Fußball

Mit der Extraportion Titel-Power U21-Erfolgscoach Kuntz - der nächste Löw?

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Kuntz könnte mit der U21 gegen Spanien den Titel verteidigen.

(Foto: imago images / ZUMA Press)

Überraschend führt U21-Coach Stefan Kuntz den DFB-Nachwuchs zum EM-Titel 2017. Nun stehen die Fußballjunioren erneut im Finale gegen Spanien und können gegen den Favoriten Geschichte schreiben. Für Kuntz wäre der Doppelcoup auch ein Empfehlungsschreiben.

Freudentränen standen in seinen Augen, als er die DFB-Junioren in Bologna erneut ins Finale einer EM geführt hatte. U21-Fußballbundestrainer Stefan Kuntz kann mit einer Titelverteidigung, der ersten in der Geschichte der DFB-Junioren, etwas Historisches schaffen. Es ist dieser Gedanke, der ihn stolz macht - und bei allen Beteiligten große Träume weckt: "Ich glaube auch, dass die Mannschaft diese Emotionalität gut gebrauchen kann. Das heißt ja nicht, dass wir dann immer nur Friede, Freude, Eierkuchen haben. Insgesamt hänge ich schon an denen und ich will einfach das Finale gewinnen."

Immer mehr Augen richten sich nicht nur auf die Talente der U21-Mannschaft um den EM-Rekordtorjäger Luca Waldschmidt, sondern auch auf ihren 56-jährigen Trainer. Man sagt ihm nach, dass er einen besonders engen Draht zu seinen Spielern habe. Er versprüht den Titelglanz und die Extraportion Motivation und Leichtigkeit, die Bundestrainer Joachim Löw nach der WM-Blamage in Russland abhandengekommen war. Kuntz hat die U21-Truppe zu einer verschworenen Gemeinschaft geformt, zu einem Klasseteam mit Herz und Qualität, wie Liverpool-Coach Jürgen Klopp in seinem Motivationsvideo zum Finale lobte. Und er könnte bei einem erneuten Triumph sogar seinen dritten Europameistertitel feiern - zwei als Junioren-Trainer und einen als Spieler 1996.

Geachtet, gelobt, beobachtet

Schon der Finaleinzug inklusive Olympia-Qualifikation, erst recht aber der EM-Sieg würden dem DFB bescheren, woran es nach der WM Blamage 2018 noch gemangelt hatte. Eine ernsthafte Option, wenn es in den kommenden Jahren um einen möglichen Nachfolger von Joachim Löw geht. Die Erfolgsgeschichte von Kuntz schlägt auch intern hohe Wellen. Er ist einer, der auch in der DFB-Zentrale geachtet, gelobt und genau beobachtet wird: "Nicht nur die Ergebnisse passen, auch die Art und Weise des Auftretens, die Spielweise und die Freude", erklärte DFB-Direktor Oliver Bierhoff, den eine besondere Anekdote mit Kuntz verbindet. Im EM-Finale 1996 kam Bierhoff für Kuntz ins Spiel - und erzielte das Golden Goal.

Manche Aussagen lassen Kuntz-Fans in jedem Fall aufhorchen: "Wir wollen Stefan nicht abgeben. Ich hoffe, dass er die Stärken des DFB sieht. Wir werden ihm immer wieder interessante Angebote schaffen, auch außerhalb der Mannschaft", erklärte Bierhoff außerdem. Die U21-Spieler trauen Kuntz einen weiteren Aufstieg als Trainer des A-Teams sowieso schon zu: "Ein Trainer, der eine U21 zum Titel geführt hat und zwei Jahre später ins Halbfinale, der hat auf jeden Fall das Zeug zu mehr", lobte Benjamin Henrichs schon vor dem Hitzeschlacht-Drama gegen Rumänien, das den erneuten Endspieleinzug sicherte. Er sei "nah am Team und doch der Chef", erklärt Torwart und Schalke-Spieler Alexander Nübel das Erfolgsrezept von Stefan Kuntz.

Warum nicht die A-Nationalmannschaft? Auch wenn der Umbruch im DFB-Team arg verspätet inzwischen eingeleitet wurde: Joachim Löw ist seit der Pleiten-WM in Russland nicht mehr unumstritten. Außerdem greift auch der Deutsche Fußballbund gerne auf bewährte Kräfte zurück, wenn Trainerposten zu besetzen sind. Spätestens 2022, wenn Löws Vertrag ausläuft, könnte Kuntz ein potenzieller Nachfolger-Kandidat werden. Gerade weil er erfolgreich und bescheiden ist und bisher die richtigen Worte und Strategien fand, um dem deutschen Nachwuchs nach Vorne zu bringen - den er dann ins A-Team einbauen und weiterentwickeln könnte.

Exzellente Referenzen - und Humor

Seine Referenzen als Spieler und DFB-Trainer sind exzellent, sein Humor ist es auch. Kuntz selbst spielte 449 Mal in der Bundesliga und erzielte dabei 147 Tore -zwei Mal wurde er Torschützenkönig. Mit dem Gewinn der Europameisterschaft in England feierte er seinen größten Erfolg im Nationalteam. Damals wollte Kuntz angeblich gemeinsam mit Teamkollegen Mehmet Scholl die Queen bei der Siegerehrung abknutschen, doch dann trauten sie sich wohl nicht mehr. Der Humor des bescheidenen Kuntz blitzt immer wieder auf. Jüngstes Beispiel: Die Pressekonferenz vor dem EM-Finale. Kuntz wird immer wieder von seiner Übersetzerin unterbrochen, als er gerade antworten will. Im Laufe der Pressekonferenz erkennt er ein Muster und lacht bei jeder Unterbrechung schelmisch vor sich hin.

Für die U21 wird das Finale (20.45 Uhr) ein Deja-Vu, denn der Gegner ist wie 2017 Spanien. Kuntz stapelte am Vorabend allerdings tief. "Ich sehe Spanien ein bisschen mehr in der Favoritenrolle", sagte er auf der Abschluss-PK. Die spanische Mannschaft sei "sehr spielstark", habe "sehr gute Einzelspieler" und eine gute Passqualität und Technik". Am Ende gelte aber der alte Spruch seines  Vorgängers Horst Hrubesch: "Wenn wir schon mal hier sind, macht Verlieren keinen Sinn." Die Buchmacher sehen zwar die Spanier als leichten Favoriten. doch das war auch vor zwei Jahren schon so. Der Sieger hieß nach einer taktischen Meisterleistung von Kuntz am Ende Deutschland.

Der Mann, der derzeit so positiv auf sich aufmerksam macht, weist allerdings alle Nachfolge-Ambitionen von sich. Einen Tag vor dem Finale findet er im ZDF-Sportstudio deutliche Worte auf die Frage, ob er sich vielleicht "im Hinterkopf" vorstellen könne, Bundestrainer zu werden. Seine Antwort: "Wir haben einen ausgezeichneten Bundestrainer. Und ich finde es wirklich nicht seriös, wenn man über so eine Frage nachdenkt oder antwortet oder sie auch stellt." So bescheiden und konsequent Kuntz diese Frage noch wegmoderiert und von sich weist: Bei einem erneuten EM-Triumph ist Kuntz sicher ein Name, der für höhere Aufgaben gehandelt werden muss.  

Quelle: ntv.de