Redelings Nachspielzeit

Eine Schussfahrt ins Nirwana Die bizarre Tradition des Schalker Absturzes

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Schalke-Fans kennen sich mit Talfahrten ihres Vereins gut aus.

Die Krise beim FC Schalke 04 wird von Spieltag zu Spieltag immer schlimmer. Neben der sportlichen Talfahrt sorgten auch die Personalentscheidungen und der Härtefallantrag für Schlagzeilen. Momentan scheint es auf Schalke so schlimm wie nie zuvor zu sein. Doch das täuscht.

In diesen Tagen fragt man sich: Was ist beim FC Schalke 04 in der Corona-Pause bloß passiert, dass man wenige Wochen nach dem Neustart vor einem totalen Scherbenhaufen steht? Mediendirektor Thomas Spiegel und Finanzvorstand Peter Peters weg, Härtefallantrag-Desaster und eine sportliche Vollkatastrophe historischen Ausmaßes sind die Eckpfeiler einer fast unglaublichen Schussfahrt ins fußballerische Nirwana.

Auch wenn von allen Seiten nun hektisch versucht wird, Ruhe zu bewahren und auszustrahlen, scheint insbesondere die finanzielle Situation des Ruhrgebietsvereins dramatisch zu sein. Doch auch wenn die komplette königsblaue Lage undurchsichtig und wenig hoffnungsvoll wirkt - eines ist sie sicherlich nicht: einmalig. Dafür haben die Schalker in den letzten Jahrzehnten in der Bundesliga schon zu viel durchmachen müssen. Und was bei der Rückschau auffällt: Stets zum Start eines neuen Jahrzehnts scheinen die Turbulenzen und Umbrüche beim S04 besonders heftig auszufallen.

"Schalke ist tot, da will ich nicht mehr leben"

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Foto aus besseren Zeiten: Charly Neumann und Huub Stevens mit dem Uefa Pokal 1997.

Acht Jahre nach dem Start der Liga sorgte 1971 der Bundesliga-Skandal dafür, dass eine der stärksten Schalker Mannschaften aller Zeiten niemals ihre volle Blüte entfachen konnte. Horst-Gregorio Canellas, der Mann, der den ganzen Skandal ins Rollen brachte, saß einige Jahre später zusammen mit seiner Tochter in dem berühmten Flugzeug "Landshut", das Terroristen entführten und das schließlich in Mogadischu befreit wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Canellas eine schwere Tbc-Erkrankung hinter sich und war vom Leben gezeichnet. Und doch sagte er rückblickend: "Der Skandal war schlimmer, viel schlimmer. Mogadischu hatte noch menschliche Züge." Der FC Schalke 04 und seine Fans würden das sicherlich bestätigen. Der Skandal brachte den Verein und eine ganze Generation an Spielern um eine glänzende Zukunft.

In der Saison 1980/81 war der spektakuläre und umstrittene Transfer des Nationalspielers Rolf Rüssmann zum BVB in der Winterpause die einzige Rettung für den S04, um überhaupt die finanziell harten Wintermonate zu überstehen. Das wusste auch Rüssmann: "Ich habe mich auch bei Spielen unterm Dorfkirchturm für Schalke eingesetzt. Jetzt leiste ich dem Verein einen letzten Dienst und wehre mich nicht gegen einen Transfer, dessen Erlös Schalke vielleicht retten kann." Doch die Rettung war nur von kurzer Dauer. Am Ende der Spielzeit mussten die Königsblauen runter in die zweite Liga. Ein Drama - vor allem für die Fans. Ein 18-jähriger Anhänger stürzte sich unmittelbar am Parkstadion von einer Brücke auf die Straßenbahnschienen. Er starb am nächsten Tag. In seiner Jackentasche fand die Polizei einen Zettel: "Schalke ist tot, da will ich auch nicht mehr leben."

Neururers kurioser Rauswurf

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Andreas Möller war bei den Schalke-Fans zu Beginn nicht unbedingt beliebt.

Und dann kam Peter. Nachdem Peter Neururer den S04 vor dem Sturz in die dritte Liga bewahrt hatte, sollte es in der Saison 1990/91 endlich wieder ins Fußball-Oberhaus gehen. Doch dieses Abenteuer endete bereits am 13. November 1990 mit einer der kuriosesten Trainer-Entlassungen der Fußballgeschichte. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, wie es tatsächlich zum Rauswurf kam. Nur eins ist gewiss: Neururer wollte einen neuen Vertrag, der für die erste wie zweite Liga gültig sein sollte und spannte für dieses Vorhaben die Boulevardpresse ein.

