Sport
Mittwoch, 14. Juli 2010

Lutz Pfannenstiel im Interview: "WM absolut sensationell"

Lutz Pfannenstiel ist mit der Fußball-Weltmeisterschaft zufrieden. Sein Urteil: "Absolut sensationell." Und der Mann kennt sich aus, fast überall in der Welt. Auch in Südafrika hat der Welttorhüter schon gespielt. Im Interview mit n-tv.de erzählt er, wie die Gastgeber allen Kritikern den Wind aus den Segeln genommen haben, warum die afrikanischen Mannschaften keinen Erfolg hatten und wer von der WM profitiert.

"Das war eine absolute Top-Veranstaltung": Lutz Pfannenstiel.
"Das war eine absolute Top-Veranstaltung": Lutz Pfannenstiel.(Foto: picture-alliance/ dpa)

n-tv.de: Herr Pfannenstiel. Sie sind Welttorhüter, haben auf allen Kontinenten Fußball gespielt, unter anderem auch für die Orlando Pirates in Südafrika. Sie kennen das Land, waren bei der Fußball-Weltmeisterschaft TV-Experte. Was sagen Sie zur ersten WM auf afrikanischem Boden? War sie ein Erfolg?

Lutz Pfannenstiel: Die WM ist absolut sensationell verlaufen! Man hat den Afrikanern die WM nicht zugetraut, aber sie haben dann ein Wahnsinnsturnier aus dem Hut gezaubert. Die Angst der Menschen vorher: Mehr Gewalttaten, extrem viele Verbrechen, Diebstahl. Probleme in der Organisation und und und – gab es alles nicht. Da hat die WM den Kritikern den Wind aus den Segeln genommen. Südafrika, ja der ganze Kontinent, hat sich sehr, sehr gut verkauft. Und wenn man in ein paar Jahren zurückschaut, wird man sagen: Das war eine absolute Top-Veranstaltung. Die WM war natürlich nicht ganz auf dem gleichen Niveau wie in Deutschland 2006, aber das war auch kaum möglich.

Was war denn das Besondere an dieser WM?

Einfach, dass sie in Afrika war – die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem schwarzen Kontinent. Die Menschen haben ja ganz komische Vorstellungen, wenn man sich über Afrika unterhält: Wenn sie hören, dass ich in Namibia Trainer bin, sagen sie: ‚Du bist ja wahnsinnig. Du lebst in einer Lehmhütte und reitest auf einem Esel herum.’ Die WM hat der Welt ein wenig die Augen über das wahre Afrika geöffnet.

Und auf den Fußball bezogen?

Es war eine spezielle WM, weil es einfach eine Winter-WM war und sich viele Leute – vom Zuschauer über den Fernsehreporter bis zum Spieler – nicht darüber klar waren, wie kalt es eigentlich in Südafrika werden kann. Acht Grad in Südafrika sind etwas anderes als acht Grad in Deutschland, weil die Kälte einfach mehr beißt. Viele Mannschaften hatten Schwierigkeiten mit dem Wetter und auch mit der Höhe. Das sind Sachen, die man am Fernseher nicht merkt, sondern nur, wenn man hier im Land ist.

"In Südafrika spielt normal im Juni oder Juli kein Mensch Fußball."
"In Südafrika spielt normal im Juni oder Juli kein Mensch Fußball."

War das Wetter eher ein Nach- oder Vorteil für die afrikanischen Mannschaften?

Ein Nachteil. Ein Beispiel: Beim Spiel Südafrika gegen Uruguay in Pretoria saß ich auf der Pressetribüne und es war dermaßen kalt, dass es für die Afrikaner fast unmöglich war, Fußball zu spielen. Und das Uruguay gewonnen hat, hat mich nicht überrascht. Viele Leute sagen: Die Südafrikaner müssen doch daran gewöhnt sein. Die spielen doch im eigenen Land. Dem ist aber nicht so. In Südafrika spielt normal im Juni oder Juli kein Mensch Fußball. Falls doch, dann spielt man um zwei Uhr nachmittags – bei Sonnenschein. Und solange die Sonne da ist, ist es auch im südafrikanischen Winter recht warm und man schwitzt. Aber wenn die Sonne weg ist und es wird Nacht – Anstoßzeit 20.30 Uhr – dann wird’s kalt und das ist für eine afrikanische Mannschaft Gift. Da kommt kein Feeling auf, da tanzt kein Spieler vor dem Spiel in der Kabine. Jede einzelne afrikanische Mannschaft, die um 20.30 Uhr gespielt hat, hat eine auf die Nase bekommen. Das kann Zufall sein. Ich sage, das lag mit Sicherheit auch am Wetter.

Und warum haben es bisher nur drei afrikanische Mannschaften in ein WM-Viertelfinale geschafft?

Die Erwartungen an afrikanische Mannschaften sind immer sehr hoch – speziell bei dieser WM. Aber das Problem liegt in der Politik. Nehmen wir mal die Elfenbeinküste: Von den Namen her eine Mannschaft mit absolut internationaler Klasse, die unter die Top Acht oder Top Ten der Welt gehört. Natürlich haben sie eine Schweinegruppe erwischt, dass muss man ihnen zugute halten. Aber das Problem liegt woanders: Sie spielten seit fast zwei Jahren einen sehr attraktiven Fußball, immer offensiv orientiert. Dann plötzlich drei, vier Monate vor der WM hauen die Funktionäre plötzlich den Trainer raus, holen Sven-Göran Eriksson. Der weiß dann teilweise nicht, wie die Leute heißen – kann man ihm keinen Vorwurf machen. Der stellt über Nacht das ganze System um. Dann spielen die Ivorer gegen Portugal und Brasilien mit elf Mann hinten drin. Total defensiv Startrainer gefeuert. Der ist weg, die Funktionäre bleiben und sagen: Uns trifft keine Schuld. Wir haben doch alles versucht, sogar einen Top-Weltklassetrainer geholt. Das passiert bei fast allen afrikanischen Teams seit Jahren und daran wird sich so schnell leider auch nichts ändern.

Südafrika war Gastgeber der ersten WM auf afrikanischem Boden. Sehen Sie noch andere Länder aus Afrika, die ein solches sportliches Weltereignis stemmen könnten?

Südafrika ist das einzige afrikanische Land, das von der Infrastruktur und auch wirtschaftlich betrachtet, derzeit eine WM ausrichten kann. Eine Möglichkeit gibt es vielleicht noch im Norden, wenn sich Tunesien, Marokko und Ägypten gemeinsam bewerben. Ansonsten sehe ich da erst einmal keine weitere WM auf dem afrikanischen Kontinent.

 

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Quelle: n-tv.de