Redelings Nachspielzeit

Corona-freie Fußballzone Das rollende BVB-Wunder von Berlin

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Fußball kann einsam machen. Muss er aber nicht.

(Foto: imago sportfotodienst)

Geht es Ihnen auch so? Von morgens bis abends regiert das Coronavirus unser Leben. Egal, mit wem sich unterhält - es geht immer nur um das eine Thema. Hier mal eine Geschichte zum kurzen Abschalten. Eine herrlich bekloppte Fußballstory, wie wir sie wohl länger nicht erleben werden.

Unter dem Siegel der allergrößten Verschwiegenheit hat mir einmal ein Journalistenkollege eine der unglaublichsten Fußballgeschichten erzählt, die ich je gehört habe. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, dass ich niemals jemandem diese wahre Begebenheit erzählen würde. Ein Gelübde, das ich an dieser Stelle gerne einmal breche. Es muss einfach sein - denn das Geschilderte ist fast zu schön, um wahr zu sein, und steht für vieles, was den Fußball so liebenswert und verrückt macht.

April 2008. Nur noch 14 Tage bis zum Pokalfinale in Berlin. Borussia Dortmund gegen den FC Bayern München lautet die diesjährige Endspielpaarung. 74.200 Zuschauer werden im Olympiastadion erwartet. Natürlich waren die Tickets innerhalb weniger Minuten komplett ausverkauft. Der Journalist ist Fan der Schwarz-Gelben. Ein beinharter Borusse. Genauso wie sein Freund Todde. Beide gehen normalerweise zusammen auf den Platz, doch Todde hat ein Problem: Am Tag des Endspiels muss er arbeiten. Er hat alles versucht und natürlich auch an Krankfeiern gedacht. Aber es steht nicht gut um seine Stelle und so hat er notgedrungen klein beigegeben.

"Und viel Zeit bedeutet was ...?"

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Der BVB soll bitte gewinnen, wünscht sich Todde.

(Foto: imago sportfotodienst)

Sieben Tage vor dem Finale dann der Schock: Todde wird fristlos gekündigt. Er ist traurig und wütend. Abends ertrinkt er seinen Kummer im Bier und erzählt dem Freund in seiner Stammkneipe ausführlich von seinem tragischen Schicksalsschlag. Um Todde ein bisschen aufzumuntern, meint der Kollege flapsig, halb im Scherz: "Mensch, Junge, jetzt denk doch mal nach. Kein Job bedeutet viel Zeit. Und viel Zeit bedeutet was …?"

Todde schaltet schnell. Er lächelt den Freund an, trinkt aus und kauft von seinem letzten Geld eine maßlos überteuerte Karte für das Endspiel bei Ebay. Bereits am übernächsten Morgen kommt das Einschreiben bei ihm zu Hause an. Kumpel Klaus ist gerade zu Besuch und schaut Todde gespannt beim Öffnen des Briefumschlags über die Schulter. Als dieser die Karte in den Händen hält, wird er leichenblass. Das Ticket sieht nicht gut aus. Irgendwie anders. Eigenartig anders. Er erinnert sich, dass er in der Zeitung von Hunderten gefälschter Karten gelesen hat und von einem Moment zum nächsten wird Todde wieder traurig. Er denkt an seinen verlorenen Job, das viele Geld und an den Spaß, den er nicht haben wird. Berlin ade.

Klaus, der auch kein Ticket hat, schaut Todde sauer an. Streng weist er seinen Kumpel zurecht: "Jetzt guck doch erst einmal genauer drauf, bevor du hier rumjammerst!" Todde packt seine Lesebrille aus, hält die Karte ganz nah an sein Gesicht und liest vor: "Behindertenkarte". Er schüttelt mit dem Kopf, während Klaus ein kleines Tänzchen vor ihm aufführt: "Und? Was steht da noch? Nun guck doch mal richtig hin!"

"Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!"

Todde liest wieder vor: "Ein Behinderter + Begleitung". Klaus ist nicht mehr zu halten und auch Todde hat endlich begriffen. "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin", schreien sie in die kühle Dortmunder Morgenluft.

Für weitere 15 Euro wird umgehend bei Ebay ein Rolli ersteigert und nur fünf Tage später stehen beziehungsweise sitzen die beiden bereits glücklich vor dem Berliner Olympiastadion. Todde hat sich nicht lumpen lassen und beide umfangreich mit Merchandisingartikeln aus dem BVB-Fanshop ausgestattet. Sogar eine schwarz-gelbe Wolldecke mit Vereinslogo hat er erstanden und sich ordentlich über die Beine geschlagen.

