Redelings Nachspielzeit

Krisen kommen und gehen Als wir 1986 im Atomregen Fußball spielten

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Unser Kolumnist trotzte 1986 der Krise. Kurz.

(Foto: imago/Busse)

Zeit der Erinnerungen! 11 gegen 11? Stadionbesuche mit den Kollegen? Hitziger Kabinenschwatz über den letzten Kreisliga-Kick? Im Moment leider alles nicht möglich. Zeit, über den Irrsinn und Nonsens früherer Tage nachzusinnen. Und sich zu erinnern: 1986 durften wir auch nicht draußen spielen!

1986 wollten die Erwachsenen uns das Draußenspielen verbieten, weil im fernen Tschernobyl ein Atomreaktor brannte. Nachdem wir an drei aufeinanderfolgenden Nachmittagen die Wohnungseinrichtungen der Eltern von Sterni, Wolle und Brösel um einige liebgewonnene Erbstücke dezimiert hatten, ließ uns Kuttes Mutter gegen den ausdrücklichen Wunsch der anderen Aufsichtspflichtigen wieder vor die Tür. Als am frühen Abend ein leichter, neon verfärbter Nieselregen einsetzte, wurde es Kuttes Mutter allerdings doch ein wenig unheimlich zumute. Mit Kuchen und Kakao wollte sie uns vom Balkon aus nach oben in die sichere Stube locken - doch das Spiel war noch nicht zu Ende. Es stand vielmehr auf Messers Schneide.

Sterni machte das knappe Ergebnis so fertig, dass er irgendwann zuerst sein T-Shirt und anschließend auch noch sein Unterhemd über den Kopf zog. Mit irrem Blick trommelte er mit beiden Fäusten gegen seinen Brustkorb, schaute hinauf in den wolkenverhangenen Tschernobyl-Himmel und brüllte: "Du elende radioaktive Scheiße. Gib mir die Kräfte des Unbesiegbaren. Ich will werden wie Diego Armando Maradona!" Die vorbeifahrende Polizei brachte uns anschließend kopfschüttelnd nach Hause. Mit Kutte durften wir von diesem Tage an lange, lange Monate nicht mehr spielen.

Teures Leihgeschäft mit Schumacher

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Die Szene, für die jemand in Bochum später bezahlen musste.

(Foto: imago sportfotodienst)

Aus irgendeinem komischen Grund, den ich heute nicht mehr weiß, hatte ich mir zu meinem elften Geburtstag das blaue Nationalmannschaftstrikot von Toni Schumacher gewünscht. Doch Torwart wollte ich eigentlich nie sein. Deshalb verlieh ich das gute blaue Stück immer zusammen mit den Profi-Handschuhen von Reusch. Ein Glück. Denn als wir wieder einmal im Stadtpark ein bisschen pöhlten, kamen plötzlich aus einem Gebüsch zwei französische Austauschschüler unseres bilingualen Gymnasiums angerannt.

Ohne lange zu fackeln, liefen sie direkt auf den Kollegen - ich kann heute nicht mehr mit Gewissheit sagen, wer es genau gewesen ist - zu, der an diesem Tag mein Trikot übergestreift hatte, und vermöbelten ihn ordentlich. Bevor wir überhaupt etwas unternehmen konnten, spurteten die beiden Franzosen triumphierend lächelnd davon. Mit einem furchtbaren Akzent riefen sie immer wieder aus der Ferne: "Rache für Battiston. Schumacher, Arschloch!"

Mit 13 meinte Brösel, der damals noch "Päckchen" hieß, weil er immer ein bis zwei Trinkpäckchen von Aldi dabeihatte, er müsse langsam mal cool werden. Aus seinem Australienurlaub brachte er deshalb ein gebogenes Teil mit, das er uns stolz als Bumerang vorstellte. Wir waren so von den Socken, dass wir nach der Schule ohne den Umweg, Mittagessen einzunehmen, direkt in den Park gingen, um das Ding auszuprobieren. Doch natürlich konnte immer nur einer werfen. Die anderen standen dumm herum.

