Fußball

Fifa braucht Aufklärung Zwanziger attackiert Blatter

Das Schweigen von Politik und anderen Sportgroßverbänden zum Fifa-Korruptionsskandal ist lange ohrenbetäubend. Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger immerhin will die Affäre im Gegensatz zum korrumpierten Fifa-Boss Joseph Blatter nicht einfach zu den Akten legen. Er fordert Aufklärung und den Rauswurf von Ehrenpräsident Havelange.

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Fifa-Boss Joseph Blatter wird nicht gerne hören, was Theo Zwanziger zu den korrupten Machenschaften in der Fifa zu sagen hat.

(Foto: REUTERS)

Fifa-Exekutivmitglied Theo Zwanziger hat mit Bestürzung auf den seit Mittwoch offiziell bestätigten Korruptionsskandal im Fußball-Weltverband reagiert und ist auf Gegenkurs zu Fifa-Boss Joseph Blatter gegangen. Die Einsicht kommt zu spät, denn die Fakten sind schon lange bekannt. Aber die Einsicht ist immerhin da und wird öffentlich geäußert, während die Politik und andere Sportgroßverbände bis auf wenige Ausnahmen weiter ohrenbetäubend schweigen. Zwanziger sagte hingegen: "Ich muss ehrlich zugeben, es bedrückt mich sehr, was ich dort lesen musste." Er forderte neben Konsequenzen für Ehrenpräsident Joao Havelange auch eine rückhaltlose Aufklärung, die auch Blatters Rolle betreffen müsste.

"In der Einstellungsverfügung sind viele Informationen enthalten, die von unabhängiger Seite nochmals überprüft werden müssen. Auch unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten. Ohne Rücksicht auf Namen, Nationalitäten oder was auch immer", sagte Zwanziger und fügte hinzu: "Gleiches gilt übrigens auch für die WM-Vergaben nach Katar, Russland und alle weiteren Dinge, um die sich viele Gerüchte ranken."

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Bewährtes Vorgehen: Blatter spielt auf Zeit, er will die Affäre wieder aussitzen.

(Foto: dapd)

Nur wenn all dies von unabhängiger Seite aufgearbeitet werde, "kann der Reformprozess bei der Fifa, den ich aus Überzeugung mitgestalte, glaubhaft und schlussendlich erfolgreich sein", erklärte Zwanziger. Diese Position will der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am kommenden Dienstag bei der Sitzung des Exekutivkomitees in Zürich vehement vertreten.

Schmiergeld bleibt Schmiergeld

Anders als Fifa-Präsident Blatter verurteilte Zwanziger die zwischen 1989 und 2001 vom mittlerweile insolventen Medien- und Marketingunternehmen ISMM/ISL geleisteten Bestechungszahlungen an hochrangige Fifa-Funktionäre, von denen lediglich der langjährige Fifa-Boss Havelange und dessen brasilianischer Landsmann Ricardo Teixeira namentlich bekannt sind. "Auch wenn die Zahlungen der ISL an Funktionäre der Fifa und anderer Sportverbände zur damaligen Zeit juristisch nicht oder nur schwer strafbar gewesen sind, so sind sie unter ethischen Gesichtspunkten einfach unanständig. Gerade für einen Verband, der in seiner Satzung das Gebot des Fair Play verankert hat. Denn aus moralischer Sicht waren Schmiergelder schon immer Schmiergelder!", sagte Zwanziger.

Damit attackierte er auch Fifa-Boss Joseph Blatter, der in der Einstellungsverfügung als Mitwisser und Dulder der Korruptionspraktiken enttarnt wird und damit gemäß der Definition von Transparency International selbst korrupt ist - und damit nicht mehr tragbar für einen Sportgroßverband wie die Fifa. Blatter, der erst als Generalsekretär und ab 1998 als Präsident die Geschicke der Fifa maßgeblich bestimmt, hatte seine Hände nach dem Bekanntwerden der Details in Unschuld gewaschen und die Zahlungen als übliche Provisionen verharmlost.

Europarat spricht von Vertuschung

Der französische Abgeordnete Francois Rochebloine, Mitglied des Europarates, warf der FIFA-Spitze nun vor, den Skandal vertuscht zu haben. "Wenn Fifa-Funktionäre - einschließlich des  aktuellen Präsidenten - von den Bestechungen wussten, dann hätten sie alles in ihrer Macht stehende tun müssen, um die Betroffenen zu belangen statt zu schützen", sagte er.

Weiter forderte Rochebloine von Blatter genauere Angaben über  seine Rolle in der Affäre: "Wann genau hat er von den Zahlungen  erfahren? Warum hat die Fifa dieses Fehlverhalten versteckt und ist  nicht gegen die Täter vorgegangen? Und am wichtigsten: Welche  Schritte unternimmt Blatter nun, damit so etwas nicht noch einmal passiert?"

"Ich kann nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war", erklärte der Schweizer in einem PR-Interview auf der Homepage der Fifa: "Man kann die Vergangenheit nicht mit den Maßstäben von heute messen. Sonst endet man bei der Moraljustiz. Ich kann also nicht von einem Delikt gewusst haben, welches keines war." Konterkariert wird Blatters Verharmlosung von wegen Nichtstrafbarkeit schon dadurch, dass sich die Fifa sowie Havelange und Teixeira mit einer Millionensumme von einer Verurteilung wegen Untreue freikaufen mussten. Sonderermittler Thomas Hildbrand vom Schweizer Strafgericht in Zug hatte dem Fifa-Trio nach dem Konkurs der ISL im Jahr 2001 den Prozess gemacht.

Havelange muss raus

Auch in der Causa Havelange ging Zwanziger auf Distanz zu Blatter. "Natürlich hat der Fifa-Präsident recht, wenn er sagt, dass Herrn Havelange seine Ehrenpräsidentschaft nur durch den Fifa-Kongress aberkannt werden kann. Ich persönlich bin aber der Meinung, dass dieser Weg aufgrund der nunmehr bekannten Sachverhalte begangen werden muss", forderte Zwanziger. Blatter hatte wenig Interesse an Sanktionen gegen seinen Mentor erkennen lassen. "Es liegt nicht in meiner Kompetenz, ihn (Havelange) zur Rechenschaft zu ziehen", ließ er lapidar mitteilen. Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem er die korrupten Praktiken in der Fifa aktiv mit vertuschte und trotzdem im Amt blieb, ist das keine überraschende Aussage.

Keine Konsequenzen muss vorerst auch Teixeira fürchten. Brasiliens Fußballverband CBF will seinen belasteten Ex-Präsidenten trotz der jüngsten Enthüllungen weiter als internationalen Berater beschäftigen. "Wir nutzen auf bestmögliche Weise die Erfahrung, die Teixeira im internationalen Fußball, inklusive der Beschaffung von Werbeeinnahmen, hat", sagte CBF-Präsident José Maria Marin.

Quelle: n-tv.de, cwo/dpa

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