Redelings Nachspielzeit

"Das fördert die Durchblutung"Als Klopp beim Sommermärchen Kerner eine Ohrfeige verpasste

25.04.2026, 06:08 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Bildnummer-02173996-Datum-08-07-2006-Copyright-imago-Sven-Simon-ZDF-Moderator-Johannes-B-Kerner-li
Deutschland vor 20 Jahren: ein Sommerrausch.

Sommermärchen 2006 und das ZDF präsentiert eine "revolutionäre" Lösung im WM-Studio in Berlin. Moderator Johannes B. Kerner führt gemeinsam mit dem damals noch recht unbekannten Jürgen Klopp und Ex-Schiri Urs Meier durch die Sendung. Eine besondere Kombination, wie sich schnell herausstellen sollte.

Es waren Wochen der nationalen Ekstase. Die Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land bekam zurecht, noch während sie lief, den Namen "Sommermärchen" verpasst. Autor Ronald Reng hat diesen wunderschönen Wochen nun ein Buch gewidmet: "Der deutsche Sommer. Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog". Es ist eine fabelhafte und äußerst lesenswerte Erinnerung an eine Zeit, die auch nach zwanzig Jahren immer noch viele warme Gefühle bei all denjenigen hervorruft, die das Glück hatten, damals dabei gewesen zu sein.

Mit dabei war in diesen vier Wochen auch erstmals live über eine längere Zeit im deutschen Fernsehen der damalige Mainzer Trainer Jürgen Klopp. Das ZDF hatte sich bei dieser Weltmeisterschaft für eine gewagte Innovation entschieden - wie Ronald Reng in seinem Buch schreibt: "Was sich das ZDF dafür ausgedacht hatte, war revolutionär. Ob es genial oder verrückt war, würde sich in den kommenden fünf Wochen zeigen. Als Fußballexperten würden ein recht unerfahrener Bundesligatrainer und ein Schweizer Schiedsrichter durch das WM-Programm des Senders führen."

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Jürgen Klopp war erst 39

Es war tatsächlich ein echtes Abenteuer und ein großes Wagnis, was das ZDF damals mit den Experten Jürgen Klopp und Urs Meier, angeleitet von Moderator Johannes B. Kerner, einging, denn man war, insbesondere bei Jürgen Klopp, den damals abseits des grünen Rasens nur einige wenige Fußballfreunde in Deutschland kannten, so weit weg von all dem, was man bisher gewohnt war und dem deutschen TV-Zuschauer zugemutet hatte.

Das zeigte sich auch gleich bei Klopps erstem Einsatz am Eröffnungstag der WM, wie Reng schreibt: "Seit 15:15 Uhr am 9. Juni 2006 stand dieser Mann in Jeans zum Sakko im WM-Studio des ZDF. Er war 39, jung in der Ausstrahlung, die Haare blondiert und fast so lang wie bei Günter Netzer in den Siebzigerjahren. Das weit geöffnete weiße Hemd hing Jürgen Klopp absichtlich aus der Hose." Doch offensichtlich kam das Ganze an, denn selbst der brasilianische Superstar Ronaldinho erzählte freudestrahlend während der laufenden Weltmeisterschaft: "Ich mag das deutsche Fernsehen. Da ist immer ein Typ, der lustige Bilder auf dem Spielfeld malt." Dieser "Typ" war natürlich Jürgen Klopp.

Wie Pele für eine Kaffeerevolution sorgte

Ronald Reng ist mit seinem Buch (wieder einmal) ein ganz großer Wurf gelungen, denn er gibt auf eine unterhaltsame, aber auch seltsam entspannte Art und Weise tiefe Einblicke in das Herz dieser wundersamen Zeit. Das Zusammenspiel von kleinen Anekdoten, spannendem Insiderwissen und launigen Hintergrundgeschichten lässt diesen "deutschen Sommer" für die Leser wiederaufleben - auf eine Art und Weise, die einzigartig ist.

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So wie diese Story am Rande des großen Trubels. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Urs Meier, der damals ein Haushaltswarengeschäft im Kanton Aargau führte, traf am Anfang der WM während eines Flugs den Geschäftsführer von Nespresso International und erzählte ihm beiläufig, dass dem Weltstar Pelé beim Besuch im ZDF-Studio der Kaffee nicht geschmeckt hätte.

Nur wenige Tage später wurden zum Wohlgefallen aller ("Das hatte ich 2006 noch nicht gesehen. Kapseln, die man in eine Maschine schob, und dann kam ein wunderbarer Cappuccino heraus", der stellvertretende Sportressortleiter Thomas Fuhrmann) zwei Maschinen in die Redaktion geliefert. Es ist wahrhaft eine Geschichte, die man leicht als Nebensächlichkeit abtun könnte, die aber auf eine solch simple Art und Weise den Geist dieser Tage offenbart und dabei das zeigt, was Jürgen Klopp, Urs Meier und Johannes B. Kerner vor der Kamera in Perfektion taten: sie "menschelten". Und das kam an, wie die Einschaltquoten bewiesen.

Ohrfeigen gegen die Müdigkeit

Für alle, die damals dabei waren, war es eine spezielle Zeit. Vor allem, weil alle schon im Moment selbst spürten, dass etwas ganz Besonderes passierte. Und so ist es kein Wunder, dass auch die Protagonisten Jürgen Klopp und Urs Meier abseits der Kamera diese Augenblicke ausgiebig genossen. Doch Ronald Reng schreibt: "Nach gut einer Weltmeisterschaftswoche in Berlin war sich Urs Meier allerdings nicht mehr sicher, ob er wie die Klopps wirklich jeden Abend bis tief in die Nacht ausgehen wollte. Schlaf war auch nicht zu verachten." Was dann geschah, lohnt alleine die Lektüre dieses wunderbaren Buchs - doch es gibt noch viel mehr Geschichten dieser Art auf den über vierhundert Seiten toller Erinnerungen und Einblicke.

Zum Autor

"Als Moderator Johannes B. Kerner und Urs Meier vor einer Sendung über ein wenig Müdigkeit klagten, erklärte ihnen Jürgen Klopp: 'Ich kann euch heiß machen.' Die Situation sei ja auch nicht so viel anders als kurz vor Spielbeginn in einer Umkleidekabine. Erinnerten sie sich noch, wie er dem Fernsehpublikum nachvollziehbar erklärt hatte, in solchen Momenten helfe Körperkontakt mehr als scharfe Worte?

Jürgen Klopp gab Urs Meier und Johannes B. Kerner eine Ohrfeige. Früher als Spieler habe er sich regelmäßig kurz vor Anpfiff mit seinem Kollegen Holger Greilich gegenseitig geohrfeigt. Ab und an greife er auch als Trainer bei seinen Spielern auf die Methode zurück. 'Das fördert die Durchblutung.' Tatsächlich waren Johannes B. Kerner und Urs Meier schlagartig hellwach, wenngleich auch etwas verdattert."

Quelle: ntv.de

Fußball-WM 2006SommermärchenJürgen Klopp