Redelings Nachspielzeit

Ben Redelings erinnert sich Die legendäre Westfalia ließ mir keine Chance

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Unser Kolumnist kennt die Meistermannschaft von Westfalia Herne 1959 natürlich komplett - nicht nur Torwart Hans Tilkowski. Sie auch?

(Foto: imago/Horstmüller)

Vor 60 Jahren feiert Westfalia Herne die Meisterschaft in der Oberliga West. Unser Kolumnist verbindet mit diesem Datum eine ganz persönliche Geschichte, die er später erlebt. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein gewisser Horst Wandolek. Die Anekdote prägt ihn bis heute.

Wenn man mich heute fragt, wie alles so gekommen ist, dann sage ich immer: Es gibt keine Zufälle. Vor ziemlich genau 60 Jahren ist die Westfalia aus Herne Meister der Oberliga West geworden. Am 30. Spieltag, dem 26. April 1959, schlug Herne meinen VfL Bochum mit 2:1 und zog in die Endrunde zur Deutschen Meisterschaft ein. Jemand, der damals ganz dicht dabei gewesen ist, war mein Vater.

Sein Idol hieß Hans Tilkowski. So oft es ging, stand mein Vater beim Training der Westfalia hinter seinem Tor und schaute gebannt zu, wie der schöne Hans durch die Lüfte flog. Ich glaube, er mochte ihn auch deshalb so gerne, weil Tilkowski meinem Opa in jungen Jahren und meinem Vater sehr ähnlich sah. Warum mich das alles so sehr geprägt hat und ich deshalb auch nicht an Zufälle glaube? Es gibt da eine Sache, die ich nie vergessen habe. Als ich klein war, hatten wir bei uns zu Hause ein Ritual. Am Sonntagmorgen saß die Familie gemeinsam am Frühstückstisch und noch bevor ein Bissen gegessen werden durfte, wurde gequizzt.

"Timo Konietzka" sorgt für den ersten Punkt

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Timo Konietzka erzielte das erste Tor der Bundesligageschichte - fernab der Kameras. Wussten Sie natürlich, oder?

(Foto: imago/Horstmüller)

Um kurz nach 10 Uhr intonierte mein Vater mit großer Geste und gespieltem Pathos das Prélude von Marc-Antoine Charpentier. Das kannten wir aus dem Fernsehen, weil es als "Eurovisions"-Hymne immer direkt vor "Wetten, dass…?" lief. Mein Vater richtete den Blick auf meinen Bruder und mich: "Wir beginnen mit einer leichten Einstiegsfrage zum Warmwerden. Alle Mann bereit?" Mein Bruder und ich schauten in einer seltsamen Kombination aus Nervosität und Ehrgeiz auf unseren Vater, hielten die Plastiktröten in feuchten Händen direkt vor unsere Münder und nickten. "Dann aufgepasst! Wer schoss am ersten Spieltag der ersten Saison der Fußball-Bundesliga das allererste Tor?"

Mein Bruder blies wie ein Verrückter in seine Tröte. Natürlich wusste auch ich die richtige Antwort, doch hatte ich leider mit dem linken Finger geschnipst, anstatt die Kraft der Backen zu benutzen. "Timo Konietzka", sagte mein Bruder stolz und klappte auf der selbstgebauten Holzanzeigetafel die "1" für sein Team nach vorne. Vielleicht war er in diesem Augenblick für eine Sekunde etwas zu sehr abgelenkt, denn als mein Vater spontan eine Zusatzfrage anschloss, reagierte ich als Erster und Einziger. Das Besondere an diesem Treffer war natürlich, dass keine Fernsehkamera das Dortmunder Tor im Bild festgehalten hatte. Punkt für mich. Ausgleich. Und die "1" für mein Team wurde von meinem wütenden Bruder auf der Anzeigetafel heruntergeklappt.

"Westfalia Herne" sorgt für die Entscheidung

Die erste Quizrunde beim sonntäglichen Frühstück war immer ein "Best-of-Five", weil unsere Mutter mit knurrendem Magen das ganze Spektakel zwar wohlwollend begleitete, aber niemand von uns - vor allem nicht mein Vater - riskieren wollte, dass ein abgekühlter morgendlicher Kaffee ihre Stimmung für den Rest des Tages gefährlich in den Keller drückte. Und so stand es nach zwei weiteren, mehr oder weniger leichten Fragen und erbitterten Trötenduellen schiedlich-friedlich 2 zu 2. Eine dramatische Ausgangslage vor der letzten Runde, wie sie mein Vater immer so sehr liebte. "Um es kurz zu machen", fuhr er fort, "nennt mir bitte abwechselnd alle elf Spieler der Mannschaft von Westfalia Herne, die 1959 Meister der Oberliga West wurde. Ben, du darfst beginnen. Und solltest du abschließend den elften Namen nennen, dann geht der Punkt an dich."

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Meinem Bruder liefen die Tränen auf beiden Seiten die Wangen hinunter. Wie konnte mein Vater, unser Quizmaster, nur so gemein sein? Eine solch banale Frage mit einem solch fatalen Entscheidungsmodus an das Ende des "Best-of-Five" zu setzen, war einfach nicht fair. Durch zusammengedrückte Lippen presste er mit einem erneuten Tränenschwall aus seinen Augen jeden zweiten Namen heraus. Tilkowski – ich, Overdieck – er, Kellermann – ich, Losch – er. Und so ging das munter weiter mit Pyka, Benthaus, Kraskewitz, Clement, Burkhardt und Sopart.

Wir waren fast durch. Es fehlte nur noch ein Spieler der großen Herner Mannschaft von 1959, die mein Vater damals live bewundert und seitdem bei allen möglichen und unmöglichen Anlässen für uns und seine Zuhörer heruntergebetet hatte. Seine Helden waren zu unseren Helden geworden. Die Geschichten der Oberliga West lebten durch die Geschichten unseres Vaters in uns weiter.

"Wandolek" bringt den Sieg

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Hans Tilkowski war nicht nur für den Vater unseres Kolumnisten ein Idol. Der gebürtige Dortmunder debütierte 1959 in der deutschen Nationalmannschaft.

(Foto: imago stock&people)

Ich öffnete den Mund, spitzte die Lippen, guckte in die tränenüberströmten Augen meines Bruders, und dann war da auf einmal eine tiefe, dunkle Leere in meinem Kopf. Der letzte, alles entscheidende Name war weg. Einfach weg! Ich gab auf und mein Bruder durfte antworten. Er kostete den Moment genüsslich aus. "Wandolek", sagte er, und grinste. Gemeinsam wiederholten wir noch einmal die legendäre Elf des Westdeutschen Meisters von 1959: Tilkowski, Overdieck, Kellermann, Losch, Pyka, Benthaus, Wandolek, Kraskewitz, Clement, Burkhardt, Sopart.

Seit drei Jahren leite ich nun schon ein Quiz im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund. Ich glaube nicht an Zufälle im Leben. Eigentlich wollte ich diese Abende überhaupt nicht machen, habe mich dann aber überreden lassen. Im Nachhinein denke ich: Ich hatte ohnehin keine Chance. Der Grundstein für diese Veranstaltung wurde vor ziemlich genau 60 Jahren im Stadion am Schloss Strünkede in Herne gelegt. Als mein Vater seiner Westfalia zujubelte.

Quelle: n-tv.de

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