Redelings Nachspielzeit

Irrer Start der Bundesliga Als "Boss Rahn" unsanft die Nerven verlor

imago0000879938h.jpg

Helmut Rahn, Heißsporn.

Die Bundesliga ist gleich von Beginn an ein solcher Renner, dass die Länder von den Zuschauern eine Vergnügungssteuer verlangen - die höher ist als an anderen, äußerst pikanten Orten. Und das zurecht. Denn ein alternder Weltmeister, ein verrückter Dortmunder und ein pfiffiger Duisburger sorgen wie manch andere für viel Unterhaltung!

Im April des Jahres 1964 sorgte der Dortmunder Timo Konietzka für ordentlich Stimmung bei seinen Kollegen. Denn als man sich in der Sportschule Kaiserau auf eine Partie vorbereitete, gefiel dem Stürmer eines Morgens plötzlich sein Trainingsanzug nicht mehr - und so entschloss er sich spontan, Obacht, im Schlafanzug zu trainieren. Doch BVB-Trainer Hermann Eppenhoff ließ seinen Schützling kommentarlos gewähren, denn er wusste, was er an Konietzka hatte. Schließlich ist es der Mann aus Lünen gewesen, der am 24. August 1963 bereits nach weniger als einer Minute die erste große Legende dieser noch sehr jungen Bundesliga geboren hatte.

60 Jahre Bundesliga_Kranz.png

Wer es damals nicht rechtzeitig zum Start der allerersten Saison 1963/64 auf seinen Platz im Bremer Weserstadion geschafft hatte, der verpasste das 1:0 für die Borussia aus Dortmund gegen den heimischen SV Werder. Friedhelm "Timo" Konietzka hieß der Schütze des allerersten Bundesligatreffers. Doch diese Szene ist noch aus einem anderen Grund unvergesslich und wird auf ewig ein Trauma für die deutsche Sporthistorie bleiben. Denn es existiert kein einziges Foto von diesem bedeutsamen Moment. Ein riesiger Fauxpas! Dabei hatte am Morgen des ersten Spieltags "Die Welt" noch voller Stolz berichtet: "Die Steinzeit des deutschen Fußballs ist beendet!"

ANZEIGE
60 Jahre Bundesliga: Das Jubiläumsalbum
1
25,00 €
Zum Angebot bei amazon.de

Übrigens: Timo Konietzka erzählte später, dass dieser ewige Ruhm beinahe sogar an ihm vorbeigegangen wäre: "In Bremen wollte ich anfangs gar nicht spielen. Ich hatte so eine verdammte Oberschenkelgeschichte - sie hatte mich die Teilnahme am Pokalfinale gekostet -, und ich musste das Bein nachziehen. Aber meine Kameraden überredeten mich: Du musst spielen! Ich ließ mich breitschlagen. Dann kam die erste Minute. Emma zog am linken Flügel los, flankte, ich war da. Schuss, 1:0!" Ja, so schnell kann es zur Legende gehen.

Im Gegensatz zu Konietzka waren die folgenden Herren damals bereits Helden: Drei Weltmeister von 1954 standen am ersten Spieltag auf dem Bundesliga-Rasen. Zwei von ihnen schossen sogar ein Tor: Helmut Rahn für den Meidericher SV und Max Morlock für den 1. FC Nürnberg. Nur Hans Schäfer für den 1. FC Köln ging leer aus. Neun Jahre nach dem WM-Triumph von Bern war es auch ein Weltmeister, der als erster Spieler der Bundesliga vom Platz verwiesen wurde. Den sichtlich fülliger gewordenen Helmut Rahn erwischte es am vierten Spieltag in der Partie seiner Meidericher zu Hause gegen Hertha BSC. In der 77. Minute ließ er sich zu einem Revanchefoul am Berliner Beyer hinreißen. Mit Kopf und Schulter rammte Rahn den Hertha-Spieler so unsanft, dass Schiedsrichter Deuschel den bulligen MSV-Profi sofort in die Kabine schickte. Das war jedoch nicht der einzige Aussetzer des gebürtigen Esseners, der mittlerweile nebenbei durchaus erfolgreich ein Autohaus betrieb. "Verkauf, Vermittlung, Finanzierung - Helmut Rahn" stand über seinem Geschäft. 25 Autos hatte er in kürzester Zeit verkauft und berichtete stolz: "Die Leute rufen sogar aus dem Sauerland an!"

