Fußball

Seltsame Entlassung von Reis Zerrissener VfL Bochum opfert seinen Helden

a4b33804c58d301a1a433b603173771f.jpg

Schön war's - bis zum Ende der vergangenen Saison.

(Foto: IMAGO/Nordphoto)

Der VfL Bochum kämpft in der Fußball-Bundesliga um den Klassenerhalt. Nach einem völlig verpatzten Saisonstart läuft die Mannschaft der Konkurrenz schon hinterher. Trainer Thomas Reis muss gehen. Doch sein Aus ist viel mehr als die Geschichte einer sportlichen Talfahrt.

Menschen, die mit den Vorgängen beim Tabellenletzten der Fußball-Bundesliga nicht sonderlich vertraut sind, werden sich an diesem Montagmittag nicht gewundert haben, dass der VfL Bochum seinen Trainer Thomas Reis nicht länger beschäftigen möchte. Als Grundlage dient jenen Menschen simple Mathematik: sechs Spiele, null Punkte, vier geschossene Tore, 18 kassierte Treffer. In einer Leistungsgesellschaft, und die ist der Profifußball eben, sind das keine überzeugenden Zahlen. Doch so einfach ist die Sache in Bochum nicht. Menschen, die mit den Vorgängen beim Tabellenletzten der Bundesliga vertraut sind, wissen das. Hinter der Entlassung steckt viel mehr als die rasante sportliche Talfahrt zum Saisonstart, mit der diese Trennung nun auch offiziell begründet (oder co-begründet) wird. Episoden dieser Geschichte haben fast schon intrigante Züge.

Die Entscheidung gegen Thomas Reis hat den Verein innerlich aufgefressen. Und das Umfeld gleich mit. Wie sehr nun alles in Fetzen gerissen worden ist, wie groß die Wut über dieses Heldenopfer ist, wird sich am kommenden Sonntag auf den Tribünen offenbaren. Dann ist der 1. FC Köln zu Gast. Dann steht U19-Coach Heiko Butscher an der Seitenlinie. Er ist die Interimslösung. Ein neuer Chef wird gesucht. Eine erste vorsichtige Wut-Prognose: es wird hitzig, hitzig nicht gegen Butscher, hitzig gegen die eigene Klubführung. Das Verständnis für den Rauswurf des Ex-Spielers, der drei Jahre erfolgreiche Arbeit geleistet und dem Klub mit seiner mutigen Spielidee wieder eine eigene DNA verpasst hatte, ist eher gering. Und das ist vermutlich noch die Wahrheit in schön. Vor allem für Boss Hans-Peter Villis deutet sich ein ungemütlicher Tag an. Er gilt den Fans als unversöhnlich Verantwortlicher für den Rauswurf. Dass er nun bei der Medienrunde zum Aus von Reis nicht dabei war, sondern die Last der Verantwortung auf dem neuen Geschäftsführer Sport, Patrick Fabian, lastete, kam bei den Fans nicht gut an.

Aus den lila Wolken gerissen

Die Entscheidung gegen Thomas Reis ist ein Heldenopfer, das sie "anne Castroper" nicht bringen wollten. Der 48-Jährige hat den Verein erst aus der "Scheiße" geholt (Zitat von Stürmer Simon Zoller), ihn zum Aufstieg geführt und in der vergangenen Spielzeit sensationell zum Klassenerhalt geführt. Sensationell vor allem in der Art und Weise, mit magischen Momenten (gegen den FC Bayern und bei Borussia Dortmund) und zauberhaften Toren. Selten war die Fußballwelt im Zentrum des Ruhrpotts so beseelt von Glück wie Anfang Mai. Im legendären Bermuda-Dreieck der Stadt feierten Spieler und Fans eine enthemmte Party. Es war eine Nacht, die niemals hätte enden sollen. Es war eine Nacht der Euphorie. Es war die letzte Nacht der Euphorie.

Auf lila Wolken träumte man davon, den Freiburger Weg einschlagen zu können. Mit einem Coach, dem man grenzenloses Vertrauen entgegenbringt, dem man Rückschläge verzeiht. Mit einer klugen Transferstrategie aus Talenten aus dem eigenen Beritt und Spielern mit Entwicklungspotenzial. Es war nicht nur ein Traum, er war bereits mit Leben gefüllt. Spieler wie Armel Bella-Kotchap (spielt mittlerweile für den FC Southampton), Milos Pantovic (spielt mittlerweile bei Union Berlin) oder Elvis Rexhbecaj (war ausgeliehen, spielt mittlerweile beim FC Augsburg) standen sinnbildlich für den Weg. Bei Reis träumten sie davon, in ihm eine Art Christian Streich gefunden zu haben. Die Bereitschaft in guten und in schlechten Zeiten zusammenzustehen, sie war gigantisch. Unantastbar.

