Fußball

WM-Countdown (54) So läuft das mit der Passkontrolle in Moskau

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Apropos liebenswürdig: Zabivaka, das Maskottchen der Fußball-WM, wirkt doch im Grunde recht freundlich. Und wer weiß - vielleicht kontrolliert es im Sommer ja auch die Pässe.

(Foto: picture alliance / Nick Potts/PA)

Wer die Ruhe sucht, der ist an einem der Moskauer Flughäfen richtig. So leise wie an der Passkontrolle ist es in der russischen Metropole selten. Man kann den Grenzbeamten zwar grüßen, wird darauf aber meist nur eine Antwort bekommen: Stille.

Manchmal fällt einem auf Reisen erst richtig auf, was daheim seltsam ist. Diesmal war es der Grenzbeamte im Urlaubsland, der mich auf das Thema für diese Countdown-Folge brachte: Bei der Einreise warf er einen Blick auf meinen Pass samt Visum, machte einen Stempel drauf und sagte: "Willkommen!" Und mir fiel auf: Das ist dir in Moskau noch nie passiert.

Katrin Scheib I

Katrin Scheib.

(Foto: Pascal Dumont)

Wie oft ich schon an einem der drei Moskauer Flughäfen eingereist bin - keine Ahnung. Ein paar Dutzend Mal seit 2011 jedenfalls, ich kann also mit einiger Sicherheit sagen, dass die uniformierten Damen und Herren in ihren Kabäuschen die Passkontrolle am liebsten abwickeln, ohne mit dem Besitzer des Passes in irgendeinen Sozialkontakt zu treten - kein Wort zu viel, keine Mimik, Augenkontakt nur für ein paar Sekunden, wenn das Passfoto mit dem echten Menschen abgeglichen wird. Wer von der Hektik des Alltags gestresst und auf der Suche nach einem Moment tiefster Stille ist, der muss nur in Scheremetjewo an einen Kontrollschalter herantreten und den Menschen auf der anderen Seite grüßen. Guten Morgen, guten Tag, guten Abend - der Gruß verhallt. Kein Echo, nirgends.

Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Man kann das den Kontrolleuren nur bedingt übel nehmen. Erstens sind sie Amtsträger, noch dazu in Uniform, der Nimbus des Unnahbaren will gewahrt sein. Zum anderen sind sie Moskauer und damit in Sachen Liebenswürdigkeit innerhalb ihres Landes ähnlich platziert wie die Berliner in Deutschland. In Moskau an einer Supermarktkasse zu bezahlen kann heißen, dass man von der Kassiererin nur zwei Wortbrocken hingeworfen bekommt: "Tüte?" und "Mit Karte?" Das setzt Maßstäbe, die ein Grenzkontrolleur - der natürlich weit über einer einfachen Kassiererin steht - noch übertreffen muss. In etwa so:

Reisender: "Guten Tag." (Reicht Pass an.)

Kontrolleur: "..." (Nimmt schweigend Pass entgegen. Blättert nach Visum. Vergleicht Foto mit Gesicht des Gegenübers. Tippt Sachen in den Computer. Scannt Pass ein. Druckt Migrationskarte aus. Stempelt ein bisschen rum. Schiebt Migrationskarte zum Unterschreiben rüber. Trennt Migrationskarte an der vorgegebenen Linie durch. Schiebt Hälfte der Migrationskarte samt Pass rüber zum Reisenden.)

Reisender: "Danke."

Kontrolleur: "..." (Drückt Knopf, der die Schranke Richtung Gepäckbänder öffnet.)

Reisender: "Auf Wiedersehen."

Kontrolleur: "..."

Okay, das ist ein bisschen überzeichnet. Manchmal spricht der Kontrolleur doch, er will dann kurz wissen, woher man angeflogen kommt. Das war’s dann aber auch schon wieder, in der Mehrheit der Fälle wird der obige Standardmonolog so stattfinden. Und ich bin wirklich gespannt, ob sich daran in den zwei Monaten bis zur WM noch etwas ändert. Alle werden sie gerade geschult hier in Moskau, die Freiwilligen, die Kassiererinnen in der Metro. Ob es da auch für die Grenzbeamten einen Crashkurs geben wird, in mehreren Stufen? "Einfache Grußformeln" - "Blickkontakt leicht gemacht" und als Zusatzangebot, nur für die Kursbesten: "Lächeln - wann und warum?"

Nur, damit wir uns nicht missverstehen: Keiner erwartet eine Reaktion wie bei der Einreise nach Weißrussland, wo die freundliche Grenzbeamtin beim Blick auf meinen Pass sofort ins Deutsche wechselte und zum Schluss noch wissen wollte, wie denn wohl die deutsche Bezeichnung für ihren Beruf heißt. Auch auf das Erlebnis eines Freundes, der ein paar Tage nach einer Georgien-Reise plötzlich bei Facebook eine Freundschaftsanfrage seiner Passkontrolleurin bekam, kann ich gut verzichten. Aber so ein Hauch von Interaktion? Ein Anerkennen, dass sich hier zwei Menschen gegenüberstehen? Ein "Willkommen"? Es wäre ein echter Fortschritt.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de

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