Redelings Nachspielzeit

Ibrahimovic weiß es schon länger Die Krise erteilt dem Fußball eine Lektion

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Die Fans, sie fehlen. Nicht nur Zlatan Ibrahimovic.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Seit fünf Monaten finden die Spiele der Fußball-Bundesliga weitgehend ohne Fans in den Stadien statt. An der Situation an sich ist momentan nichts zu ändern. Doch für die Zukunft ist eins jetzt schon klar geworden!

Als Zlatan Ibrahimovic einmal zu seinen MLS-Zeiten in den USA in einem Stadion mit nur 22.000 Plätzen spielen sollte, meinte der Schwede nach einem Blick vom Rasen auf die Ränge konsterniert: "Ich will nicht respektlos sein, aber das hier ist wie Training für mich. Das Stadion ist zu klein. Ich bin es gewohnt, vor 80.000 zu spielen. Das hier ist wie ein Spaziergang im Park." Im Moment wäre wohl auch Zlatan froh, wenn er endlich einmal wieder vor so vielen Menschen seine Fußballkunst zelebrieren dürfte.

Nach nunmehr fünf Monaten Profifußball weitgehend ohne Fans kann man eine Sache nicht mehr wegdiskutieren: Das Spiel ohne Zuschauer ist tatsächlich ein völlig anderes - unten auf dem grünen Rasen und zu Hause an den Bildschirmen. Und auch wenn es einige Zeit gedauert hat, bis es sich die Fans in dieser besonderen Situation eingestanden haben: Dem Fußball ohne gelebte Emotionen und die lautstarke Leidenschaft auf den Rängen und ohne die Kumpels um einen herum fehlen die wichtigsten Zutaten, um - bleiben wir im Bild - mit Spaß und Freude dauerhaft am Ball zu bleiben. Doch nicht nur für die Fans hat sich vieles fundamental verändert - auch für die Vereine. Ein prominentes Beispiel ist der FC Schalke 04.

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Als die Königsblauen in der letzten Rückrunde nach der Pause kein einziges Spiel gewinnen konnten, haben viele Beobachter und Experten gemeint: Mit Zuschauern im Stadion wäre David Wagner damals niemals so lange Trainer geblieben. Eine These, die alle sofort unterschrieben haben.

Schalke wäre viel besser

Doch man kann die Sache - nach den Erfahrungen der letzten fünf Monate - auch aus einer anderen Perspektive betrachten: Mit den begeisterungsfähigen S04-Anhängern im Rücken wäre es vermutlich niemals zu dieser mittlerweile historischen Negativserie von 21 Partien ohne Sieg gekommen. Beim näheren Betrachten der durchaus wankelmütigen Historie dieses Traditionsvereins und mit dem Wissen um diese einzigartigen Anhänger im Rücken kann man wohl auch diese These mit Recht unterschreiben.

Natürlich können Fans auch eine Belastung für die eigene Mannschaft sein, doch in der Regel ist es eher umgekehrt: Die Anhänger peitschen ihr Team durch ihre pure Anwesenheit und ihre leidenschaftliche Energie nach vorne. Der ehemalige BVB-Libero Thomas Kroth hat einmal so treffend über die Begeisterungsfähigkeit der Dortmunder Fans im Westfalenstadion gesagt: "Hier kommst du zum Warmlaufen auf den Platz und glaubst, du führst schon 2:0." Und der damalige Bayern-Profi Manfred Bender wusste anerkennend über noch eine andere Qualität der heimischen Anhänger des damaligen Gegners zu berichten: "Kaiserslautern ist eine Spitzenmannschaft. Warum? Weil die Fans auf dem Betzenberg jeden Schiedsrichter zum Wackeln bringen."

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All dies, was die Zuschauer einmal durch ihre bloße Anwesenheit zu einer Partie beigesteuert haben, fällt nun bereits seit Wochen und Monaten weg. Und damit bröckelt langsam aber sicher auch ein Teil der emotionalen Nähe der Fans zu ihrem geliebten Spiel. Wie wichtig die Frauen und Männer, Mädels und Jungs auf den Rängen für den Profisport sind, zeigten in der Vergangenheit nicht zuletzt die gerade bei großen Turnieren gerne präsentierten Einblendungen von Gesichtern der Zuschauer. Mitfiebern, mitleiden, miteinander Freude empfinden.

Der Profifußball sollte Demut und Dankbarkeit zeigen

Denn auch wenn die Puristen des Spiels gerne das Geschehen auf dem grünen Rasen in den absoluten Vordergrund rücken wollen - für viele Anhänger gehören zum Erlebnis Fußball auch die weichen Faktoren drum herum dazu. Die runde Käseglocke, die aktuell über das Ereignis Profisport gestülpt wird, schluckt nicht nur die gewohnte Atmosphäre, sondern auch viele der liebgewonnenen und so wichtigen Emotionen. Und das ganz offensichtlich nicht nur bei den Fans allein.

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Viele Experten hatten zu Beginn der Geisterspiele die Vermutung, dass sich unter diesen neuen Rahmenbedingungen am Ende wohl noch häufiger als sonst das bessere Team durchsetzen würde können. Das scheint tatsächlich so zu sein.

Eigentlich nicht schlimm, könnte man denken. Doch damit geht leider eine andere wichtige Komponente des Spiels verloren, die maßgeblich - und daran sollte es keinen Zweifel geben - durch die Fans im Stadion mit beeinflusst wurde: der Überraschungsfaktor, der Sieg des Underdogs gegen den haushohen Favoriten.

Nun ist an der aktuellen Situation nichts zu ändern. Deshalb kann man mit Spannung darauf schauen, wie es sein wird, wenn die Zuschauer in gewohnter Weise in die Stadien zurückkehren. Der Profifußball, das ist nach diesen fünf Monaten allerdings schon sicher, sollte zu diesem Zeitpunkt mit viel Demut, Dankbarkeit und weit ausgestreckten Armen die Fans begrüßen. Man kann und darf nur hoffen, dass dies alle Entscheider nachhaltig verstanden haben. Wenn nicht, dann einfach mal bei Zlatan nachfragen.

Quelle: ntv.de