Schalkes Präsident Günter "Sonnenkönig" Eichberg schilderte die Situation einmal so: "'Peter, ich kann dir keinen Vertrag für die 2. Liga geben. Jetzt hör auf damit, in der Öffentlichkeit gegen mich zu schießen, sonst schmeiß ich dich raus.' Das hat er mir aber nicht geglaubt. Und als ich eines Morgens wieder entsprechende Äußerungen von ihm in der Presse las, platzte mir der Kragen. Ich bestellte Neururer in mein Büro und drückte ihm die Beurlaubung in die Hand. Nur sagte ich ihm dazu: 'Damit du endlich kapierst, dass ich es wirklich ernst meine! Du kannst mir aber die Kündigung heute Nachmittag wieder zurückbringen, wenn du einsiehst, dass ich mit dir nur einen Vertrag für die Bundesliga machen kann.' Ich dachte, so wie er gestrickt ist, kommt er bestimmt zurück und sagt: 'O. K., Präses!' Mir wäre es recht gewesen, denn ich wollte ihn ja behalten. Aber das tat er nicht." Und weg war Neururer. Der Aufstieg zum Ende der Spielzeit klappte übrigens dennoch.

"Nun holt der diese Heulsuse"

Ein weiteres Jahrzehnt später begann die Saison mit einem Paukenschlag: Andreas Möller wechselte von Borussia Dortmund zum FC Schalke 04. Ein Transfer, der weit über das gewöhnliche Maß hinaus für Furore sorgte. BVB-Manager Michael Meier meint mit einem verschmitzten Lächeln: "Möller hat mit seinem Berater bei uns um mehr Geld gepokert, gleichzeitig gesagt, er stünde bei einem anderen Klub im Wort. Dann hat er offenbart, dass er nach Schalke gehen will. Wir haben ihm nicht gesagt, dass er bekloppt ist. Aber gedacht haben wir es schon." Meiers Worte waren damals der allgemeine Bundesliga-Tenor. Und natürlich war sich auch S04-Manager Rudi Assauer sehr genau bewusst, was er da tat: "Ich gehe keinen einfach Weg, ich weiß, dass viele Fans sagen: 'Nun holt der diese Heulsuse.' Aber ich mache keine Fanbefragung, bevor ich jemanden verpflichte. Sonst könnte ich den Laden schließen." Und tatsächlich: Der Trubel lohnte sich. Fast hätte der S04 am Ende der Saison die Meisterschaft mit Möller geholt.

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Und dann fand vor zehn Jahren die letzte ganz große Revolution auf Schalke statt. Felix Magath hielt mit seiner Entourage Einzug. Doch nur wenige Monate später liefen die Geschäfte für den S04-Coach auf Schalke schnell wieder aus dem Ruder. Das Ansehen und das Vertrauen in den zuvor so mächtigen Herrscher litten unter den sportlichen Misserfolgen seiner Mannschaft. Kurzzeitig gerieten die Königsblauen damals sogar in echte Abstiegsgefahr. Und so trennte man sich Mitte März bereits wieder. Eine Schlammschlacht zwischen den im Streit auseinandergehenden Parteien konnte nur verhindert werden, weil Magath nur zwei Tage nach seinem Rauswurf auf Schalke wieder bei seinem alten Arbeitgeber, dem VfL Wolfsburg, anfing.

Wie man sieht: Der FC Schalke 04 hat viele turbulente Momente in den letzten Jahrzehnten hinter sich bringen müssen. Was das alles jedoch für die heutige Situation für eine Bedeutung hat? Man muss abwarten. Auf jeden Fall sollten die Anhänger der Königsblauen in diesen wenig erquicklichen Tagen nicht die Hoffnung und den Glauben an bessere Zeiten verlieren. Auch, wenn das natürlich im Augenblick äußerst schwerfällt. Aber die unsterblichen Worte des beliebten Schalker Unikums, Charly Neumann, gelten eben gerade in solchen Momenten: "In schlechten Zeiten müsst ihr Schalker sein. In guten haben wir genug davon."

Quelle: ntv.de