Fußball

Frankfurt, Fjørtoft und die Rettung Wunder im Tabellenkeller

Fünf Punkte fehlen Hertha zu Relegationsplatz 16, drei Spiele stehen noch aus. Aussichtslos? Keineswegs, zeigt die Fußball-Historie. Vier Wunder, zum Schwelgen und Nachspielen.

Eintracht Frankfurt (Bundesliga, 1998/99)

Wie man sich in den letzten 20 Minuten der Saison mit Stil rettet, macht Eintracht Frankfurt der Hertha vor. Die Spielzeit 1998/1999 endet für die Hessen glorios, fängt aber vermaledeit an. Zwei Punkte holen sie in den ersten fünf Spielen, 16 bis zur Winterpause. Das Problem aus Frankfurter Sicht ist aber eigentlich: Man rettet die bescheidene Form über den Winter. Die Konkurrenz zieht vorbei und davon, vier Spieltage vor Saisonende fehlen Frankfurt nach dahin nur fünf Saisonsiegen und ein paar Unentschieden schon vier Punkte auf Platz 15. Den hat damals noch, lang ist's her, Werder Bremen inne.

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Retter Jörg Berger mit Oka Nikolov und Kapitän Ralf Weber, zwei seiner Frankfurter Nichtabstiegshelden.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Der Abstieg, er scheint besiegelt - auch dann noch, als dem Team von Trainer Jörg Berger vom 31. bis zum 33. Spieltag aus dem Nichts drei Siege in Serie gelingen. Frankfurts Ausgangslage am letzten Spieltag ist eindeutig, weil Rostock bei den schon abgestiegenen Bochumern kaum mit fünf Toren Unterschied verlieren wird: Ein Sieg muss her. Es gibt aber zwei Probleme: Erstens empfängt man Meister 1. FC Kaiserslautern, dem seinerseits noch ein Punkt fehlt - zur Champions-League-Qualifikation. Zweitens muss Frankfurt, wenn die Konkurrenz aus Nürnberg, Stuttgart, Freiburg und Rostock gar nicht mitspielt, mit fünf Toren Unterschied gewinnen:

  12.1. FC Nürnberg     33       39:48         - 9      37
  13.VfB Stuttgart     33       40:48         - 8      36
  14.SC Freiburg     33       34:43         - 9      36
  15.Hansa Rostock     33       46:56       - 10      35
  16.Eintracht Frankfurt     33       39:53       - 14      34

 

Nach der ersten Halbzeit steht es zwischen Frankfurt und Kaiserslautern 0:0, nach 68 Minuten 1:1. Frankfurt ist klinisch tot, abgestiegen. Das glauben auch die Nürnberger, obwohl sie gegen Freiburg daheim mit 0:2 zurückliegen. Der damalige SC-Torwart Richard Golz erzählt den "11 Freunden" später: "Von ein paar Leuten wurden wir schon vor dem Spiel zur gemeinsamen Nichtsabstiegsparty eingeladen." Dann schießt Frankfurt drei Tore in zwölf Minuten, führt 4:1 - und ist gerettet, weil die Eintracht bei nun gleicher Tordifferenz wie Nürnberg mehr Treffer erzielt hat. Dann köpft Marek Nikl in Nürnberg in der 85. Minute zum 1:2 ein, die Eintracht ist wieder abgestiegen. Und dann bricht in Frankfurt die 89. Minute an: Konter Frankfurt, Christoph Westerthaler läuft auf das Lauterer Tor zu, von Sciriaco Sforza bedrängt. Westerthaler fällt, der Ball kommt zum mitgelaufenen Jan Åge Fjørtoft. Der Norweger, im Strafraum allein vor FCK-Keeper Andreas Reinke, hat die Chuzpe zu einem frechen Übersteiger.

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Felix Magath im Januar 2000: Die Aufholjagd mit der Eintracht steht ihm da noch bevor.

(Foto: picture-alliance / dpa)

"Wenn ich es nicht geschafft hätte, wäre ich vielleicht einer von den wenigen Menschen gewesen, die nie in Deutschland hätten einziehen können", lacht Fjørtoft noch heute - weil er es schafft und spektakulär zum 5:1 trifft. Frankfurt ist erneut gerettet, nun endgültig. Nürnberg steigt ab, da parallel zur Eintracht auch Hansa Rostock eine Aufholjagd startet, in Bochum in der Schlussviertelstunde noch zwei Tore schießt, 3:2 gewinnt und ebenfalls am "Club" vorbeizieht.

