Collinas Erben

"Collinas Erben" lesen nach Falsche Pfiffe schützen nicht immer vor Strafe

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Drei der Protagonisten der kompliziertesten Szene des 30. Spieltags: Die Mainz-05-Profis Alexander Hack und Danny Latza (v.l.) und Schiedsrichter Markus Schmidt. Zumindest der hat alles richtig gemacht.

(Foto: imago images / Revierfoto)

Aufregung in der Fußball-Bundesliga: Ein Mainzer spielt den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand, doch der Schiedsrichter reagiert nicht. Kurz darauf gibt er Gelb für einen Düsseldorfer. Dank des VAR gibt es doch noch den Elfmeter, aber die Verwarnung bleibt bestehen. Zu Recht?

Seit es die Video-Assistenten in der Fußball-Bundesliga gibt, tun sich immer mal wieder Fragen auf, die nicht nur das Eingriffsprozedere, sondern auch den Umfang einer Korrektur durch den Schiedsrichter betreffen. Zwar leuchtet es beispielsweise ein, dass nicht nur der Elfmeter, sondern auch die Rote Karte zurückgenommen wird, wenn der Helfer am Monitor feststellt, dass der Verteidiger den Ball auf der eigenen Torlinie gar nicht mit dem Arm, sondern mit der Brust abgewehrt hat. In anderen Fällen ist die Gemengelage jedoch komplizierter, wie etwa eine Situation zeigt, die sich in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Fortuna Düsseldorf (3:1) am Samstag zugetragen hat.

56 Minuten waren gespielt, als der Düsseldorfer Benito Raman nach einer Hereingabe in den Mainzer Strafraum in Ballbesitz kam, bis zur Grundlinie lief und die Kugel von dort vor das Tor zu flanken versuchte. Das misslang jedoch, weil Alexander Hack den Ball aufhielt – und zwar mit dem ausgestreckten linken Arm. Schiedsrichter Markus Schmidt reagierte gleichwohl nicht und ließ die Partie weiterlaufen. Der Mainzer Torhüter Florian Müller nahm den Ball auf und leitete einen Konter seiner Mannschaft ein, den Kaan Ayhan schließlich mit einem Foulspiel an Danny Latza beendete. Schmidt zeigte ihm die Gelbe Karte, bevor Video-Assistent Frank Willenborg dem Unparteiischen wegen des Handspiels von Hack ein Review empfahl.

Als der Referee auf das Spielfeld zurückkehrte, entschied er auf Strafstoß für Düsseldorf – eine vollkommen korrekte Entscheidung. Die Frage war nun allerdings: Was passiert mit der Verwarnung für Ayhan? Wird sie zurückgenommen, weil alles, was zwischen dem Handspiel und der Korrektur geschehen ist, automatisch für ungültig erklärt wird? Schließlich wäre es zu dem Foulspiel des Düsseldorfers nicht gekommen, wenn der Schiedsrichter das Vergehen von Hack sofort geahndet hätte. Oder bleibt die persönliche Strafe bestehen, weil man nicht einfach einen Gegner foulen darf, selbst wenn dessen Mannschaft vorher gegen die Regeln verstoßen hat?

Wann Karten nach einer Korrektur revidiert werden

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Die richtige Entscheidung nach der falschen: Markus Schmidt zeigt Kaan Ayhan die Gelbe Karte.

(Foto: imago images / Thomas Frey)

Aufschluss gibt das in englischer Sprache verfasste Handbuch des International Football Association Board (Ifab) für die Video-Assistenten in der neuesten Auflage aus dem Jahr 2018. Darin heißt es unter Punkt 5.3 ("Direkte Rote Karten und andere Disziplinarmaßnahmen"), dass persönliche Strafen grundsätzlich auch dann in Kraft bleiben sollen, wenn sie in einer Zeitspanne oder Spielsituation ausgesprochen wurden, die aufgrund eines Reviews nachträglich für ungültig erklärt worden ist. Als Beispiel wird im Handbuch die Situation genannt, dass es zunächst fälschlich keinen Elfmeter gibt und ein Spieler vor dem Review etwa eine Tätlichkeit oder ein brutales Foul begeht, seinen Körper rücksichtslos einsetzt, sich unsportlich verhält, übermäßig protestiert oder jemanden beleidigt.

Es gibt jedoch Ausnahmen. Diese liegen vor, wenn ein Spieler für die Vereitelung einer offensichtlichen Torchance, also eine "Notbremse", oder für die Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs, also ein taktisches Vergehen, eine Karte gezeigt bekommt, dieser Spielzug nach einem Review jedoch für nichtig erklärt wird. In solchen Fällen wird die persönliche Strafe zurückgenommen, weil durch die Korrektur letztlich keine offensichtliche Torchance und kein aussichtsreicher Angriff existiert haben. Das heißt: Disziplinarmaßnahmen aufgrund von unangemessener körperlicher Härte oder schlechtem Benehmen bleiben bestehen, Karten für spielbezogene Vergehen werden annulliert.

