Redelings Nachspielzeit

Grüße vom Tabellenführer Ein Text, der nicht geschrieben werden dürfte

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Sänger Herbert Grönemeyer ist wohl Bochums berühmtester Fan.

(Foto: imago/Sven Simon)

Wissen Sie, wer der aktuelle Tabellenführer der zweiten Fußball-Bundesliga ist? Eben. 99 Prozent aller Vereine in Deutschland schaffen es nur äußerst selten in die Schlagzeilen. Das ist nicht immer schön - aber erklärbar. Umso wunderbarer sind dann die Momente, in denen es doch einmal gelingt.

Mein Verein kommt nie im sonntäglichen "Doppelpass" vor. Und auch auf die erste Seite der bunten Blätter schafft er es nur ganz selten. Mein Klub ist einer von den vielen Hunderten da draußen, die in der Regel von der breiten Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden. 99 Prozent aller Vereine in Deutschland spielen in den Schlagzeilen der Zeitungen und Magazine fast keine Rolle. Eigentlich dürfte ich diesen Artikel also gar nicht schreiben, weil ihn sowieso niemand lesen wird. Ein stiller Mord an den Klickzahlen.

Aber ich tue es trotzdem. Für die vielen Fans da draußen, die mit ihren Klubs Woche für Woche zittern, bangen, hoffen, weinen - und hier und da auch einmal jubeln. So wie wir gerade. Die Anhänger des VfL Bochum. Und ich kann euch sagen: Das tut gut! Auch, wenn das vermutlich die allermeisten Fußballfans in Deutschland nicht interessieren wird.

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Seit gestern Abend sind wir wieder Tabellenführer der zweiten Bundesliga. Streng genommen sind wir also einer der neunzehn besten Fußballklubs in Deutschland. Doch seien wir mal realistisch: Würde man bei einer Telefonumfrage wahllos Personen im Land danach fragen, wer aktuell von Platz 1 der Zweitliga-Tabelle grüßt, dann würde das sicherlich die Mehrheit der Bundesbürger nicht wissen. Wie auch, woher auch? Sondersendungen oder Brennpunkte und noch nicht einmal "Breaking news" werden dafür geschaltet. Es ist zum Heulen! Aber lassen wir den Spaß lieber beiseite, ehe noch jemand meint, das Wehklagen wäre ernst gemeint.

"Fantastic jerseys. Really ugly!"

Wenn du nicht Fan vom FC Bayern, Borussia Dortmund, dem FC Schalke 04 oder einem Verein bist, der hier und da die Großen ärgert und entweder Tradition oder Geld vorzuweisen hat, dann musst du dich eben in den Schatten der öffentlichen Wahrnehmung stellen und darauf hoffen, dass hier und da einmal für einen kurzen Moment ein Sonnenstrahl dein tapferes Gemüt kitzelt. Ehrlich gesagt: Genau jetzt wäre ein guter Augenblick dafür. Schließlich sind die Glücksmomente bei Vereinen wie meinem prozentual zu den eher dürftigen Phasen, die man gemeinsam durchlebt, ziemlich überschaubar. Da fühlt es sich umso großartiger an, wenn man endlich einmal wieder durchschnaufen, sich die Augen vor Verwunderung und Begeisterung reiben und einfach glücklich sein darf. Die Zeiten waren lange dunkel genug. Jetzt wollen wir die Sonne genießen und unser Glück am liebsten mit der ganzen Welt teilen. Doch das wird schwierig - denn schließlich wissen ja so wenige von uns und unseren wohligen Gefühlen.

Auch wenn die über dreißig Jahre in der ersten Bundesliga ihre Spuren hinterlassen haben - meine beiden Söhne kannst du damit nicht hinterm Ofen hervorlocken. Bis vor kurzem und vor Platz 1 in der Tabelle - so ehrlich sollte man sein - hätten sie eher den Namen von Erling Haalands Friseur als vier Kicker vom VfL nennen können. Doch Erfolg ist offensichtlich immer noch der beste Magnet. Und er schafft Interesse, wo vorher nur blinde Ahnungslosigkeit herrschte.

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Das beste Beispiel: Als wir 1997 das erste Mal überhaupt in den Europapokal einzogen, verpasste uns unser damaliger Sponsor die mittlerweile legendären Papageien-Trikots. Mit diesen quietschbunten Jerseys hat sich der Verein in das kollektive Gedächtnis der Fans eingebrannt. Und das nicht nur in Deutschland. Denn als ich 2004 auf einer Irland-Rundreise einen Engländer aus Reading kennenlernte, wusste er zuerst mit unserem Klub tief aus dem Westen der Republik nichts anzufangen. Bis es ihm langsam dämmerte und er zu grinsen begann: "Are you kidding me? That's your club? Fantastic jerseys. Really ugly!"

Den sonntäglichen "Doppelpass", so bitter das auch ist für uns Fans, die zu den 99 Prozent aller Klubs gehören, die nur äußerst selten die Schlagzeilen der Republik füllen, muss man sich eben verdienen. Über viele Jahre, mit Erfolgen und Geschichten. Da mag ein erster Platz in der zweiten Fußball-Bundesliga noch so eine schöne Momentaufnahme sein - für die allermeisten Menschen ist das leider nicht von gesondertem Interesse. Aber ganz ehrlich: Das ist uns im Augenblick natürlich schnurzegal. Wir sind einfach happy - und freuen uns, wenn sich ein paar Verrückte da draußen gemeinsam mit uns freuen. Denn getreu Herbert Grönemeyers unsterblicher Liedzeile ist das Zusammenspiel auf dem Platz eh wichtiger als sonntags im TV: "Machst mit 'nem Doppelpass jeden Gegner nass ..." Glück auf!

Quelle: ntv.de

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