Beim MSV lief es allerdings nicht ganz so gut. Im März musste Helmut Rahn versprechen, sich "künftig voll und ganz für den Verein einzusetzen". Gerüchte waren laut geworden, dass sich der Meidericher bereits mit einem anderen Verein einig geworden sei, doch Rahn versicherte: "Von einer erneuten Abwanderung ins Ausland ist keine Rede." Mehrmals hatte der Weltmeister das Training geschwänzt. Ein Disziplinarausschuss des MSV dachte über eine angemessene Strafe nach.

Sein Trainer Rudi Gutendorf schwor jedoch weiterhin auf den Weltmeister. Schließlich hatte "Riegel-Rudi" vor der Saison Rahn für 60.000 Gulden aus seinem Vertrag in Enschede herausgekauft - gegen die Stimmen eines Großteils der MSV-Verantwortlichen. Und dieser Unmut kam nicht von ungefähr, denn Rahn hatte in den Wochen zuvor eher private denn sportliche Schlagzeilen geschrieben. So war er unter anderem mit seinem Auto alkoholisiert in eine Baugrube gefahren.

Um eine andere Schwäche des Weltmeisters, die Unpünktlichkeit, besser in den Griff zu bekommen, hatte Gutendorf eine blendende Idee entwickelt. Er hatte für sich und Rahn ein gemeinsames Pferd gekauft. Und so kümmerten sich die beiden fortan morgens um sieben um das Renntier und gingen danach direkt zum Training. Doch den Alkohol konnte selbst der pfiffige Coach seinem Spieler Rahn nicht austreiben. Am Vorabend des Auswärtsspiels in Köln, so erzählte Gutendorf Jahre später einmal, habe sich der "Boss" eine halbe Kiste Bier reingetan. Am nächsten Tag sei er dann beim 3:3 der beste Mann auf dem Platz gewesen. Was sollte der ansonsten so strenge Rudi Gutendorf da noch sagen?

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Bestseller-Autor und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein legendäres Anekdoten-Schatzkästchen. Für ntv.de schreibt er montags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und seinem aktuellen Buch ("60 Jahre Bundesliga. Das Jubiläumsalbum") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Aber nicht nur der MSV-Trainer und sein großer Star hatten viel Spaß mit und an der neuen Bundesliga. Quasi von Beginn an war die Liga eine echte Erfolgsgeschichte. Über sechs Millionen Karten wurden gleich in der ersten Saison verkauft. Und da plötzlich viel Geld im Spiel war, wollten auch die Kommunen am Erfolg partizipieren. Besonders weit trieb es dabei die Stadt Nürnberg. Sie verlangte ein Fünftel der Werbeeinnahmen, die durch Lautsprecherdurchsagen in die Kasse des deutschen Rekordmeisters kamen, und erhoben zudem eine Vergnügungssteuer in Höhe von zehn Prozent auf jede Eintrittskarte. Diese Regelung galt allerdings bundesweit und wurde von einigen Ligavertretern scharf kritisiert. Man bemängelte, dass der Steuersatz über dem für Striptease-Lokale lag. Indirekt war das natürlich ein großes Lob für die gerade eben erst aus der Taufe gehobene Liga.

Erster Meister der Bundesliga wurde schließlich der 1. FC Köln. Bereits nach dem 29. Spieltag begannen in der Domstadt die Planungen für die Meisterschaftsfeierlichkeiten: Als Erstes sollte vor dem Spiel gegen den VfB Stuttgart und in der Halbzeitpause ein Fanfarenkorps aus Groß-Linden für Musik sorgen. Nach der Begegnung fuhr die Mannschaft in einem offenen Wagen zum Geißbockheim, wo das Meister-Bankett und ein Volksfest für die Fans mit Feuerwerk stattfand. Begeistert berichtete der "kicker": "In einem großen ›Bierbrunnen‹ werden 60 Hektoliter Freibier (das sind 30.000 Gläser!) ausgeschenkt, die eine Kölner Brauerei stiftete. Auf der Terrasse des Klubheims wird eine Wasserorgel installiert!" Das machte natürlich Vorfreude auf mehr. Und tatsächlich sollte die Bundesliga seit damals Jahr für Jahr für viel Furore sorgen.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen