Redelings Nachspielzeit

Redelings schwelgt in Erinnerung Wie toll war schnöder Fußball ohne Isolation

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Wie schön kann so ein ganz normaler Tag sein.

(Foto: imago sportfotodienst)

Manchmal überkommen einen die Erinnerungen ganz unerwartet. Eigentlich hatte ich die Partie zwischen dem VfL Bochum und dem HSV vor genau einem Jahr schon längst vergessen. Doch dann ist plötzlich alles wieder da. Dieser wunderbare Tag - trotz des müden Gekickes.

Ich hätte wirklich nie im Leben gedacht, dass ich mich an dieses Spiel noch einmal wehmütig erinnern sollte. Doch nun war es tatsächlich so weit. Ich ertappte mich beim Blick auf den Kalender dabei, wie ich mit einem breiten Grinsen im Gesicht an diesen Tag fast genau vor einem Jahr zurückdachte. Damals spielte an einem Samstagvormittag mein VfL Bochum gegen den abgestiegenen Dino, den ehemals so unnachahmlichen Hamburger SV. Wie häufig habe ich diese Partie in der ersten Fußball-Bundesliga gesehen?!

Oder damals, 1988, im DFB-Pokal-Halbfinale. Ich als kleiner Dötz, neben mir mein Schulkollege. Unsere Hände fest an das kalte Metall des Zauns gekrallt, blickten wir fasziniert auf den Rasen. Am nächsten Morgen stand eine Englischarbeit an. Unsere Eltern hatten uns nur zum Spiel gelassen, weil wir zuvor versprochen hatten, zu lernen und eine ordentliche Zensur zu schreiben. Es sollte meine beste Englischarbeit alle Zeiten werden. Noch total euphorisiert von unserem Einzug ins Pokalfinale in Berlin zauberte meine Hand auf magische Weise und durch Endorphine gesteuert alles sauber aufs Papier. Ein unbeschreibliches Gefühl - auch mehr als dreißig Jahre danach. Gänsehaut, in diesem Moment des Aufschreibens.

Herrliches Wetter, gute Laune

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Bens aktuellem Buch und seinem gleichnamigen Tourprogramm ("Fußball. Die Liebe meines Lebens") gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Gänsehaut erzeugte die Partie vor einem Jahr nicht in einer einzigen Sekunde der neunzig Minuten. 0:0 endete das Spiel. Und damit wäre eigentlich alles gesagt, wenn mir nicht vor wenigen Wochen jemand ernsthaft hätte weismachen wollen, dass ihn das Gekicke dieses Vormittags schwer an das Endspiel der WM 1994 zwischen Italien und Brasilien erinnert hätte. Das wäre damals ja auch eine Partie für absolute "Taktikfreunde" gewesen. Vielleicht. Wahrscheinlich aber eher nicht. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie damals reihenweise die Kollegen vor dem Fernseher eingeschlafen sind. War das nicht sogar der Tag, als Marcel Reif seinen mittlerweile legendären Satz - "Wenn Sie dieses Spiel atemberaubend finden, dann haben Sie's an den Bronchien" - gesagt hat? Keine Ahnung. Aber ich schweife auch ab. Nein, diese Partie am 30. März 2019 zwischen dem VfL und dem HSV war kein Leckerbissen. Aber das ist eigentlich auch nicht so wichtig. Vor allem nicht im Rückblick.

Ich bin an diesem Vormittag zusammen mit zwei Kollegen und einem kleinen Wegbier über unsere wunderschöne Springorum-Trasse zu Fuß bei herrlichem Wetter zu unserem Schmuckkästchen an der Castroper Straße gelaufen. Jogger, Fahrradfahrer und Pärchen mit und ohne Hund säumten unsere Strecke. Wir haben geredet, gelacht und getrunken. Und da noch Zeit war, sind wir auf ein weiteres Getränk in den Tennisklub hinter der Ostkurve des Ruhrstadions gegangen. Ata Lameck, das Idol meiner Kindheit, schüttelte scherzend die Hände seiner Fans und lief, in seinem berühmten leicht hinkenden Wiegegang, Richtung Stadion. Ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er sich lachend und winkend seinen Weg durch die Menge bahnte.

Ein Tag pralles Leben

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In der Kurve saßen wir an diesem Vormittag trotz des müden Spiels fröhlich beieinander. Meine neun Dauerkarten-Freunde, ich und die anderen, die auch immer da sind und die man herzlich begrüßt, weil man sich einfach freut, wenn man sich alle zwei Wochen sieht. Wie genau dann alles an diesem Tag des schönen Wetters, der guten Laune und der netten Menschen nach dem Ende der Partie weiterging, ist eine lange Geschichte. Im Zeitraffer sei nur erzählt, dass ich mich - obwohl ich es Stunden vorher noch kategorisch für diesen Tag und für mein ganzes Leben überhaupt ausgeschlossen hatte - anschließend auf einer "90er-Party" in der Arena auf Schalke wiederfand. Dort machten Leute mit mir Fotos, weil sie es so absurd wie amüsant fanden, dass ein Ur-VfLer mit ihnen zusammen auf den Treppenstufen mitten in der berüchtigten Nordkurve stand. Ich erinnere mich an Klatschpappen aus Plastik, auf denen ich ausrutschte und für Gelächter der Umstehenden sorgte. Und an den großen David Hasselhoff, wie er zum Abschluss unserer Reise in die Vergangenheit "I've been looking for freedom" schmetterte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dachte ich glücklich zurück an einen Tag des prallen Lebens, den es ohne dieses Spiel zwischen dem VfL Bochum und dem Hamburger SV nie gegeben hätte. Danke, Fußball. Danke, Leben. Und: Danke, Erinnerungen. Ihr seid die feste und zuverlässige Grundlage für die stetig wachsende Vorfreude auf die nächste Partie im Kreise der Freunde. Bleibt gesund!

Quelle: ntv.de