Redelings Nachspielzeit

"Höchststrafe für uns Profis"Als ein kaiserliches Donnerwetter den Weg zum Bayern-Triumph ebnete

23.05.2026, 08:47 Uhr
imageVon Ben Redelings
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Franz Beckenbauer hielt gerne große Reden.

Heute vor 25 Jahren holt der FC Bayern München nach einer Pause von 25 Jahren endlich wieder den Pokal der Meister. Der Anlauf zu diesem Titel ist schwierig: 1999 kommt die "Mutter aller Niederlagen" dazwischen - doch dann rüttelt Franz Beckenbauer die späteren Helden noch rechtzeitig wach.

"Nach seinem Donnerwetter wäre ich beinahe am Buffet an den Langusten erstickt. Nichts hat uns Spielern mehr geschmeckt. Und einschlafen konnten wir auch nicht so richtig. Der Effe, der Brazzo, der Carsten und ich haben bis um zwei Uhr früh Schafkopf gespielt. Wir haben darüber diskutiert, warum der Franz Beckenbauer nichts im Mannschaftsbus gesagt hat, warum erst vor den 200 geladenen Gästen und Sponsoren. Das war die Höchststrafe für uns Profis. Heute sage ich: Wir haben diese Rede genauso verdient wie die Meisterschaft und den Champions-League-Sieg."

Bayern-Keeper Oliver Kahn wusste nach dem Sieg im Champions-League-Finale am 23. Mai 2001 im Giuseppe-Meazza-Stadion gegen den FC Valencia genau, was den Triumph von Mailand im Elfmeterschießen überhaupt erst ermöglicht hatte. Nur zehn Wochen zuvor hatte die Welt des FC Bayern nach einer 0:3-Klatsche in Lyon noch in Scherben gelegen. Die Wutrede des Präsidenten Franz Beckenbauer anschließend auf dem Bankett ist in die Geschichte des Fußballs eingegangen.

"Rhetorisch präzise wie ein Markenbohrer", nannte TV-Reporter Werner Hansch später die Worte des Kaisers. Hier einmal die wichtigsten Ausschnitte: "Ich sage immer: Man kann jedes Spiel verlieren. Die Frage ist nur: Wie man ein Spiel verliert. Das war heute eine Blamage! Das ist nicht Fußball, das ist Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft, Altherrenfußball. In Zukunft könnt ihr das nicht machen, sonst müssen wir uns alle einen anderen Beruf suchen. Wenn einer Nachhilfeunterricht braucht, dann werde ich ihm noch etwas anderes sagen. Ich stehe auch heute noch und die nächsten Tage zur Verfügung. Es war eigentlich bis auf das Spiel ein schöner Ausflug."

Die Wut des Kaisers

Die Wut des Kaisers hatte jedoch eine heilende Wirkung, die auf dem Weg zum Triumph von Mailand nicht zu unterschätzen war, wie Oliver Kahn sich erinnert: "Die Rede war wichtig für uns, um zu erkennen, wo wir als Mannschaft stehen. Wir hatten die Jahre vorher immer gute Spieler. Aber diesmal hatten wir eine Mannschaft mit Geist, mit Moral. Die Rede hat uns bewegt."

Franz Beckenbauers Worte waren wichtig - doch fast noch bedeutender war die "Mutter aller Niederlagen" zwei Jahre zuvor im Endspiel von Barcelona gegen Manchester United. Nach der Niederlage buchstäblich in letzter Sekunde hatten die Bayern zwei Meisterschaften nacheinander erst im letzten (2000 gegen Bayer Leverkusen) und allerletzten Moment (2001 gegen den FC Schalke 04) für sich entscheiden können. Es war dieser Glaube, der aus der Gewissheit der Niederlage von Barcelona entstanden war, dass eine Partie erst zu Ende ist, wenn der Schiedsrichter den Schlusspfiff getätigt hat, der die Mannschaft antrieb.

Und sie hatten nach den schrecklichen Momenten 1999 im Camp Nou noch eine Rechnung offen. Das Team wollte unbedingt diesen Titel des Champions-League-Gewinners nach München holen. Den ersten Landesmeister-Pokal nach 1976. Jens Jeremies hat einmal dieses Gefühl des ganzen Klubs mit seinen Worten auf den Punkt gebracht: "Diese Schmach von Barcelona hat uns die Kraft gegeben, nicht lockerzulassen, bis wir es sind, die ganz oben stehen." Und dafür war die Mannschaft bereit, alles zu geben. Weit über das Normale hinaus. Denn für eine Vielzahl der Spieler war es bereits so etwas wie eine letzte Chance. Da konnten die Akteure auch Verletzungen nicht stoppen.

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Wunde der Rede wirkt nach

Giovane Elber und Jens Jeremies standen sogar nur wenige Tage nach ihren Operationen schon wieder auf dem Platz. Gesund war das natürlich nicht, doch der Ehrgeiz und der Wille trieben sie an. Genauso wie Mehmet Scholl, der sich durch das Finale mit mehreren Bänderrissen kämpfte. Und dann ging es im Endspiel auch noch in die Verlängerung bis ins Elfmeterschießen, in dem Oliver Kahn zum Helden wurde. Drei Elfmeter konnte der Bayern-Torwart halten, nur zwei Spieler des Rekordmeisters verschossen. Damit war der FC Bayern München Champions-League-Sieger des Jahres 2001.

Hinterher meinte ein hocherfreuter Uli Hoeneß in Erinnerung an frühere Taten und Erfolge des FC Bayern: "Ich bin glücklicher als bei unserem letzten Europacup-Sieg 1976 in Glasgow. Jetzt kommt endlich mal dieser Abend, wo man nicht an morgen denkt, wo man einfach alles laufen lässt, wo man einfach nur genießt." Und genau so sah es auch der spitzbübisch lächelnde Stefan Effenberg, als ihm in dieser Nacht Franz Beckenbauer über den Weg lief. Die Wunde, die die Rede des Kaisers hinterlassen hatte, war zwar durch den Triumph noch nicht wieder ganz verschlossen, aber Effenberg konnte wenigstens schon wieder über sie scherzen, als er zum Kaiser meinte: "Für eine Altherrenmannschaft war das doch nicht so schlecht."

Quelle: ntv.de

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