Collinas Erben

"Collinas Erben" haben Puls RB Leipzig tobt über Adleraugen-Assistenten

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Fußball: Bundesliga, Borussia Dortmund - RB Leipzig, 19. Spieltag am 04.02.2017 in Signal Iduna Park, Dortmund (Nordrhein-Westfalen). Der Leipziger Trainer Ralph Hasenhüttl (M) reagiert nach einem Abseitstor in den Schlussminute während die Leipziger Spieler Stefan Ilsanker (13) und Naby Keita (8) mit dem Linienrichter diskutieren. +++(c) dpa - Bildfunk+++

Linienrichter Sascha Thielert wird von den Leipzigern in die Zange genommen - und behält die Ruhe.

(Foto: dpa)

In Dortmund verweigert der Unparteiische auf Geheiß seines Assistenten den Leipzigern den späten Ausgleichstreffer - zu Recht. In Köln trifft einer, den der DFB-Kontrollausschuss zuletzt nicht sperrte - gegen seine Überzeugung.

Da stand er nun, mit erhobener Fahne und einem Puls von vermutlich 160. In der vierten Minute der Nachspielzeit im emotionalen Topspiel der Fußball-Bundesliga zwischen Borussia Dortmund und RB Leipzig am Samstagabend, das der BVB letztlich mit 1:0 gewann. Ganz in der Nähe des tobenden Gästeblocks stand er. Mit dem letzten Angriff der Partie hatten die Leipziger doch noch ins Tor getroffen und frenetisch den vermeintlichen Ausgleich gefeiert, doch Sascha Thielert, der Schiedsrichter-Assistent, hatte dem Unparteiischen Tobias Stieler eine Regelwidrigkeit signalisiert. Denn der Torschütze Federico Palacios Martínez soll im Abseits gestanden haben.

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Die Rasenballsportler konnten es nicht fassen. Naby Keita bedrängte Thielert, der stoisch sein Arbeitsgerät in die Luft hielt. Yussuf Poulsen kam hinzu und protestierte lautstark, die Augen weit aufgerissen. Stefan Ilsanker vollführte regelrechte Veitstänze vor dem Mann an der Linie, selbst Trainer Ralph Hasenhüttl hatte es nicht in seiner Coachingzone gehalten. Die Sachsen fühlten sich um den Lohn ihrer Arbeit gebracht und ließen ihren Ärger nahezu ungebremst an dem 36-jährigen kaufmännischen Angestellten aus Buchholz in der Nordheide aus.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Der aber ließ sich nicht beirren und nicht anmerken, wie es in ihm aussah. Dabei hatte er just ein Fahnenzeichen gegeben, das das Spiel entschied. Und das in einer Situation, die knapper kaum hätte sein können. Doch die Fernsehbilder bestätigten Thielert: Tatsächlich befand sich Palacio Martínez beim Zuspiel von Oliver Burke minimal im Abseits - mit einem Teil seines Oberkörpers. Arme und Hände werden zur Beurteilung nicht herangezogen, weder bei den Spielern der verteidigenden Mannschaft noch bei denen des angreifenden Teams. Es zählen nur die Körperteile, mit denen ein Tor regulär erzielt werden kann.

Thielert wird zweifellos aufgeatmet haben, als er später erfuhr, dass sein Abseitssignal richtig war. Zwar sollte man einem Assistenten keinen Vorwurf machen, wenn er bei solchen Zentimeterentscheidungen unter extremem Druck im professionellen Hochgeschwindigkeitsfußball einmal nicht erkennt, was auch den Zuschauern ja stets erst das Standbild nebst eingezeichneter Abseitslinie zeigt. Doch allemal angenehmer ist es natürlich, auch in einer nur mit technischen Hilfsmitteln, nicht aber mit menschlichem Auge zweifelsfrei zu beurteilenden Spielsituation richtig zu liegen.

