Fußball

Leverkusen verliert, alle spotten Vizekusen? Ein Ehrentitel!

Vizekusen. Jetzt geht das wieder los. Kaum kassieren die Leverkuser ihre erste Niederlage in der Fußball-Bundesliga, schmeißen die ewig Hämischen die Floskelmaschine an. Und vergleichen Äpfel mit Birnen.

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Meisterschaft in Sicht? Leverkusens Torhüter René Adler.

(Foto: REUTERS)

Es ist die Stunde der Spötter, die nun ganz tief in die Klischeekiste greifen können. Kaum hat Bayer Leverkusen zum ersten Mal in dieser Saison in der Fußball-Bundesliga ein Spiel verloren, kramen sie die alten Vorurteile hervor. Niemals werde der Verein den Titel gewinnen – weil er das noch nie geschafft hat. Und das ist schade.

Nicht, weil wir zu Leverkusen halten und stets heimlich eine Flasche Sekt aufmachen und mit unseren Liebsten anstoßen, wenn der FC Bayern verliert. Nein - wir tun das öffentlich und außerdem mit Bier. Kleiner Scherz. Im Ernst: Das Gerede vom ewigen Vizekusen trifft die Sache nicht. Nicht, weil sie jetzt, nach dem 25. Spieltag, auf Platz drei der Tabelle stehen und demnach nicht einmal mehr Vize sind. Sondern weil dieses Klischee einer bisher grandiosen Saison der Leverkusener nicht gerecht wird. Und weil es sich an Mannschaften vergangener Jahre misst, die mit dem heutigen Team nichts zu tun haben.

Äpfel mit Birnen? Kann man, bringt aber nichts

Zwischen 1997 und 2002 wurde Leverkusen in der Bundesliga viermal Zweiter, wenn auch unter teilweise sehr unglücklichen Umständen. Betoniert wurde die Vizekusenfloskel im Jahr 2002, als die Mannschaft das DFB-Pokalfinale gegen den FC Schalke verlor, im Endspiel der Champions League an Real Madrid scheiterte – und in der Bundesliga Borussia Dortmund die Meisterschaft überlassen musste. Eigentlich ein grandioses Jahr – aber eben immer nur als Zweiter. Wer sich aber jetzt mit einer guten Portion Häme daran ergötzt, dass es die Leverkusener wieder nicht schaffen, vergleicht Äpfel mit Birnen. Das kann man zwar machen – ein Apfel schmeckt nach Apfel, eine Birne eher nach Birne -, bringt aber nichts.

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Das waren Zeiten: Ulf Kirsten, Michael Ballack und Lucio im Trikot von Bayer Leverkusen.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die Mannschaft von Trainer Jupp Heynckes an den Erfolgen aus einer Zeit zu messen, in der der Bayer-Konzern das Leverkuser Team massiv unterstützte und mit Ulf Kirsten, Michael Ballack sowie den Brasilianern Emerson, Ze Roberto und Lucio einer Auswahl der Extraklasse finanzierte, ist gelinde gesagt Quatsch und zudem vollkommen ungerecht. Bayer 04 Leverkusen in der Saison 2009/2010 ist eine ganz andere Geschichte. Und zwar eine Erfolgsgeschichte mit jungen Spielern, einem alten Trainer, einer guten Transferpolitik und schönem Fußball. Der Etat des Klubs bewegt sich im Ligavergleich zwischen Platz sechs und acht, spektakuläre Einkäufe sind da nicht drin. Beim 2:3 am Sonntag in Nürnberg standen sechs Akteure auf dem Platz, die 22 Jahre alt sind oder sogar noch jünger. Zudem gelang es den Verantwortlichen um Rudi Völler, ein Talent wie Toni Kroos vom FC Bayern auszuleihen und einen Routinier wie den Finnen Sami Hyypiä zu verpflichten, der seit Saisonbeginn die Abwehr zusammenhält.

Selbstverständlich ist Leverkusen nicht der Favorit

Beachtlich, dass Leverkusen unter diesen Voraussetzungen, auch nach der ebenso überraschenden wie selbstverschuldeten Niederlage beim Abstiegskandidaten in Nürnberg, die spielerisch stärkste Mannschaft in dieser Spielzeit ist. Und wenig überraschend, dass Leverkusen unter diesem Voraussetzungen nicht der Favorit auf den Titel ist, nicht, wenn der FC Bayern zu alter Stärke zurückfindet und die jungen Bayer-Spieler bisweilen die Konstanz vermissen lassen und einfach auch mal schlecht spielen. Schließlich haben sie zur Genüge gezeigt, dass sie es können und 24 Mal hintereinander nicht verloren.

Deshalb gilt: Auch Platz zwei in dieser Saison wäre für Bayer Leverkusen ein großartiger Erfolg. Und Vizekusen ein Ehrentitel. Platz für Spott bleibt da nicht.

Quelle: ntv.de