Redelings Nachspielzeit

Bratwurst, Bier und Zigaretten Klopps irrer Start in die Weltkarriere

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Jürgen Klopp, Welttrainer.

An einem Rosenmontag vor genau 20 Jahren entwickelte sich aus einem "Faschingsscherz" heraus eine der erfolgreichsten Trainer-Karrieren der jüngeren Geschichte. Über Nacht wurde aus dem Mainzer Spieler Jürgen Klopp der Trainer Klopp - ohne Lizenz und doppelten Boden.

"So schnell wird man vom alten Spieler zum jungen Trainer", sagte Jürgen Klopp Mitte März 2001 lächelnd zu den Journalisten und guckte zufrieden in die Runde. Erst zwei Wochen zuvor war er im Alter von 33 Jahren an einem Rosenmontag über Nacht vom Spieler mit der Trikotnummer 4 ("Kein Mensch, kein Tier - die Nummer vier", Jürgen Klopp) zum neuen Cheftrainer des 1. FSV Mainz 05 befördert worden. Der damalige Manager des abstiegsgefährdeten Zweitligisten, Christian Heidel, meinte viele Jahre später einmal: "Die haben das alle am Anfang eher für einen Faschingsscherz gehalten. Doch für uns stand schon nach dem ersten Training fest: Das kann klappen!"

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Mainz steckte damals in der Klemme. Den Verantwortlichen war an diesem Karnevalswochenende endgültig klar geworden, dass es mit dem bisherigen Trainer Eckhard Krautzun so nicht mehr weitergehen konnte. Die Mannschaft spielte nicht nur schlechten Fußball, sie agierte vor allem ohne jegliches Konzept. In diesen deprimierenden Zeiten trauerte ganz Mainz dem ehemaligen Coach Wolfgang Frank umso mehr nach. Frank hatte sich durch die Einführung der Viererkette und eines konsequenten 4-4-2-Systems mit Forechecking bei der 05-Gemeinde unsterblich gemacht. Und genau zu diesem alten System wollten Manager Heidel und Präsident Harald Strutz wieder zurück - doch sie fanden einfach keinen geeigneten Trainer, der das umsetzen konnte. Was sollten sie also tun?

"Über dem Hals war ich stärker als drunter"

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Irgendwann an diesem Wochenende reifte dann plötzlich ein irrer Plan heran. Eine Idee, die so abwegig schien, dass sie schon wieder gut war. Heidel hatte überlegt, ob es denn nicht möglich sei, dass sich die Mannschaft, die das alte System immer noch kannte, ganz alleine trainierte und aufstellte? Als er schließlich Jürgen Klopp in seinen Plan einweihte, hatte er die Idee bereits zu Ende gedacht. Genau so würden sie es tatsächlich einmal versuchen, doch natürlich müsste es einen geben, der vorne stehen würde - und das sollte der Mann tun, den sie in Mainz alle nur "Kloppo" riefen. Und Jürgen Klopp dachte keine zwei Sekunden nach: Er war dabei!

Im Nachhinein wollten alle schließlich schon immer gewusst haben, dass Jürgen Klopps Weg auf die Trainerbank vorbestimmt gewesen sei. Doch die Stimmen nach der ersten Pressekonferenz klangen ganz anders. Niemand der anwesenden Journalisten rechnete damit, dass sich der neue Coach länger als ein, zwei Spiele würde halten können. Und auch zwei Wochen später fragten die Medienvertreter noch immer, wann sich Kloppo denn das erste Mal selbst einwechseln würde?

Doch für die Mainzer Verantwortlichen stand zu diesem Zeitpunkt schon lange fest, dass die Sache mit Klopp auf dem Trainerstuhl kein kurzes Abenteuer bleiben würde. Denn nach der ersten Mannschaftssitzung, die Kloppo im Trainingslager in Bad Kreuznach gehalten hatte, war der komplette Klub wie elektrisiert. Präsident Strutz erzählte einmal, dass er nach Klopps Worten ans Team sofort seine Tasche gepackt hätte, wenn er denn nicht zu alt und ohne Spielerpass gewesen wäre. So sehr hatte die Ansprache des neuen Trainers gewirkt.

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Und tatsächlich: Die Partie zwei Tage später am Aschermittwoch zu Hause gegen den MSV Duisburg gewannen die Mainzer zwar nur mit 1:0 - aber dabei spielten sie wie in alten Zeiten und den Gegner an die Wand. Und auch die Zuschauer hatten neben dem Sieg noch an einer anderen Sache ihre helle Freude: An der Seitenlinie sahen sie einen Trainer, der komplett aus sich herausging und die Mannschaft über neunzig Minuten nach vorne trieb. Jürgen Klopp war angekommen. Er hatte seine wahre Berufung gefunden: "Fußball habe ich schon recht früh verstanden, ich konnte es nur nicht umsetzen. Über dem Hals war ich stärker als drunter." Und er verfolgte ab sofort einen Plan. Er wollte sein Team attraktiven "Vollgasfußball" spielen sehen, denn "mit schlechtem Fußball habe ich mich lange genug rumgeschlagen - und zwar mit meinem eigenen."

"Jetzt wird mal gemacht, was ich sage"

Die Idee von Manager Christian Heidel ("Der Drecksack gab mir als Spieler einen Vertrag - mit dem Geld konnte ich mir die Autos, die er verkauft hat, nicht mal leisten", Jürgen Klopp) und Präsident Harald Strutz war aufgegangen - und Klopp von seiner neuen Tätigkeit sofort begeistert: "Ich habe immer schon viel auf dem Platz geredet, aber jetzt ist der Unterschied, dass mal gemacht wird, was ich sage." Doch eine Sache änderte sich für Kloppo, über den der "weiße Brasilianer" Ansgar Brinkmann einmal gesagt hat - "Auf dem Zimmer hat er manchmal so viel geraucht, dass ich eigentlich eine Disco-Kugel hätte aufhängen müssen, um noch etwas zu sehen", nicht sofort: Er sah sich selbst immer noch als festen Bestandteil des Teams - und genau so verhielt er sich auch.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Gab es etwas zu feiern wie beim Aufstieg in die erste Liga 2004, dann mischte Jürgen Klopp weiter an vorderster Front mit. Stets mit einem gut gefüllten Bierglas in der Hand verzauberte er durch seine natürliche Art die Fans. Erst nach und nach ging er in der neuen Rolle als Trainer auf - was seinen ehemaligen Spielerkollegen und damaligen Torwart Dino Wache nicht immer begeisterte. Mit einem Augenzwinkern kommentierte er einmal den neuen Kloppo so: "Früher war er nach Testspielen immer die Nummer eins an der Wurstbude. Heute bevorzugt er diese merkwürdige Trennkost."

Nach vielen ereignisreichen und erfolgreichen Jahren verließ Jürgen Klopp im Sommer 2008 den 1. FSV Mainz 05. Damals wusste er genau, was er dem Verein, der über Nacht an einem Rosenmontag vor zwanzig Jahren aus ihm einen Trainer gemacht hatte, verdankte. Und so sprach er bei seinem tränenreichen Abschied diesen denkwürdigen und unvergesslichen Satz: "Sollte ich jemals ein schlechtes Wort über Mainz 05 verlieren, dann möchte ich sofort eins mit der Eisenstange gegen das Schienbein bekommen."

Quelle: ntv.de

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