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"Pyro-Technik ist für uns ein No-Go": Bengalos an der Essener Hafenstraße.
"Pyro-Technik ist für uns ein No-Go": Bengalos an der Essener Hafenstraße.(Foto: imago/Revierfoto)
Mittwoch, 09. April 2014

"Spiel scheiße, kommen trotzdem": Tradition oder Erfolg? Am besten beides!

Von Stephan Knieps, Essen

Das Niederrheinpokal-Halbfinale zwischen Rot-Weiß Essen und dem MSV Duisburg wollen 20.000 Menschen sehen - Hoffenheim gegen Wolfsburg nur 13.000. Für viele Fans scheint die Wahrung der Tradition fast wichtiger als der Erfolg.

Am Dienstagabend wurde im Ruhrgebiet das Spiel der Spiele ausgetragen: Seit Wochen sprachen Fußballfans von nichts anderem. Es ging um so viel! Die Fans strömten zu Tausenden ins Stadion, das selbstverständlich ausverkauft war. Flutlichtspiel, TV-Übertragung, Aussicht auf Verlängerung und Elfmeterschießen. "Wir können nur gewinnen", sagte vorher der Vorstandsvorsitzende der Heimmannschaft - Michael Welling von Rot-Weiß Essen. Ach, Champions League wurde auch gespielt? "Champions League kann jeder, scheiß auf erste Liga, Niederrheinpokalsieger!" So lautete seit Tagen der Schlachtruf der Duisburger Fans. Und er sagt eigentlich schon alles.

Ausverkauft: 20.000 Menschen im neuen Essener Stadion.
Ausverkauft: 20.000 Menschen im neuen Essener Stadion.(Foto: imago/Revierfoto)

Worum geht es an diesem Abend, an der vielbesungenen Hafenstraße in Essen, während im Signal-Iduna-Park in Dortmund, 30 Kilometer Luftlinie entfernt, das große Real Madrid zu Gast ist? Es geht zunächst einmal um den Einzug ins Finale des Niederrheinpokals, des Wettbewerbs des Fußballverbandes Niederrhein, einem Verband auf Amateurebene. Der Pokalsieger qualifiziert sich für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals. Aber geht es nicht auch um mehr? Um ein Symbol zweier siechender Traditionsvereine? Denn dass das neue Essener Stadion an der Hafenstraße ausverkauft ist, ist - im Gegensatz zum Dortmunder Fußballtempel - eine kleine Sensation. Das Pokal-Viertelfinale SV Friedrichsfeld gegen Rot-Weiß Essen wollten nur 1.000 Zuschauer sehen. Duisburgs Viertelfinalsieg beim Landesligisten Cronenberger SC sahen 1.400 Fans. Für dieses Ruhrpott-Derby aber gingen alle 20.000 Karten an einem Tag weg. So viele Zuschauer sind sie in Essen nicht mehr gewohnt. Und: Die Partie ist die erste Niederrheinpokal-Begegnung, die live im Fernsehen übertragen wird. Auch das kam in Essen schon länger nicht mehr vor.

Damit passt diese Begegnung vortrefflich in die von Funktionären wie Hans-Joachim Watzke oder Heribert Bruchhagen gern geführte Diskussion, wie viel Tradition und wie viel Konserve der Fußball in Deutschland verträgt. Denn die sogenannte Kommerzialisierung des Profifußballs brachte es - in Verbindung mit etwas Los-Zufall - im Februar zu der DFB-Pokal-Viertelfinalpartie TSG Hoffenheim gegen VfL Wolfsburg. Die Partie lockte 13.347 Zuschauer ins Stadion. Verhältnismäßig wenig für zwei Erstligaklubs - und ein gefundenes Fressen für Traditionalisten. So wie die RWE-Dauerkarteninhaber Nils und Bepo, 18 und 25 Jahre alt: "Tradition ist schon wichtig, sonst würden wir ja nicht jede Woche hier ins Stadion gehen", sagt Nils zwei Stunden vor Anpfiff: "Das Spiel ist scheiße, aber wir kommen trotzdem." Zum Zuschauerinteresse von Hoffenheim und Wolfsburg fällt ihm nur ein: "Das ist doch traurig." Bepo ergänzt: "Natürlich würden wir uns freuen, wenn wir besser spielen, das ist doch klar." Also lieber Regionalliga West und Tradition, als Bundesliga aber Retorte? Bepo verneint: "Erfolg und Tradition - beides ist wichtig."

Red Bull Essen? Er winkt ab

RWE-Fan Happo trägt eine rot-weiße Jacke mit der Aufschrift "Uralt Ultra" auf der Brust. Auf die Frage nach seinem Alter antwortet er: "59, Tendenz steigend." Die enorme Resonanz für dieses Spiel sieht Happo nicht nur in der Tradition der beiden Vereine und der damit zusammenhängenden vererbten Fan-Gemeinschaft; "es hat auch mit der Abstinenz zu tun, dass wir uns schon lange nicht mehr in bedeutenden Wettkämpfen messen können." In der Tat war das Duell Rot-Weiß Essen gegen MSV Duisburg vor längerer Zeit mal ein Bundesliga-Klassiker. 1976 siegte Duisburg mit 5:1 in Essen, ein Spektakel. Spieler mit klangvollen Namen wie Horst Hrubesch, Willi Lippens und Bernard Dietz standen auf dem Platz. Die Vereine spielten um die internationalen Ränge. Lange vorbei.

