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Programmiertes Grauen, nun geht's zum FC Bayern Schalkes Kotau vor den Königlichen

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Real Madrids Star-Ensemble spielte mindestens eine Klasse höher als der FC Schalke 04.

(Foto: imago/Eibner)

Julian Draxler hatte angekündigt: "Wir sind nicht Leverkusen, sondern Schalke." Nach dem 1:6-Desaster in der Champions League gegen Real Madrid wissen alle: stimmt. Nur anders, als die Schalker gedacht haben.

FC Schalke - Real Madrid 1:6(0:2)

Tore: 0:1 Benzema (13.), 0:2 Bale (21.), 0:3 Ronaldo (52.), 0:4 Benzema (57.), 0:5 Bale (69.), 0:6 Ronaldo (89.), 1:6 Huntelaar (90.+1)

FC Schalke 04: Fährmann - Höwedes, Matip, Felipe Santana, Kolasinac (76. Christian Fuchs) - Kevin-Prince Boateng (59. Goretzka), Neustädter - Farfan (72. Obasi), Meyer, Draxler - Huntelaar. - Trainer: Keller

Real Madrid: Casillas - Carvajal, Pepe, Ramos, Marcelo - Alonso (73. Illarramendi) - Modric, Di María (68. Isco) - Bale (80. Jese), Benzema, Ronaldo. - Trainer: Ancelotti

Schiedsrichter: Howard Webb (England)
Zuschauer: 54.442 (ausverkauft)

Für Menschen, die einen geregelten Ablauf schätzen, war dieses Achtelfinale in der Champions League eine feine Sache. Auch Menschen, die sich gerne schönen Fußball mit teils atemberaubenden Kombinationen anschauen, kamen auf ihre Kosten. Wer aber gehofft hatte, der FC Schalke 04 könnte einem Klub wie Real Madrid auch nur irgendwie das Wasser reichen, und sei es löffelweise, der wurde arg enttäuscht. Am Ende stand ein Desaster zu Buche, die höchste Europapokal-Niederlage der 110 Jahre währenden Vereinsgeschichte, ein Kotau vor den Königlichen aus Madrid. Mehr Ehrerbietung geht nicht.

Und so durfte sich das Sturmtrio des Tabellenführers der spanischen Primera Division an diesem denkwürdigen Mittwochabend die Tore beim 6:1-Sieg in Gelsenkirchen gegen heillos überforderte Gastgeber in grausamer Regelmäßigkeit untereinander aufteilen: Karim Benzema nach 13 Minuten und Gareth Bale (21.) trafen in der ersten Halbzeit. Nach der Pause ging es weiter: Cristiano Ronaldo (52.), wieder Benzema (57.), wieder Bale (69.) und wieder Ronaldo, der eine Minute vor dem Ende der Partie sein elftes Tor in dieser Saison der europäischen Königsklasse erzielte. Ein Franzose, ein Waliser und ein Weltfußballer aus Portugal, die trafen, wie sie wollten, weil sie es konnten und die Gegenspieler sie ließen.

Das mit Abstand stärkste Stück Schalke waren die Fans der Gelsenkirchener unter den 54.442 Zuschauern in der ausverkauften Arena. Sie feierten Klaas-Jan Huntelaars zugegeben wunderbaren Treffer zum 1:6 in der Nachspielzeit wie das Siegtor und ließen sich während der gesamten Spielzeit von dem jämmerlichen Geschehen auf dem Rasen ihre gute Laune nicht verderben. Nachsicht kann durchaus auch dazu dienen, sich selbst davor zu schützen, in eine mittelschwere Depression abzugleiten. Anlässe genug gab es ja, sechs Stück an der Zahl. Die Überlegenheit der Madrilenen war eklatant. Wenigstens wissen sie jetzt auch im Ruhrgebiet, warum die Uefa die Begegnungen des Achtelfinales auf Englisch mit "First Knock-out Round" umschreibt.

"Die ersten zwölf Minuten waren ganz gut"

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War um Schadensbegrenzung bemüht: Schalkes Trainer Jens Keller.

(Foto: dpa)

Es war eine Demonstration der Stärke, Real war für Schalke zwei Nummern zu groß. Als Jens Keller konstatierte: "Ich glaube, die ersten zwölf Minuten waren ganz gut", klang das wie der verzweifelte Versuch eines Mannes, irgendetwas Positives zu finden, weil seine wichtigste Aufgabe nun sein wird, seine Spieler wieder aufzurichten; auch wenn er, gefragt nach einem seelischen Schaden, tapfer behauptete: "Die Mannschaft ist gefestigt." Ansonsten aber räumte Schalkes Trainer ein: "Wir haben viel zu viele Fehler gemacht und die Tore hergeschenkt." Immerhin weiß er Kapitän Benedikt Höwedes auf seiner Seite, auch der suchte das Gute im Schlechten; oder besser: Er versuchte es zumindest: "Es hört sich bescheuert an bei 6:1, aber wir haben gut angefangen. Aber man sieht, dass jeder Fehler bestraft wird. Es hat nicht gereicht, weil Real eine große Klasse besser war."

Das Problem war, dass Real nicht nur die besseren Spieler hat, sondern auch als Mannschaft besser funktionierte. Keller nannte das "brutale Qualität". Anders herum heißt das aber auch, dass Schalke nicht nur die schlechteren Spieler hat, sondern es auch nicht annähernd schaffte, dieses offensichtliche Defizit als Team auszugleichen. Dabei hatten sich die Schalker für ihr Spiel des Jahres doch so viel vorgenommen. Sie wollten es unbedingt besser machen als die Leverkusener, die sich vor einer Woche ebenfalls in der Champions League der Mannschaft von Paris St. Germain um Zlatan Ibrahimovic mit 0:4 ergaben. Julian Draxler hatte im "Reviersport" angekündigt: "Wir sind klarer Außenseiter, aber nur weil Leverkusen gegen Paris Seife bekommen hat, müssen wir uns nicht vor Angst in die Hose machen. Wir sind nicht Leverkusen, sondern Schalke." Stimmt. Nur völlig anders, als sich die Gelsenkirchener das vorgenommen hatten. Nach der Partie gab Draxler zerknirscht zu Protokoll: "Der Klassenunterschied war deutlich. Wir brauchen nicht mehr vom Weiterkommen zu sprechen. Wir haben jetzt in der Bundesliga wichtige Spiele vor uns."

Vom Viertelfinale sprach hinterher wirklich niemand mehr, die Messe ist gelesen. Ein spanischer Journalist fragte Reals Trainer Carlo Ancelotti, wie er den Fans der Madrilenen vermitteln könne, dass es sich trotz des Kantersieges lohne, am 18. März zum Rückspiel ins Bernabeu zu kommen. Schließlich koste eine Karte doch mindestens 50 Euro. Doch Ancelotti mochte nicht antworten, es stehe ihm nicht zu, die Preispolitik seines Vereins zu kommentieren.

Sein Kollege Keller hatte übrigens vor dem Spiel gesagt, er halte Real Madrid für die zweitbeste Mannschaft der Welt - nach dem FC Bayern. Am Samstag geht’s für die Schalker in der Bundesliga weiter. Auf dem Programm steht ab 18.30 Uhr: die Partie in München. Allein die Fans in der Nordkurve behielten angesichts des programmierten Grauens ihren Humor und sangen den alten Hit: "Zieht den Bayern die Lederhosen aus."

Quelle: n-tv.de

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