Eintracht Frankfurt (Bundesliga, 1999/00)

Nach dem Wunder Klassenerhalt in der Vorsaison schickt sich Eintracht Frankfurt diesmal an, alle Hoffnungen schon in der Hinrunde zu verspielen. Das gelingt, wenngleich 11 Punkte wundersamerweise nur zu Platz 17 reichen. Der schlichte Grund: In dieser Saison ist ausnahmsweise auch Arminia Bielefeld erstklassig. Für Frankfurt gilt dennoch: Der Abstand zum rettenden Ufer beträgt acht Punkte. Zu viel, um Retter Jörg Berger ("Berger hätte auch die Titanic gerettet", Fjörtoft) weiterhin zu halten.

Berger muss gehen, für ihn kommt Felix Magath. Der firmiert damals ebenfalls noch als Retter und nicht als Meistertrainer, er bringt Frankfurt auf Trab. In der Rückrunde holen die Hessen 28 Punkte, schon am 32. Spieltag ist der Abstieg nur noch eine theoretische Möglichkeit. Das Frankfurter Comeback nach derart desolater Vorrunde ist bis heute unerreicht.

Oldham Athletic (Premier League, 1992/93)

Acht Punkte auf das rettende Ufer aufzuholen ist, wie Frankfurt gezeigt hat, keinesfalls unmöglich. Allerdings hat Oldham Athletic in der Premier League in der Saison 1992/93 dazu nicht eine ganze Rückrunde Zeit, sondern nur drei Spiele in sieben Tagen. Die Ausgangslage ist also suboptimal.

  19.Crystal Palace     40     48:58     -10     48
  20.Oldham Athletic     39     55:71     -15     40
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Erschwerend kommt hinzu, dass man im ersten Endspiel am vorletzten Spieltag zu Meisterschaftskandidat Aston Villa reisen muss. Eine Partie, die beide Teams auf keinen Fall verlieren dürfen und Oldham mit 1:0 gewinnt. Trotzdem fehlen noch fünf Punkte auf Crystal Palace, das nach dem 3:1-Sieg in seinem letzten Heimspiel bereits den vermeintlichen Klassenerhalt gefeiert hatte.

Unter der Woche hat Oldham ein Nachholspiel gegen den FC Liverpool, Palace gastiert bei Manchester City. Oldham gewinnt 3:2, Palace spielt 0:0. Heißt: Drei Punkte Rückstand und noch eine Partie zu spielen. Gewinnt Oldham nicht gegen Southampton, ist Oldham abgestiegen. Verliert Palace nicht gegen Arsenal, auch. Palace ist chancenlos und mit dem 0:3 noch gut bedient. Geoff Thomas, damals Kapitän von Crystal Palace, erinnert sich Jahre später im "Guardian" an den Moment, als den Spielern ihr Scheitern bewusst wurde: "Als unsere Fans aufhörten zu singen, wussten wir, dass Oldham gegen Southampton gewinnt. Du stehst auf dem Platz und realisierst, dass du zum Untergang verurteilt bist." Oldham gewinnt sein drittes Spiel in sieben Tagen tatsächlich, mit 4:3 – und hält aufgrund der um zwei Treffer besseren Tordifferenz die Klasse.

SC Freiburg (Bundesliga, 1993/94, Zwei-Punkte-Regel)

Drei Spiele, vier Punkte Abstand auf Platz 15, nicht ganz Oldham-Verhältnisse, trotzdem aussichtslos. Der SC Freiburg und Volker Finke sind verloren, so einfach ist das. Ist es doch nicht, sonst hätte Christoph Biermann im Mai 1994 nicht in der "taz" jubilieren können: "Das Gute hat gesiegt! Das Gute hat gesiegt!"

Das Gute siegt erstens deshalb, weil Freiburg am 32. Spieltag in Stuttgart gewinnt, mit 4:0. Zweitens, weil Freiburg am 33. Spieltag gewinnt, 1:0 gegen Leipzig, durch Rudolfo Cardozo in der 83. Minute. Drittens, weil Freiburg am 34. Spieltag in Duisburg gewinnt, wieder zu Null, diesmal 2:0 – und weil der 1. FC Nürnberg in Dortmund mit 1:4 untergeht und absteigt. Natürlich aufgrund der schlechteren Tordifferenz.

Quelle: ntv.de

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