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Einmal jährlich bekommen alle Russen den Erlöserturm zu sehen: Bei Putins Silvesteransprache.
Einmal jährlich bekommen alle Russen den Erlöserturm zu sehen: Bei Putins Silvesteransprache.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)
Dienstag, 05. Juni 2018

WM-Countdown (9): Wie die Fifa Moskau entsowjetifiziert

Von Katrin Scheib, Moskau

So schnell landet man mit beiden Füßen im Fettnäpfchen: Die Fifa hat ein WM-Video veröffentlicht, in dem an entscheidender Stelle herumretuschiert wurde. Ein wichtiges Moskauer Denkmal verliert seinen roten Stern.

Die Fifa ist, das kann man wohl so sagen, eine extrem vielseitige Einrichtung. Fußballverband und Milliardenkonzern, Männerbund und Korruptionskrisenherd, Machtzentrale und Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für ansonsten nicht ausgelastete Funktionäre. Nebenbei, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, veranstaltet sie gelegentlich Sportturniere.

Kann die Empörung über die Entsowjetifizierung verstehen: Katrin Scheib.
Kann die Empörung über die Entsowjetifizierung verstehen: Katrin Scheib.(Foto: Pascal Dumont)

Viele Aktivitäten also, die sich hinter den vier Buchstaben verbergen. Auf einem Aufgabenfeld allerdings hätte man die Fifa dann doch nicht vermutet: brachiale Christianisierungsversuche, da denkt man vielleicht an Markus Söder, aber doch nicht an die Männer in Zürich! Bis jetzt, muss man wohl einschränken, denn nun hat der Verband ein Video veröffentlicht, das in Russland so gar nicht gut ankommt. Und ja, das hat etwas mit einem unerwünschten christlichen Kreuz zu tun.

Alles begann mit einem neuen Video auf dem YouTube-Kanal der Fifa, Begleittext: "Es ist der Clip, nach dem ihr alle gefragt habt, und hier ist er nun: der offizielle TV-Opener für die Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland™!" Dann noch ein wenig Erklärlyrik, man habe sich von Fabergé-Eiern inspirieren lassen, sowas in der Art. Besser, ihr guckt euch das Filmchen kurz selber an.

Mein erster Reflex war ja: Lustig, da fliegt ein goldener Schnatz! Wann kommt wohl Harry Potter? Andere fühlten sich von dem Film eher an Game of Thrones erinnert, einer hat sogar die entsprechende Musik drunter gelegt, und ja, das ist schon recht überzeugend:

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Unsere Kolumnistin

Katrin Scheib ist Journalistin, Schalke-Fan und kommt aus dem Rheinland. Als die deutsche Mannschaft 2014 in Brasilien Fußball-Weltmeister wurde, war sie gerade nach Moskau gezogen. Seitdem bloggt sie unter kscheib.de über ihren Alltag und informiert mit ihrem "Russball"-Newsletter jede Woche über den Fußball und die WM-Vorbereitungen in Russland. Und nun schreibt sie für n-tv.de den Countdown, bis das Turnier am 14. Juni beginnt.

Einer ganzen Reihe russischer Clip-Gucker fiel dagegen ganz was anderes auf: Dieser Moment da bei Sekunde 29, als wir gerade an der Kremlmauer entlang fliegen - was ist das da oben auf Spasskaja Baschnja, dem Erlöserturm? Kein roter Stern aus Sowjetzeiten wie in Wirklichkeit, sondern ein … Kreuz? Hier ist die Szene noch mal als GIF, zum Immerwiedergucken: Jawohl, definitiv ein Kreuz, das irgendein Fifa-Grafikmensch da oben hingebaut hat. Und dann noch nicht mal ein landestypisches, russisch-orthodoxes, das hätte nämlich zwei Querstreben mehr. Nein, es ist ein ganz und gar unrussisches, westliches Kreuz - hier, im Herzen der russischen Hauptstadt. "Das Kreuz oben auf dem Turm ist mal was Neues", kommentiert ein Twitter-Nutzer lakonisch, andere werden da sehr viel deutlicher: "Dieses Video ist eine Schande" - "Wie soll man das verstehen? Entsowjetifizierung durch die Fifa? Wer gibt ihnen das Recht?"

Die Fifa hat sich, das muss man vielleicht dazu sagen, nun auch wirklich den denkbar ungünstigsten der rund 20 Kremltürme für ihr grafisches Christianisierungsprojekt ausgesucht. Spasskaja Baschnja steht da nun schon seit gut 500 Jahren, er wachte lange über den Haupteingang zum Kreml, den nur durchschreiten durfte, wer seine Kopfbedeckung abnahm. (Napoleon soll versucht haben, mit Hut auf dem Kopf durch das Tor zu reiten - woraufhin ihm eine Windböe den Hut wegwehte.) Heute blickt jeder Russe, ob Moskauer oder nicht, mindestens einmal im Jahr auf den Erlöserturm: Wenn Präsident Putin in der Silvesternacht seine Ansprache hält, ist im Hintergrund der altehrwürdige Turm zu sehen, und Putins Rede endet genau dann, wenn dessen Uhr Mitternacht schlägt.

Das alles hätte man bei der Fifa wissen können oder zumindest erfragen. Andererseits: Wer rechnet schon damit, dass irgendein Grafiker auf die Idee kommt, an solch einem wichtigen Denkmal des Gastgeberlandes einfach herumzuretuschieren. Wahrscheinlich können wir von Glück reden, dass damals beim Sommermärchen kein Trailer lief, in dem das Brandenburger Tor obendrauf keine Quadriga hatte - sonder einen Statue von Jesus, wie er bewundernd zu Sepp Blatter aufblickt.

Alle Folgen des WM-Countdowns finden Sie hier

Quelle: n-tv.de