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Fußball-Zeitreise, 10. 11. 1982 Warum man Frauenfußball nicht mögen muss

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Der Kampf des Frauenfußballs ist hart - durchgesetzt hat er sich trotzdem.

(Foto: imago sportfotodienst)

Das erste Spiel der der deutschen Fußball-Nationalelf der Frauen findet erst 1982 statt - gegen alle Widerstände. Bis heute steht der Sport in Konkurrenz zu den Männern. Was im Laufe der Zeit zu vielen fragwürdigen Zitaten geführt hat.

Der Fehler liegt vermutlich bis heute im Detail - aber dazu später mehr. Als das erste offizielle Länderspiel einer deutschen Frauen-Fußballnationalelf am 10. November 1982 in Koblenz stattfindet, ist bereits ein langer, steiniger Weg zurückgelegt. Wenn man bedenkt, dass sich schon 1895 zwei Frauenteams in England vor knapp 10.000 Zuschauern gegenüberstanden, kann man nur erahnen, wie viele Mühen es gekostet und wie viele Widerstände gebrochen werden mussten, damit es neunzig Jahre später zu diesem historischen Tag kommen konnte.

Man kann diese Entwicklung fast nicht besser nachvollziehen, als mit zeitgenössischen Zitaten. Dass es der Frauenfußball in Deutschland nie leicht hatte, liegt insbesondere auch daran, dass von Beginn an stets eine sexuelle Konnotation mitschwang. Als der SWR im Jahr 1962 von einem Frauenfußball-Spiel berichtete, ließ sich der Reporter zu diesem Satz hinreißen: "Was so ein richtiger Fußballbomber ist, hat mehrere Gegner, aber auch mehrere Bälle." Ein Satz, der nachwirkt. Er ist jedoch in seiner Grundaussage absolut zeittypisch. Nachdem das Frauenfußballverbot auf einem Verbandstag in Travemünde am 31. Oktober 1970 aufgehoben worden war, zeigte das ZDF Bilder eines Spiels der Frauen-Fußball-Nationalelf.

Auch das ZDF macht mit

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Der Originalkommentar des "Aktuelles Sportstudio"-Moderators Wim Thoelke: "Und da sind dann auch endlich die Damen-Fußballerinnen! Ein läuft die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen. Auch ein Fräulein Müller ist dabei; ein Fräulein Gerda Müller. Torjägerin! Kein Wunder, dass die Damen denn auch erfolgreich kicken. Sehr zarte Rempelei. Und da … Mutter ... eine undankbare Flanke nach halbrechts gegeben. Junge, Junge, Junge. Laufen, Erna, aber Gaby, Erna ist nicht flink genug. Das war Gerda Müller. (Man sieht belustigte Männer in langen Mänteln und mit bauchigen Bierflaschen in der Hand schlagen sich auf der Tribüne jauchzend auf die Schenkel) Junge, Junge, ja die brauchen sich gar nicht so aufzuregen, die Zuschauer; die Frauen waschen doch ihre Trikots selber. Wenn die Männer in den Schlamm fallen würden, das wäre schlimm, dann müssten die Frauen zu Hause waschen. Decken, decken, nicht Tisch decken, richtig Manndecken, so ist recht. Frei von allen kleinlichen Sorgen um Haushalt, Mann und Kinder!" Heute wäre diese Kommentierung aller Voraussicht nach ein Entlassungsgrund - damals waren nicht einmal die Hörer peinlich pikiert.

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Sepp Maier sieht Fußballerinnen am liebsten unter der Dusche.

(Foto: imago/Fred Joch)

Kurios auch die Stellungnahme des DFB im Jahr 1976: "Die Anatomie der Frau ist für Trikotwerbung nicht geeignet. Die Reklame verzerrt." Das ZDF stellte sich zu dieser Zeit auch die grundsätzlichen Fragen: "Welche Mädchen und Frauen zieht es überhaupt zum Fußball? Um einige Energien, ein paar Pfunde loszuwerden, in heißen Höschen, die manchem schon zu heiß sind? Vielleicht in der Hoffnung die weite Welt des Fußballs verbreite angenehmere Düfte als die des Kochtopfs." Der "Kicker" argumentierte da lieber gewohnt fachlich-fundiert: "Der Traum eines Trainers, taktische Anweisungen beim Umziehen vor dem Spiel und später die Kritik unter der Dusche vornehmen zu können, bleibt unerfüllt. Der DFB hat auch daran gedacht und Anweisung gegeben, die Damen beim Umziehen allein zu lassen. Da endet die Vollmacht des Trainers." Dazu hatte dann auch ein Vertreter des Profifußballs etwas zu sagen. Sepp Maier: "Zuschauen tue ich nicht, aber beim Duschen gehe ich mit …"

Man muss nicht alles mögen

Dann, nach dem ersten offiziellen Länderspiel am 10. November 1982 und den ersten Triumphen, wie dem Gewinn der EM 1989, wurden die Stimmen langsam leiser, die sich auf dem Rücken der Damen einen billigen Scherz erlaubten. Wie Heiner Lauterbach in der TV-Sendung "Dalli Dalli" auf die Frage "Was erwartet Sie in der Hölle?": "Frauenfußball!". Lothar Matthäus’ Worte über das Team, das 2003 die Weltmeisterschaft holte, lesen sich fast schon wie ein Lob: "Das ist eine tolle Mannschaft. Nicht nur, was das Fußballerische betrifft - auch das Optische. Und was das Schöne am Frauenfußball ist: Es sieht nicht mehr so nach Frauenfußball aus wie vor 20, 30 Jahren, als man - in Anführungszeichen - noch über den Ball gefallen ist."

Doch im Grunde liegt das Problem des Frauenfußballs in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute genau in diesem Punkt begründet: Frauen und Männer treten stets in Konkurrenz - auch durch gezielte Fragen an die Herren. Doch dass seit langen Jahren jede Sportart - egal ob von Männern oder Frauen betrieben - in Deutschland (und vielerorts auf der Welt) keine Chance gegen den Profifußball hat, ist bekannt.

Dennoch hat jede Sportart, die Menschen mit Freude betreiben, selbstredend ihre Berechtigung. Und ebenso sollte jeder genau das gut finden können, was ihm oder ihr am meisten Freude bereitet. Oder wie es die ehemalige Fußball-Nationaltorhüterin Katja Kraus einmal sehr treffend formuliert hat: "Ich finde es okay, wenn Lothar Matthäus Frauenfußball nicht mag. Es mag ja auch nicht jeder Lothar Matthäus."

Quelle: n-tv.de

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