Redelings Nachspielzeit

Was wird nun aus Jörg Dahlmann? Der ewig angefeindete TV-Polarisierer

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Jörg Dahlmann und Sky gehen bald getrennte Wege.

(Foto: imago sportfotodienst)

Kaum ein TV-Kommentator hat in der jüngsten Zeit mehr Kritik einstecken müssen. Nun ist die Karriere von Jörg Dahlmann bei Sky in wenigen Tagen vorbei. Doch so sehr er zuletzt auch polarisierte - man sollte nie vergessen, dass der gebürtige Gelsenkirchener ein großes Talent besitzt.

Vielleicht war es am Ende einfach nicht das richtige Format, der richtige Job für Jörg Dahlmann. TV-Kommentator. 90 Minuten am Stück, ohne fertiges Drehbuch und dennoch immer mit dem festen Wunsch und Willen etwas Besonderes zu schaffen - das war möglicherweise schlicht und ergreifend nicht seine Sache. Nun soll also in wenigen Tagen für den Mann aus Gelsenkirchen, der Mitte der achtziger Jahre seine Karriere beim ZDF in Mainz startete, Schluss sein bei Sky

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Seit Jörg Dahlmann zur Bundesliga-Saison 2017/18 zum TV-Sender mit Sitz in Unterföhring bei München wechselte, stand er häufig im Fokus der Kritik von Fußballfans, die ihren Unmut in regelmäßigen Shitstorms in den sozialen Medien formulierten. Dahlmann wusste um seine Außenwirkung - und hat sich trotz aller bösen Worte seiner Kritiker und "Hater" nie wirklich in seiner Art verbogen: "Ich weiß, dass ich polarisiere. Aber ab und zu muss man etwas wagen im Leben. Ich versuche, so zu reden, wie man im Alltag redet. Eine Art Straßendeutsch."

Und tatsächlich: Dahlmann liebt es, den Leuten auf den Mund zu schauen. Seine große Stärke waren dabei stets die kleinen Reportagen, bei denen er Menschen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt seiner Berichte stellte. Reine Ergebnis-Kommentierungen reichten ihm nie. Gerne zog er seine Spielberichte über eine Story abseits des grünen Rasens auf. Bis heute legendär: Der Schalker Fan Lennart, dem Dahlmann während einer Partie seines Klubs gegen den HSV nicht nur ein Mikrofon verpasste, sondern ihn auch über neunzig Minuten von einer Kamera begleiten ließ.

"Wir haben noch ein paar Plätze frei bei Sat1"

Und Lennart entpuppte sich als echter Glücksfall. Emotionaler und näher am Geschehen kann kein Bericht sein. Der extrovertierte S04-Anhänger belohnte Dahlmanns ausgefallene Idee mit Sprüchen, die zu Tausenden jede Woche in der Kurven der Republik fallen - aber leider viel zu selten für die Nachwelt festgehalten werden: "Ja, glaube ich es denn? Ist niemand in der Lage mal höher zu springen, wie ein Schwein scheißt. Nen Westermann kriegt den mit dem Kopf, nen Westermann!"

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Neben seiner unvergessenen Kommentierung des immer noch sagenhaft-schönen Treffers des nigerianischen Ausnahmekünstler Jay-Jay Okocha am 31. August 1993 im Frankfurter Waldstadion gegen den KSC-Keeper Oliver Kahn hat Dahlmann Fußball-Deutschland noch einen anderen legendären Moment geschenkt. Seine Reportage vom 26. September 1998 aus dem Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern, als sich FCK-Trainer Otto Rehhagel in der Partie seiner roten Teufel gegen den VfL Bochum einen spektakulären Wechselfehler leistete, wurde zu Recht preisgekrönt.

In knapp acht Minuten erzählte Jörg Dahlmann damals auf eine fast schon literarische Art die historische Geschichte dieses tragischen Nachmittags nach. Und neben den Akteuren auf und neben dem Feld spielte dabei ein Mann die Hauptrolle, der während der laufenden Partie schlafend auf der Tribüne saß. Dahlmann: "Dieser Mann sollte Kommentator werden. Wir haben noch ein paar Plätze frei bei Sat1. Außer dem Eigentor lief das Spiel am Betze so ab, wie er es empfand."

Rehhagels Wechselfehler

Doch dann nahm das Drama seinen Lauf. Der Däne Michael Schjönberg verletzte sich bei einem Zusammenprall mit dem Bochumer Keeper Thomas Ernst schwer. Dahlmann imitierte die Worte des sichtlich geschockten Dänen: "Es ist was gebrochen, es ist was gebrochen!"

Anschließend fing die Kamera Otto Rehhagel ein, wie er an der Linie nervös auf und ab trabte. Auch ihn ließ Dahlmann direkt sprechen: "Ihr müsst mit mir reden, ihr müsst mir sagen, was der Michael Schjönberg hat, was mit ihm los ist." Die Kamera blieb auf Rehhagel, der mittlerweile den Nigerianer Pascal Ojigwe zu sich gerufen hatte. Dahlmann kommentierte lebhaft: "Niemand im Stadion erkennt die Gefahr, eine verhängnisvolle Ruhe, eine trügerische Gelassenheit. Er darf Ojigwe nicht einwechseln, sonst sind die Punkte futsch für den deutschen Meister."

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Dann ein tiefer Seufzer. Ein Gegenschnitt, auf den eben noch schlafenden und nun wachen Fan vom Beginn der Reportage. Dahlmann: "Blicken wir mal ganz kurz auf unseren Freund. Aufgewacht vom Krach, vom Applaus für Schjönberg - und sofort die Situation realisiert." Der Fan schaute, immer noch etwas müde und benommen, in das Stadionheft. Dahlmann kommentierte: "Wen bringt er denn jetzt? Pascal Ojigwe, den Nigerianer? Und dann ist es so weit, Pascal Ojigwe ist also im Spiel und damit war es amtlich - vier Nicht-Europäer auf dem Feld." Der Wechselfehler von Rehhagel war vollzogen - doch nun nahm die Geschichte und die Reportage erst richtig Fahrt auf.

Übers Ziel hinaus geschossen

Rehhagel ließ sich, als er seinen Fauxpas erkannt hatte, augenblicklich etwas einfallen. Zusammen mit seinem Ägypter Hany Ramzy inszenierte er dessen Verletzung. Dahlmann war außer sich: "Und da humpelt er. Komödienstadl am Betzenberg. Da versuchen die Herren Rehhagel und Ramzy das komplette Fußballvolk irrezuführen, zu veräppeln. Fehler kann jeder mal machen, aber dann die Leute noch täuschen zu wollen, ist nicht die feine Art." Zu Recht ist diese Reportage bis heute unvergessen.

Möglicherweise hat Jörg Dahlmann in der letzten Zeit das eine oder andere Mal mit seinen Kommentierungen über das Ziel hinaus geschossen. Doch was man dem gebürtigen Gelsenkirchener nie hat vorwerfen können: Dass er zu seinen Fehlern nicht gestanden hat. Und in der Regel hat Jörg Dahlmann für jede nicht so elegante Formulierung auch stets umgehend um Entschuldigung gebeten.

Vielleicht sehen und hören wir den zuletzt so häufig polarisierenden TV-Reporter noch einmal wieder. Dann unter Umständen in einer anderen Rolle und in einem anderen Format. Denn bei aller Kritik sollte man nie vergessen, dass Jörg Dahlmann mit einem großen Talent für die menschlichen und menschelnden Geschichten des Fußballs ausgestattet ist. Es wäre schade, wenn dieses Talent schon bald endgültig in Rente gehen würde.

Quelle: ntv.de