den 1. FC Union Berlin hätten die Blau-Weißen einen Sieg mit vier Treffern Differenz benötigt, was gegen die Mannschaft aus der Hauptstadt, die nach wettbewerbsübergreifenden vier Siegen in Serie als die Mannschaft der Stunde in den Ruhrpott kam, ohnehin eine hehre Aufgabe war. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Klubs in der Bundesliga endete aber nach einem äußerst unterhaltsamen Fußballspiel zumindest mit 2:1 (1:1) für die Gastgeber, die sich damit für eine Nacht auf Rang zwei wohlfühlen dürfen, punktgleich mit dem Spitzenreiter.

Für die gewohnt leidensfähige Schalker Seele war es also gar nicht so schlimm, erneut an Platz eins vorbeigeschrammt zu sein. Das ist sicher bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist, dass die Knappen nach einer vergurkten Vorsaison gegenwärtig nicht nur ansehnlichen, sondern auch erfolgreichen Fußball spielen. Auf ihrem Weg zurück in die Bundesligaspitze sind sie in Gelsenkirchen seit dem Sommer schon erstaunlich weit gekommen. Nach 25 Punkten aus 13 Spielen drängt sich zwangsläufig die Frage auf, wie viel Spitzenmannschaft schon im blau-weißen Fußball-Kollektiv steckt.

Offensichtlich immer mehr. Bislang schien es so, als ob das Team gerade gegen Gegner aus der unteren Tabellenhälfte daheim nicht gewinnen könne. Gegen Köln (1:1) und Düsseldorf (3:3) kassierten sie späte Gegentore. Und gegen den Rivalen aus Dortmund (0:0) vergaßen sie trotz überlegener Spielweise ganz einfach das Tore schießen. "In diesen Spielen haben wir Punkte liegen lassen, was naiv und selbstverschuldet war und oft sehr spät passierte", so Schalkes Trainer David Wagner selbstkritisch. "Wir sind mitten im Prozess. Deshalb müssen wir unsere Lehren ziehen."

"Wir hätten den Siegtreffer schon früher erzielen können"

Das Heimspiel unter den Augen von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, der erstmals nach seiner verbalen Entgleisung wieder im Stadion war, und Huub Stevens, der seinen 66. Geburtstag feierte, dürfte demnach ein großer Schritt in diesem Prozess gewesen sein. Wieder führten die Schalker durch ein sehenswertes Tor von Benito Raman (23.), und wieder schien es so, als ob es gegen den Aufsteiger aus Berlin nur zu einem weiteren Remis reichen würde. Wenn auch diesmal aufgrund eines äußerst zweifelhaften Strafstoßes, den Matija Nastasic an Robert Andrich verschuldet haben soll, und den Marcus Ingvartsen mit links humorlos verwandelte (36.).

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Tönnies war erstmals wieder im Stadion.

(Foto: imago images/Team 2)

Warum der Videoassistent Deniz Aytekin seinem Kollegen bei der offensichtlichen Schwalbe keine Hilfestellung gab, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Die Diskussionen um den Videobeweis wären todsicher wieder aufgeflammt, hätte nicht Suat Serdar nach schöner Vorarbeit von Ahmed Kutucu und Amine Harit in der 87. Minute den schlussendlich verdienten Siegtreffer für die Hausherren erzielt. Nach drei unentschiedenen Heimspielen behielten die Schalker damit endlich mal wieder alle Punkte daheim. "Wir hätten den Siegtreffer schon früher erzielen können", sagte Wagner später. "Aber wenn es so spät passiert, macht es das umso schöner."

"Junge, hungrige Mannschaft"

Mögen die Auftritte vor heimischer Kulisse - auch am Freitagabend war das Stadion mit 61.837 Besuchern erneut ausverkauft - einen Aufschwung bislang nur bedingt widerspiegeln, die Gastspiele der Schalker in der Liga zeigen ein ganz anderes Bild. Vier Siege auf des Gegners Platz, dazu ein Unentschieden und eine unnötige Niederlage in Hoffenheim - das ist zweifelsfrei die Bilanz eines Spitzenteams. Vor allem die bemerkenswerten Präsentationen in Leipzig (3:1) und in Bremen (2:1) nötigten selbst der Konkurrenz Respekt ab. Kam der Sieg in Leipzig noch ein wenig überraschend, so war der Erfolg gegen Werder Resultat einer reifen Leistung. "Solche Spiele sind ebenso Teil der Entwicklung dieser Mannschaft", sagt Wagner, der nun schon seit fünf Begegnungen in der Liga ungeschlagen ist.

Was also hat der Mann, den sie in England nach seinem Abgang in Huddersfield schmerzlich vermissen, mit dieser einst zutiefst verunsicherten Mannschaft gemacht? Schalke im Spätherbst 2019, das ist intensiver, aggressiver Fußball mit sehr vielen offensiven Akzenten und mit 90 Minuten Dauerpressing. Nur selten lassen sie gegnerische Mannschaften ungestört ihr Werk tun. "Wir sind eine junge, hungrige Mannschaft, und der Trainer hat uns das nötige Selbstvertrauen zurückgegeben", sagte Siegtorschütze Serdar nach der Partie. "Und er hat uns den Spaß am Fußball zurückgegeben."

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Zum Sieg in der 87. Minute trifft Suat Serdar.

(Foto: imago images/Xinhua)

Serdar steht dabei stellvertretend für einige Spieler, die im Sommer 2018 zum S04 kamen, aber unter Wagners Vorgänger Domenico Tedesco nicht funktionierten. Was für Serdar gilt, das gilt auch für Harit, für Omar Mascarell und für den derzeit verletzten Salif Sané. Allesamt wurden als Fehleinkäufe der Ära Heidel abgestempelt, alle vier bilden heute das Fundament der bislang mutig und erfolgreich aufspielenden Schalker Truppe.

"Total wurscht"

Teil der Wahrheit aber ist auch, dass Schalke sicher noch Lücken im Kader hat, die aus wirtschaftlichen Gründen nicht gestopft werden konnten. Trotz Stoßstürmern wie Guido Burgstaller, Ahmet Kutucu und schnellen Offensivleuten wie Mark Uth und Benito Rahman, fehlt ein treffsicherer Angreifer wie ihn Borussia Dortmund beispielsweise in Paco Alcacer hat. Und auch auf der linken Außenbahn fehlt es hier und da an Qualität.

Und es fehlt noch die Souveränität und die tiefe Überzeugung, aus Überlegenheit ein positives Ergebnis zu konstruieren. So geschehen im Heimspiel gegen Borussia Dortmund und auch im Gastspiel in Hoffenheim. Nicht auszudenken, wenn diese sechs Punkte allesamt auf das Konto der Gelsenkirchener geflossen wären. Dieser Glaube dürfte mit dem gestrigen Erfolg gewachsen sein. "Wir dürfen nie vergessen, woher wir gekommen sind", sagte Torwart und Mannschaftskapitän Alexander Nübel nach dem Spiel gegen Union. "Deshalb schauen wir derzeit gar nicht erst auf die Tabelle." Den Trainer dürfen solche Äußerungen im Bemühen, nicht abzuheben und konzentriert weiterzuarbeiten, gefallen. Er selbst sagte auf die Frage, was es ihm bedeute, für eine Nacht Zweiter zu sein: "Das ist mir total wurscht. Die Tabelle ist nach 13 Spielen irrelevant." Er wird verstehen, wenn die Schalker Fans das ganz anders sehen.

Quelle: n-tv.de

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