Nun irren sie etwas orientierungslos um das Stadion. Zweimal sind sie auf der Suche nach dem Eingang für Rollifahrer bereits komplett um das Rund gekurvt, als sie ihren Kollegen anrufen. Der kennt sich als altgedienter Journalist natürlich gut aus und verspricht zu helfen. Gerade in dem Moment, als er unten in den Katakomben ankommt, geht das Tor auf und unter lauten "Platz da"-Rufen wird Todde mit ausgestrecktem Arm, wie die englische Königin grüßend, ins Stadion gerollt.

Endlich ist man drin. Freudestrahlend fällt man sich um den Hals, wünscht sich ein gutes Spiel und bemerkt deshalb erst viel später, dass der kontrollierende Ordner etwas irritiert guckt. Die Karte gilt nämlich für den Bayern-Rolli-Block. Die von oben bis unten in Schwarz-Gelb gekleideten Todde und Klaus passen da nicht so wirklich rein. Aber es hilft ja alles nichts und so schiebt man den BVB-Fan Todde mitten hinein in das rot-weiße Meer der Bayern-Rollis.

Empörung im Bayern-Rolliblock

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Der Moment, der das Wunder möglich machte.

(Foto: imago sportfotodienst)

Die Ordner vor Ort finden diesen lustigen Anblick so klasse, dass sie Todde und Klaus großzügig mit Bier versorgen und in der Halbzeit Klaus auch die Fahrt zum Klo wie selbstverständlich abnehmen. Man feiert und lacht und sieht selbst den Rückstand der Borussia an diesem herrlichen Abend unter neuen Freunden ganz entspannt. Alle sind begeistert, dass sie beisammen sind. Die in einer langen Reihe aufgestellten rot-weißen Bayern-Rollis und der eine komplett in Schwarz-Gelb gehüllte BVB-Rolli.

Das wunderschöne Fest dauert fast 90 Minuten. Präzise gesagt, 89 Minuten. Denn genau in dem Augenblick, als Mladen Petric für die Borussia aus Dortmund den Ball zum 1:1-Ausgleich in den Maschen des Berliner Olympiastadions versenkt, springt Todde im Überschwang der Gefühle dieses herrlichen Abends und nach ganz viel leckerem Bier aus seinem Rollstuhl hoch und ruft laut: "Jaaaaaaaaa!" Von einem Bein aufs andere tänzelnd, jubelt er ausgelassen seiner Borussia zu. Erst die erschrockenen und verwunderten Blicke, die rechts und links an ihm hochschauen, lassen sein Lächeln von einem Moment zum nächsten erstarren.

Nur mühsam gelingt es Todde und Klaus, die aufgebrachten Ordner und Bayern-Rollifahrer zu beruhigen. Doch nachdem sie die ganze, unglaubliche Geschichte von vorne bis hinten und in allen Einzelheiten erzählt haben, sind alle wieder besänftigt. Trotz der Niederlage des BVB trinkt man noch einige Becher Pils zusammen und feiert gemeinsam diesen unvergesslichen Tag.

Das unglaubliche Wunder vom Vorabend

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Die einzigen wirklichen Leidtragenden der ganzen Geschichte sind die armen Männer der Berliner Straßenreinigungsbetriebe, die am nächsten Morgen im Olympiastadion einen umgekippten Rollstuhl fanden und nicht wussten, welches unglaubliche Wunder am Abend zuvor geschehen war.

Ein paar Monate später erzählte ich die Story - natürlich nur unter dem Siegel der allergrößten Verschwiegenheit - bei einer Veranstaltung in Dortmund. Ich war gerade in meinem Element, als ich einen Mann in der ersten Reihe bemerkte. Er zappelte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Jeder weitere Satz von mir schien ihn nur noch aufgeregter zu machen. Ich stockte und haderte mit mir selbst. Das konnte doch nicht sein, oder? Doch, natürlich, es konnte. Wir waren schließlich in Dortmund. Ich erzählte die Geschichte unter größten Mühen zu Ende - und dann blickte ich dem Mann in der ersten Reihe tief in Augen. Er erwiderte meinen Blick, zögerte einen Moment und stammelte schließlich: "Das bin doch ich!"

Ich lachte und das Publikum applaudierte begeistert. Todde kam zu mir auf die Bühne und rief: "Und ich dachte schon, ich wäre bei der versteckten Kamera!"

Quelle: ntv.de