Und das ist bei den Schiedsrichter-Assistenten im bezahlten Fußball in den allermeisten Fällen so: Die Trefferquoten liegen, obwohl es beim Abseits fast immer eng zugeht, regelmäßig bei über 90 Prozent. Das ist kein Zufall und auch nicht bloß Glück, obwohl die Helfer an den Seitenlinien davon selbstverständlich ebenfalls eine Portion benötigen. In erster Linie tragen hier aber die regelmäßigen Schulungen Früchte, bei denen nicht nur das Auge trainiert wird, sondern auch das Antizipationsvermögen, also die Fähigkeit, Situationen, Spielzüge und Konstellationen aufgrund eines guten Spielverständnisses vorauszuahnen. Eine gewichtige Rolle spielen zudem die richtige Positionierung und nicht zuletzt die Erfahrung. Davon hat Sascha Thielert reichlich: Seit 2006 amtiert er in der Bundesliga als Assistent, die Begegnung in Dortmund war seine 164. Partie im Oberhaus. Hinzu kommen 69 Einsätze in der Zweiten Liga.

Modeste erneut im Mittelpunkt

Eine ähnlich knappe Abseitssituation wie in Dortmund ereignete sich beim Spiel zwischen dem 1. FC Köln und dem VfL Wolfsburg (1:0). Dort jedoch blieb sie unerkannt, und das hatte Folgen. Passiert war dies: Einen Torschuss des Kölners Salih Özcan in der 80. Minute fälschte der Wolfsburger Luiz Gustavo ab, anschließend bemühten sich der Gästekeeper Diego Benaglio und Anthony Modeste um den Ball, wobei sich der Torjäger der Domstädter im Moment von Özcans Schuss hauchdünn im Abseits befand. Die Fahne des Schiedsrichter-Assistenten blieb jedoch unten. Modeste erreichte den Ball als Erster und fiel anschließend über die ausgestreckten Arme von Benaglio. Referee Patrick Ittrich pfiff und zeigte auf den Elfmeterpunkt.

Es war eine Szene, in der unmittelbar nacheinander gleich zwei äußerst knifflige Entscheidungen zu treffen waren. Modestes Abseitsstellung wurde dabei erst im Standbild des Fernsehens erkennbar, und der anschließende Zweikampf zwischen dem Kölner Stürmer und dem Wolfsburger Torwart ließ sich auch mithilfe der TV-Bilder nicht restlos aufklären. Wenn man aber bedenkt, dass Benaglio den Ball verfehlte und mit seinen Armen anschließend ein Hindernis bildete, über das Modeste stolperte und fiel, war der Strafstoß vertretbar – auch wenn Modeste nicht undankbar gewesen sein dürfte, dass sich diese Hürde vor seinen Füßen auftat.

Dass der Franzose überhaupt mitspielen – und den Elfmeter verwandeln – durfte, verdankt er einer kurios anmutenden Entscheidung des DFB-Kontrollausschusses. Dieser hatte gegen ihn ermittelt, nachdem Modeste beim Spiel des 1. FC Köln in Darmstadt am vergangenen Samstag seinen Gegenspieler Aytac Sulu mit dem Arm im Gesicht getroffen und der Schiedsrichter auf Befragen erklärt hatte, diese Szene nicht gesehen zu haben. Der Kontrollausschuss kam zu dem Ergebnis, dass der Angreifer sich einer "offensichtlich sportwidrigen Schlagbewegung" – also einer Tätlichkeit – schuldig gemacht hatte. Dennoch sperrte er Modeste nicht, sondern stellte das Verfahren mit Zustimmung des DFB-Sportgerichts ein.

Zur Begründung hieß es, es sei "davon auszugehen, dass der Unparteiische eine im sportgerichtlichen Verfahren nicht angreifbare Tatsachenentscheidung getroffen hat". Denn die Ermittlungen hätten ergeben, dass "der Schiedsrichter die Zweikampfsituation erkannt und im Blickfeld gehabt" habe. Somit sei keine nachträglich Bestrafung des Spielers möglich. Eine erstaunliche Entscheidung, schließlich hatte der Unparteiische ja zu Protokoll gegeben, dass ihm das fragliche Duell entgangen war. Nur deshalb konnten überhaupt Ermittlungen angestellt werden. Schenkte der Kontrollausschuss dem Referee am Ende keinen Glauben? Das wäre zumindest sehr ungewöhnlich. Eine Erklärung dazu ließ der DFB jedoch nicht verlauten.

Quelle: ntv.de