Spannend war's ja. Aber guter Fußball? Nun ja.
Spannend war's ja. Aber guter Fußball? Nun ja.(Foto: imago/Revierfoto)

"Für unsere Tradition kann man sich leider wenig kaufen", sagte Ivo Grlic der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung". Grlic spielte von 2004 bis 2011 beim MSV und ist seitdem Team-Manager der Duisburger. Er steht für den neuen MSV - und der hat einiges von seinem Glanz eingebüßt. Im vergangenen Sommer drohte dem Verein wegen Finanzierungslücken die Insolvenz, die Deutsche Fußball-Liga verweigerte die Lizenz für die zweite Bundesliga. Mehrere tausend Fans demonstrierten mit Plakaten auf denen "Tradition erhalten" stand. Kurz vor Saisonbeginn erhielt Duisburg immerhin die Lizenz für die dritte Liga. Dort steht der Verein aktuell auf Platz sechs. Für Rot-Weiß Essen kam es noch schlimmer: Nach diversen Auf- und Abstiegen, Problemen mit dem Trikotsponsor, Insolvenzanmeldung und einem unschönen Vorfall, bei dem RWE-Spieler gegen die eigene Mannschaft gewettet hatten, spielt der Verein aktuell viertklassig, in der Regionalliga West steht man auf Tabellenplatz zwölf. "Ich will natürlich auch wieder raus hier aus der vierten Liga", sagt RWE-Fan Happo. Aber, das betont er, nie könne er akzeptieren, dass sein Verein für den Erfolg den Namen ändere. Red Bull Essen? Er winkt ab. "Hier gibt es einfach ein anderes Zugehörigkeitsgefühl als bei den Retortenklubs", sagt er.

"Sehr enttäuscht über unsere sogenannten Fans"

Wenn es nach den Fans geht, sollte dieses Spiel also beste Werbung für den Traditionsfußball sein. Doch einig sind sich MSV- und RWE-Fans deswegen natürlich noch lange nicht. Die Vereine pflegen eine alte Rivalität. Im Vorfeld gab es Provokationen: Duisburger zündeten an der Hafenstraße Grablichter an und stellten Kreuze auf, vor dem Duisburger Stadion legten Unbekannte zwei Schweineköpfe ab. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze stufte die Partie als Hochrisikospiel ein. Das Polizei-Aufgebot war bundesligatauglich. Dennoch war die Stimmung während des Spiels berauschend: Die Partie hätte sich sehr gut als Grundlage für Forschungsarbeiten über Fan-Gesänge geeignet. Beide Fan-Gruppierungen zeigten ein enormes Repertoire an leidenschaftlichen, ausdauernden Anfeuerungsvarianten und Gegner-Beschimpfungen.

Doch dann kam die 77. Spielminute, von der RWE-Vorstandsvorsitzender Michael Welling später sagte, sie hätte alles kaputt gemacht: An der alten Westkurve, dort wo die hartgesottenen Essener Fans auf Stehplätzen ihre Mannschaft nach vorn gepeitscht hatten, öffnete sich ein Tor im Gitter und ein paar Fans purzelten Richtung Spielfeld. Sofort stürmten Polizei-Hundertschaften auf den Rasen, der Schiedsrichter unterbrach die Partie und schickte die Spieler in die Umkleiden. Für fast 25 Minuten war die Begegnung unterbrochen, Polizisten stand fortan bis zum Abpfiff zwischen Fans und Spielfeld, auch vor dem Duisburger Fan-Block auf der gegenüberliegenden Gottschalk-Tribüne, aus dem immer mal wieder Leuchtraketen, Fackeln und Böller gezündet wurden. Solche Szenen sind bei Hoffenheim gegen Wolfsburg schwer vorstellbar. Doch es war ganz offenbar nicht die Art von Werbung, die sich die Vereinsführungen erhofft hatten. Er sei "sehr enttäuscht über das Verhalten unserer sogenannten Fans", sagte Udo Kirmse später, der Präsident des MSV. "Pyro-Technik ist für uns ein No-Go." Auch sein Essener Pendant Welling zeigte sich nach dem Spiel enttäuscht und wütend: "Die Begleitumstände des Spiels rücken nun leider in den Fokus. Das ist schade. Wir verurteilen das sehr."

Achja, das Spiel: Nach dem Schiedsrichter Guido Winkmann die Partie um 20:40 Uhr wieder angepfiffen hatte, fielen auch bis zur 90. Minute keine Tore. Essen hatte seinem höherklassigen Gegner Kampf und Einsatz entgegengehalten, und sich sogar die besseren Chancen erarbeitet. In der Verlängerung erzielte dann zuerst der eingewechselte Alexander Langlitz das laut umjubelte 1:0 für die Essener (104. Minute). In der zweiten Verlängerung konnte Duisburg durch einen direkt verwandelten Freistoß von Pierre de Witt zum 1:1 ausgleichen (107.). Im Elfmeterschießen konnte RWE kein einziges Tor erzielen, so siegte der Favorit aus Duisburg mit 4:1. Wieder mal bleibt den RWE-Anhängern nur ihre Tradition. Das sei natürlich schade, sagt Welling, aber: "Niemand hier wäre dazu bereit, seine Seele zu verkaufen für den Erfolg."

Quelle: n-tv.de