Nach einer halben Stunde ging das Wolle so auf den Keks, dass er das Teil möglichst weit oben in einem der umstehenden Bäume versenken wollte. Irgendwie muss "Päckchen" allerdings seinen Plan durchschaut haben. Mit einem gewagten Sprung schmiss er sich in die Flugbahn des Bumerangs und schaffte es tatsächlich, ihn zu stoppen. Dummerweise mit seiner bloßen Stirn. Schlimmer als jeder Gegner von Mike Tyson je hätte bluten können, schoss die klebrige Flüssigkeit aus seinem Kopf. Sterni zögerte nicht lange, packte sein Fahrrad und raste los. "Päckchen, Päckchen, ich hol Hilfe, ich hol Hilfe!", schrie er noch. 30 Sekunden später war Sterni bei einem spektakulären Ausweichmanöver mit seinem viel zu kleinen Kinderfahrrad gegen einen Baum gebrettert. Die Schwestern im Krankenhaus mussten schmunzeln, als unsere Gruppe Halbstarker besorgt dreinblickend die Notfallaufnahme stürmte. Am nächsten Tag war der böse Bumerang-Traum Gott sei Dank schon wieder vorbei.

Nach der Europameisterschaft 1992 tranken wir das erste Mal Alkohol bei unseren Besuchen im Ruhrstadion. Damals begann Wolle auch ganz langsam am Rad zu drehen. Auf die einfache Frage, wie spät es denn sei, antwortete er von nun an stets: "Zeit für ein Bier." Eines Tages hatten wir bei einem nur mäßig spannenden Spiel schon ein, zwei Becher intus und waren dementsprechend gut drauf. Mit dem wohligen Gefühl eines leichten jugendlichen Rausches folgten wir entspannt dem Gekicke unten auf dem Rasen.

"Dat merkt doch eh keiner von den Spacken hier!"

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Auf einmal verspürte Wolle ein unangenehmes Zwicken in der Leistengegend: "Jungs, ich muss mal ganz dringend den Jürgen würgen, die Kartoffeln abgießen, meinem kleinen Mann die große, weite Welt zeigen. Ihr wisst schon. Kommt wer mit?" Kollektiv schüttelten wir unsere Köpfe. Nur Brösel lag plötzlich ein gefährliches Lächeln auf den Lippen. Wie immer mit einem leichten Lispeln sagte er: "Piss doch einfach in den Becher, Wolle. Dat merkt doch eh keiner von den Spacken hier!"

Gesagt, getan. Zwei prallgefüllte Plastikbecher später strich Wolle sich die überzähligen Tropfen an der Jeans ab. Doch wohin nun mit der lauwarmen Flüssigkeit? Wolle hatte schon eine Idee. Großzügig offerierte er Jens Schmergalla, zwei Reihen unter uns, einen seiner zwei Becher. Über so viel Zuneigung und die Temperatur des "Bieres" schwer verwundert, schnupperte Schmergalla an dem Getränk: "Hömma, dat Gesöff hat aber auch schon einmal bessere Zeiten gesehen!" Wolle setzte ein empörtes Gesicht auf: "Willst du dich auch noch beschweren, oder wat? 'Nem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, du Penner!" Und um Schmergalla endgültig den Wind aus den Segeln zu nehmen, setzte Wolle den anderen Becher mit einem trotzigen "Prost" schwungvoll an seine Lippen.

Angewidert hielten wir still, bis auch Schmergalla einen kräftigen Schluck aus seinem warmen Becher genommen hatte. Dann lachten wir alle gemeinsam über diesen ausgelassenen jugendlichen Schabernack. Wir hatten schließlich schon den Atomregen von 1986 zusammen überlebt. Da würde uns so ein Quatsch ganz bestimmt nicht auseinanderbringen.

Quelle: ntv.de