Jetzt, Mitte September, ist nicht die Welt nicht mehr lila. Sie ist auch nicht bloß grau. Sie ist schwarz. Mit Reis stürzt nun bereits der zweite Held in eine ungewisse Zukunft. Dass Zyniker das anders und den Trainer bereits bald auf Schalke sehen, ist die schrullige Pointe eines zermürbenden Theaters. Das Zerfetzen der wunderbaren Fußballwelt in Bochum begann mit der Kündigung von Sportchef Sebastian Schindzielorz. Über die Jahre hinweg hatte er den Kader mit ebenso überraschenden wie passgenauen Transfers verstärkt und damit den mutigen und begeisternden Fußball von Thomas Reis möglich gemacht. Ob Spieler wie Robert Zulj, Christian Gamboa, Gerrit Holtmann, Sebastian Polter oder Rexhbecaj, sie kamen, sie lieferten. Weil Reis diesen "Dellenspielern" vertraute, sie besser machte. Es war ein erfolgreiches Zusammenwirken der Bochumer Ex-Spieler. Die Gründe für das Aus von Schindzielorz blieben ebenso rätselhaft (es ging wohl um mangelnde Rückendeckung und Wertschätzung), wie nun das Vertragstheater um Reis, über das der Trainer mehr stolperte als über den letzten Tabellenplatz.

Und plötzlich kommt Schalke ...

Der Transfersommer war schwierig, zäh, risikolos, verantwortet noch von Schindzielorz, obwohl die Trennung bereits beschlossene Sache war, der Saisonstart geriet holprig. Aber das Murren "anne Castroper" war dennoch eher ein leiser, kaum wahrzunehmender Singsang. Man staunte lediglich darüber, dass der im Sommer 2023 auslaufende Vertrag mit dem Coach nicht längst verlängert worden war. Und darüber, dass Rekordeinnahmen durch Transfers (über 13 Millionen Euro) bloß Miniausgaben für Neuzugänge (750.000 Euro) gegenüberstanden. Aber das Vertrauen, das der tüchtig umgebaute Kader funktionieren würde, war ja da. Doch urplötzlich änderte sich die Lage, als nämlich vor gut zwei Wochen die Meldung über den Klub hereinbrach, dass Reis im Sommer nicht nur das Interesse des Revierrivalen FC Schalke 04 auf sich gezogen hatte, sondern sogar um Freigabe für einen vorzeitigen Wechsel gebeten habe. Reis dementierte das vehement und leidenschaftlich. Mehrere Medien, vorneweg die "Bild"-Zeitung, hielten dagegen und behaupteten, dass es so war, wie geschrieben.

Fakt ist: Reis‘ Berater ist Maikel Stevens, der Sohn von Schalkes Jahrhunderttrainer Huub Stevens. Zudem kennen sich Reis und Schalkes Sportvorstand Rouwen Schröder aus gemeinsamen VfL-Zeiten. Die Leitungen dürften also kurz sein und ein Interesse der Gelsenkirchener nach dem Aufstieg und dem Rückzug von Interimstrainer Mike Büskens nachvollziehbar. Das Umfeld stürzte in ein wildes Chaos. Was stimmt? Wem glauben? Aussage gegen Aussage. Das Thema krachte ohne Vorwarnung in eine ohnehin schon wackelige Stimmungslage um die unklare Zukunft des Trainers. Das Thema schlug ausgerechnet vor den beiden wegweisenden Duellen mit Werder Bremen und Schalke 04 ein. Obwohl die Sache mit dem Schalker Interesse zeitlich ja längst überholt war.

Reis' unglückliche Aussagen

Kein Verständnis brachte der Verein auf, als Reis in der Öffentlichkeit darüber sinnierte, dass er im kommenden Sommer ja (Stand jetzt, also damals) arbeitssuchend sei. Da wurde ein falsches Bild transportiert, das Bild eines zögernden Klubs. Aber, siehe oben, ganz so einfach ist die Sache beim VfL nicht. Reis musste einräumen, dass es Angebote des VfL gab. Aber der Coach hatte sie abgelehnt. Es ging offenbar um eine Ausstiegsklausel. Und weniger ums Geld, wie der Trainer betont. Durchaus glaubwürdig erscheint das zumindest vor dem Hintergrund, dass die Finanzen beim Traditionsklub aus der Nachbarstadt, also beim FC Schalke 04, völlig marode sind.

Die Fans schlugen sich auf die Seite von Reis. Sowohl beim Heimspiel gegen Werder Bremen (0:2) als auch beim brisanten Duell auf Schalke (1:3) gab es nur Unterstützung, keine Schmähungen, keine Pfiffe. Nicht gegen Reis. Nicht gegen die Mannschaft. Und die folgte ihrem Trainer bis zuletzt. So sah es Reis und warb für sich selbst. Er sprach gar davon, noch mehrere Jahre bleiben zu wollen. Der Freiburger Weg. Keine Risse. So betonten es auch die Spieler. Die Leistungen waren nicht überragend, meist solide. Chancenlos war das Team nur gegen den FC Bayern (0:7). Der historische Misserfolg am Saisonstart kettet sich aus einem komplizierten Transfersommer, massivem Verletzungspech, individuellen Fehlern und mangelndem Spielglück zusammen. Erklärbar, aber in einer Leistungsgesellschaft eben zu wenig. Tja, wenn die Sache mit Reis so einfach gewesen wäre.

Immerhin: Heiko Butscher kennt den Freiburger Weg. Er hat ihn selbst erlebt.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen