Redelings Nachspielzeit

So brutal, so vorhersehbar Das erschreckende Schicksal von Schalke 04

d4340a1dcc67d900676865fa6e29528d.jpg

Hat er das Schicksal gesehen?

(Foto: Pool via REUTERS)

Der tiefe Fall des FC Schalke 04 ist in all seinen Facetten und fast täglich neuen Entwicklungen so erschreckend vorhersehbar, dass jeder weitere Schritt schon vom reinen Zuschauen her wehtut. Schließlich weiß man bereits jetzt, wie es weitergehen wird.

Vor vielen Jahren hat mir ein bekannter Fußballreporter einmal den Profisport in kurzen Worten erklärt. Er meinte damals, dass hinter der glitzernden Fassade alles genau wie im wahren Leben sei. Und so würden sich die wichtigen Entscheider eben - ganz wie wir normalen Menschen auch - am liebsten mit Dingen und Personen umgeben, die sie kennen oder besser: die sie glauben zu kennen.

"Tja", ergänzte der berühmte Fußballreporter noch, "das ist natürlich Fluch und Segen zugleich. Aber vor allem ist es auch erstaunlich vorhersehbar, wie diese Menschen handeln. Manchmal sogar erschreckend vorhersehbar." Und dann brachte er noch das Beispiel eines Nationalspielers, der Name ist mir leider entfallen, von einem Fußballzwerg, den ein Erstligist nur deshalb verpflichtete, weil er einmal in einem Testspiel gegen den eigenen Verein zwei Tore erzielt hatte.

Das aktuelle Buch ...

... unseres Kolumnisten Ben Redelings - "Das neue Buch der Fußballsprüche" - können Sie jetzt direkt bei seinem Verlag bestellen. Live ist Redelings deutschlandweit mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Und als man ein halbes Jahr später dringend auf der Suche nach einem treffsicheren Stürmer war, erinnerte man sich in der höchsten Not genau an diesen Mann. Ohne weitere Beobachtung erhielt er einen Dreijahresvertrag. Schließlich hatte er ja gegen den eigenen Klub getroffen - und war Nationalspieler. Zwar hatte er nur einmal das Trikot seines kleinen Landes getragen und spielte vornehmlich als Verteidiger, aber das störte erst einmal niemanden. Man kann sich denken, wie die Geschichte ausging.

"Fußball ist doch immer das Gleiche"

Einige Jahre nachdem mir der Reporter die Augen geöffnet und mir die Story dieses Nationalspielers, eines Fußballzwerges, erzählt hatte, musste ich wieder an all dies zurückdenken. Damals hatte der FC Schalke 04 gerade in den Playoffs zur Uefa Europa League gegen Helsinki gespielt. Und in diesem Sommer des Jahres 2011 hatte ein lockenköpfiger Finne namens Teemu Pukki die Königsblauen ordentlich durcheinander gewirbelt und drei Tore gegen den FC Schalke 04 geschossen.

Doch da Helsinki das Rückspiel mit 6:1 in der Arena verlor, konnte sich Pukki mit seinem Verein nicht für die Europa League qualifizieren. Und da Schalke gerade auf der Suche nach einem Stürmer war, unterschrieb der Finne kurz darauf einen Vertrag mit drei Jahren Laufzeit bei den Königsblauen. Pukki zauberte sich anschließend durch sein Äußeres und durch seine entzückende Art in die Herzen der Schalker - doch auf dem Platz lief es immer nur semioptimal.

ANZEIGE
Schalke-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten
9,99 €
Jetzt kaufen

Hans Meyer hat einmal so fein formuliert: "In schöner Regelmäßigkeit ist Fußball doch immer das Gleiche." Diese Worte sind die passende Ergänzung zu den Schilderungen des bekannten Fußballreporters über den Profisport. Denn wenn man sich in diesen Tagen das erbärmliche Schauspiel rund um den FC Schalke 04 anschaut, dann möchte man am liebsten lauthals losschreien und den handelnden Personen ihr eigenes Tun und Lassen mit einem Spiegel vorhalten. Der tiefe Fall dieses Traditionsvereins ist in all seinen Facetten und täglichen Entwicklungen so erschreckend vorhersehbar, dass jeder weitere Schritt schon vom reinen Zuschauen wehtut.

Die Verpflichtung des Schweizers Christian Gross als neuer Trainer der Königsblauen hat zwar alle Experten und Fans auf eine gewisse Weise erstaunt - aber irgendwie war sie auch folgerichtig. Natürlich hat Sportvorstand Jochen Schneider jemanden genommen, den er bereits aus seiner Vergangenheit direkt kannte. Und so wenig überraschend wie die Übernahme des Traineramtes durch Gross letztendlich war, so klar erschien auch der erste Neuzugang Sead Kolasinac.

Kommt der Feuerwehrmann?

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und? Wird das alles helfen? Nein! Denn wenn die komplette Fußballgeschichtsschreibung nicht aus ihren Angeln gehoben werden muss, ist auch die weitere Entwicklung jetzt bereits vorhersehbar. In spätestens sechs bis acht Wochen wird auch Jochen Schneider selbst seinen Posten gemeinsam mit dem gerade erst verpflichteten Christian Gross räumen müssen. Und dann? Dann kommt endlich der "Feuerwehrmann". Wahrscheinlich ist es zu diesem Zeitpunkt fast schon aussichtslos, die Liga noch halten zu können - doch Wunder gibt es immer wieder. Und wie uns die Vergangenheit lehrt: In diesem Moment allerhöchster Not erinnern sich die wichtigen Entscheider plötzlich im Sinne eines kollektiven Fußballgedächtnisses an Namen, an die man sich zuvor noch nicht rangetraut hat - weil diese Personen eigentlich "verbrannte Erde" sind.

Man kann für die Fans der Königsblauen nur hoffen, dass sich der FC Schalke 04 dann wieder an einen Trainer zurückerinnert, der auf dem Berger Feld schon einmal gearbeitet und den Klub vor dem Untergang gerettet hat. Als Bochumer weiß ich übrigens genau, wovon ich rede. Bei uns ist all das noch gar nicht so lange her. Und auch da war das, was danach kam, leider ebenso vorhersehbar, wie so vieles im Profifußballgeschäft.

Quelle: ntv.de