Redelings Nachspielzeit

"Bulle" Roth wird 75 Jahre alt Der Mann, der den FC Bayern groß machte

imago0001714240h.jpg

Franz "Bulle" Roth prägte den FC Bayern.

Seine Frau meinte, dass er ein "Verrückter" wäre. Die Gegner hatten vor allem Angst vor seiner Härte und seiner ungeheuren Schusskraft. Und die Fans liebten ihn für seine entscheidenden Tore. Heute feiert der Mann, von dem die wenigsten seinen Vornamen wissen, seinen 75. Geburtstag.

Im Nachhinein gibt es immer viele Momente, die entscheidend für den Lauf des Lebens sind. Doch der 31. Mai 1967 ist so etwas wie die Geburtsstunde des FC Bayern München, wie wir ihn heute kennen. An diesem nassen Abend in Nürnberg wurde aus einer Truppe von ehemaligen Regionalliga-Kickern eine europäische Spitzenmannschaft. Und ganz vorne mit dabei: Franz "Bulle" Roth, der noch ein Jahr zuvor für den Viertligisten SpVgg Kaufbeuren seine Schuhe geschnürt hatte. Als der Mann aus Amendingen bei Memmingen in der 108. Minute den Keeper von Glasgow Rangers im Finale des Europapokals der Pokalsieger mit einem Lupfer überwand, war plötzlich alles möglich für den Klub von der Säbener Straße. Nach dem Finale ließ Bayerns lustig grinsender Trainer Zlatko "Tschik" Cajkovski ungewohnt überschwänglich verlauten: "Jetzt wird alles gemacht. Jetzt gibt's nur noch Mars-Meister!"

ANZEIGE
Bayern-Album: Unvergessliche Sprüche, Fotos, Anekdoten
9,99 €
Zum Angebot

Der Jubel kannte nach dem legendären 1:0 von "Bulle" Roth keine Grenzen. Die Zuschauer hatten alle Absperrungen im Nu überwunden und bevölkerten nun glücklich den Rasen des Städtischen Stadions von Nürnberg. Ein Spielabbruch konnte nur mit viel Mühe und Not verhindert werden. Und noch während die Schlachtenbummler das Feld verließen, dachte der ehemalige Viertliga-Spieler über seine erste große Wundertat im Bayern-Trikot nach: "Smith riss mich fast um, im Fallen erreichte mich der lange Ball, der Torwart kam raus, der Ball ging über ihn und unter die Latte. Da war Glück dabei, es war aber auch der Lohn für gute Arbeit."

Nachwuchsspieler wie Hoeneß angelernt

Einundzwanzig Jahre war "Bulle" Roth da gerade alt geworden und kurz darauf erreichte ihn der Einberufungsbescheid der Bundeswehr. Doch die Männer in Uniform wunderten sich sehr, als sich der frisch gekürte Europapokalsieger bei ihnen vorstellte. Rasch schickte man ihn zum Augenarzt. Und als Roth von dort wieder zurück zum FC Bayern kam, erzählte er immer noch erstaunt: "Ich habe gar nicht gewusst, dass ich schlecht sehe. Vielleicht treffe ich deshalb das Tor so selten." Er erhielt Haftschalen, und schon klappte es (noch einmal) deutlich besser im Verein.

Der FC Bayern München blühte in der Folgezeit immer mehr auf. Und der Klub konnte sich auf seinen "Bulle" Roth verlassen. Schussstark und durchaus durchsetzungsfähig, um seine robuste Spielweise etwas freundlicher zu umschreiben, war er ein Mann, der in wichtigen Situationen dagegen hielt und vornweg ging. Die jungen Nachwuchsspieler wie Uli Hoeneß konnten sich in den Folgejahren an ihm aufrichten und von ihm lernen, wie der langjährige Bayern-Manager einmal erzählte: "Ich habe mir früher im Training immer Schienbeinschützer angezogen, weil ich wusste: Wenn der Franz Roth sauer auf mich ist, fegt er mich auf die Aschenbahn. Das Training war für mich Überlebenskampf, und ich habe mich dabei wunderbar entwickelt."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Und auch Klaus Augenthaler erinnert sich immer noch genau an seinen ersten Zweikampf als junger Spieler beim FC Bayern. Dieser war gegen ebendiesen "Bulle" Roth - und der hatte "Auge" kompromisslos direkt aus den Schuhen gehauen. Lustig anzuhören sind übrigens immer noch die Worte von Roth nach seinem Platzverweis am 28. Spieltag der Saison 1970/71 in der Partie gegen die Offenbacher Kickers - als er hinterher voller Unschuld verkündete: "Ich habe nur den Fuß vorgestreckt, und Bechtold ist darübergefallen."

Legendäre Schusskraft

Doch Roths Schusskraft war noch legendärer als seine körperliche Robustheit. Gerne erzählt man sich noch heute von dem Testspiel der Bayern bei Rapid Wien in der Spielzeit 1974/75 als "Bulle" Roth, im wahrsten Sinne des Wortes, mit einem Bombenschuss aus vollem Lauf das Tornetz durchlöcherte. Angeblich 137 km/h hat man einmal bei ihm im Training gemessen. Viele Jahre später hat RTL in seiner Sendung "Anpfiff" den härtesten "Bums der Liga" ermittelt. Der Bochumer Martin Kree führte die Liste schließlich mit 142,9 km/h an.

Und natürlich hat Franz Roth auch seinen Spitznamen dieser außergewöhnlichen Schusskraft zu verdanken. Sein Trainer Tschik Cajkovski war von dieser so angetan, dass er meinte, Roth "habe Kraft wie eine Muh". Und nachdem Torwart Sepp Maier seinen Coach korrigiert hatte ("Bei uns heißt das Tier Bulle"), war die Sache klar.

Mit Maier hat "Bulle" Roth übrigens auch einige Minuten des Schreckens erlebt. Als im Februar 1974 nach einem Gastspiel der Bayern in Bremen einige Rowdys den Bus der Münchener bestürmten, hielten der Keeper und seine Kollegen tatkräftig dagegen. Nach getaner Arbeit meinte "Bulle" Roth hinterher süffisant: "Ich denke, ab nächster Woche sollten wir alle die Allkampf-Schule besuchen."

ANZEIGE
Best of Bundesliga: Die lustigsten Legenden des deutschen Fußballs
19,90 €
Zum Angebot

Nach dem 28. Spieltag der Saison 1977/78 und einem 1:1 in Dortmund beendete der beliebte Bayern-Spieler seine Karriere. Abschließend wurde klar, dass der "Bulle" auf dem Feld nicht nur hart zu seinen Gegnern, sondern auch stets sich selbst gegenüber gewesen war: "Meistens war es so, dass ich mich die ganze Woche verletzt fühlte, doch wenn's Freitagabend wurde, kurz vor dem Spiel, dann waren die Schmerzen plötzlich weg, wie weggeblasen. Meine Frau sagte dann immer zu mir: 'Franz, du bist ein Verrückter!'"

Das ist er wohl in der Tat. Und heute feiert der Mann, der den FC Bayern München vor vielen, vielen Jahren mit seinem Tor über Nacht zu einem europäischen Spitzenklub schoss, seinen 75. Geburtstag. Alles Gute und Glück auf, Franz "Bulle" Roth!

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.