Schiedsrichter Schmidt unterstellte Rücksichtslosigkeit

Im Handbuch für die Video-Assistenten werden die Schiedsrichter zudem angewiesen, die Änderung oder Rücknahme einer persönlichen Strafe für ihre Assistenten, die Spieler, die Trainer und die Zuschauer hinreichend deutlich zu machen. Das sei besonders wichtig, wenn eine Gelbe Karte zurückgenommen wird. Schließlich sollen keine Missverständnisse entstehen, wenn derselbe Spieler später eine gültige Verwarnung erhält, aber korrekterweise nicht mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen wird. In Mainz hat Markus Schmidt allerdings keine Anstalten gemacht, die Gelbe Karte gegen Kaan Ayhan zu revidieren. Das bedeutet, dass der Unparteiische dessen Einsteigen gegen Latza nicht nur als taktisches Foul gewertet hatte, sondern als Rücksichtslosigkeit.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Der Elfmeter für Düsseldorf, den Dodi Lukabakio an den Pfosten schoss, war an diesem Osterwochenende die bislang einzige Korrektur, die auf den Video-Assistenten zurückging. Ansonsten hatten die Schiedsrichter ein vergleichsweise ruhiges Wochenende mit recht wenigen strittigen Situationen. Anders war es fast auf den Tag genau vor 25 Jahren, als sich am drittletzten Spieltag der Saison 1993/94 in der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem 1. FC Nürnberg etwas zutrug, das als "Helmer-Tor" berühmt geworden ist. Benannt ist das Ereignis nach seinem vermeintlichen Schützen, dem damaligen Münchner Verteidiger und heutigen Fernsehmoderator Thomas Helmer.

Heute nicht mehr möglich: Das "Helmer-Tor" vor 25 Jahren

Dieser hatte an jenem 23. April 1994 das Kunststück fertig gebracht, den Ball nach 26 Minuten aus kürzester Distanz am Nürnberger Tor vorbeizustolpern. Doch aus der Sicht von Linienrichter Jörg Jablonski war der Ball für einen kurzen Moment zwischen den Pfosten hinter der Torlinie, weshalb er Schiedsrichter Hans-Joachim Osmers mit erhobener Fahne signalisierte: Tor. Ein klarer Wahrnehmungsfehler. Headsets hatten die Unparteiischen damals noch nicht, die Verständigung erfolgte per Zeichensprache, mündliche Nachfragen des Referees bei den Assistenten galten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, als Zeichen von Schwäche. Also vertraute Osmers seinem Helfer und gab den Treffer, der keiner war. Die Bayern gewannen schließlich mit 2:1.

Was danach folgte, war gewaltig. Der Schiedsrichter und sein Assistent erhielten Morddrohungen, tagelang belagerten Journalisten Osmers' Haus und die Büroräume, in denen er hauptberuflich arbeitete. Das Telefon stand nicht mehr still. Osmers ließ sich zu einem Live-Interview bei den "Tagesthemen" überreden, außerdem sendete die ARD einen "Brennpunkt". Der 1. FC Nürnberg legte Protest ein, das Sportgericht des DFB ordnete ein Wiederholungsspiel an. Das war eine Überraschung, denn eigentlich sind Tatsachenentscheidungen des Schiedsrichters unanfechtbar. Doch die Sportjuristen legten den Fall mit einer so komplizierten wie strittigen rechtlichen Begründung als Regelverstoß aus, damit war der Weg frei für die Neuansetzung.

Kein "Phantom-Tor", keine Morddrohungen

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Der Moment, als Thomas Helmer kein Tor erzielte, jährt sich am 23. April 2019 zum 25. Mal.

(Foto: imago images / Sven Simon)

Diesmal verlor der "Club" mit 0:5 und stieg ab, die Münchner wurden Deutscher Meister. Jörg Jablonski kam in der Bundesliga nicht mehr als Linienrichter zum Einsatz, nach der folgenden Saison beendete er seine Karriere sogar ganz. "Die Zuschauer haben mich zermürbt", berichtete er später. "Jede meiner Entscheidungen wurde von lauten Rufen in Zweifel gezogen, das wollte ich mir nicht mehr antun." Osmers pfiff noch ein Jahr in der Bundesliga, dann musste er aus Altersgründen aufhören. Thomas Helmer diskutiert in seiner Talkshow beim Sender Sport1 regelmäßig über strittige Schiedsrichterentscheidungen in der Bundesliga, über seinen "Treffer" gegen Nürnberg möchte er aber nicht mehr sprechen. Es findet, dazu sei "alles gesagt".

Eine Wiederholung des "Helmer-Tores" wäre heute übrigens nahezu ausgeschlossen. Denn die Torlinientechnologie, die in der Bundesliga bislang einwandfrei funktioniert hat, würde in einem solchen Fall keine Meldung über eine Torerzielung an den Unparteiischen funken. Und sollte der Schiedsrichter trotzdem auf Tor entscheiden, würde dem Video-Assistenten bei der obligatorischen Prüfung der Fehler mit Sicherheit auffallen. Die Beteiligten vor 25 Jahren hätten vermutlich einiges dafür gegeben, wenn schon damals solche technischen Möglichkeiten vorhanden gewesen wären. Es hätte keine Morddrohungen gegeben, kein Sportgerichtsverfahren und weitaus weniger Häme.

Quelle: n-tv.de