Redelings Nachspielzeit

Redelings will Lorant als 1860-Coach Mach's wie Peter Neururer!

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Mit Werner Lorant würden die "Löwen" wieder Feuer bekommen - so viel ist sicher.

Der 1860-Geschäftsführer trägt einen Werner-Lorant-Schal. Zufall oder nicht? Manchmal ist die alte Liebe eben nicht die schlechteste, meint unser Kolumnist und erinnert an die sehr erfolgreiche Rückkehr des Peter Neururer zum VfL Bochum.

Als gar nichts mehr ging, kam er zurück - obwohl noch kurz zuvor wahrscheinlich jedes einzelne Aufsichtsratsmitglied eine unanständige Summe dagegen gesetzt hätte. Und dennoch war die Rückkehr des Peter Neururer zum VfL Bochum im April 2013 fast unausweichlich. Tabellarisch war damals eigentlich noch alles möglich, aber emotional war der Verein bereits in die dritte Liga abgestiegen. Es musste in diesen bitteren Tagen jemand her, der von jetzt auf gleich ein Stück heile Welt herbeizaubern konnte. Und so landeten die Verantwortlichen des VfL schnell bei dem Mann aus Marl, mit dem der Klub einige der schönsten Stunden der Vereinsgeschichte gefeiert hatte. Auch wenn nun – einige Jahre später – nicht wenige Offizielle nur äußerst widerwillig die Rückkehr besiegelten.

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Am Wochenende spielte der TSV 1860 München in Braunschweig. Man verlor. In diesen unruhigen Zeiten keine allzu große Überraschung. Beim Giesinger Traditionsverein geht es momentan schließlich drunter und drüber. Irgendwie verwunderte es da nicht, dass der neue TSV-Geschäftsführer Anthony Power einen Werner-Lorant-Schal um den Hals trug und eben dieser Ex-Trainer der Sechziger auch im Eintracht-Stadion zugegen war, um dem TV-Sender Sky Rede und Antwort zu stehen. In weniger glücklichen Zeiten erinnert man sich eben besonders gerne an die Augenblicke zurück, die man als schön abgespeichert hat. Und die Zeiten unter dem Coach Werner Lorant waren schön, denn der TSV 1860 spielte damals erstklassigen Bundesliga-Fußball – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

In Bochum schlossen im Frühjahr 2013 die allermeisten Fans eine Rückkehr von Peter Neururer aus. Alleine der Gedanke an sich galt als verrückt. Zu viel war passiert, zu viele Jahre waren seit den glücklichen gemeinsamen Zeiten vergangen. Vermutlich ist der Name Werner Lorant in München von offizieller Seite schon lange nicht mehr gefallen. Noch nicht einmal, nachdem man Kosta Runjaic vor ein paar Tagen vor die Tür gesetzt hat. Zu abwegig wirkt die Idee, ausgerechnet ihn als Trainer zur alten Wirkungsstätte zurückzuholen.

Ein bisschen mehr Krawall

Bei näherer Betrachtung jedoch scheint die Überlegung gar nicht mehr ganz so irrig. Werner Lorant ist zwar letzte Woche 68 Jahre alt geworden, aber das hält schließlich auch andere Männer nicht davon ab, sich beispielsweise zum Präsidenten der USA wählen zu lassen. Und wo wir gerade bei dem Herrn mit dem auffälligen Haarteil (Max Merkel beschrieb Lorants Äußeres übrigens mal ganz ähnlich: "Seine Frisur sieht aus, als sei sie mit der Trompete gefönt") sind: Auch Werner Lorant kann man nun wirklich nicht nachsagen, dass er zu lange nachdenkt, bevor er den Mund aufmacht. Der Mann war schon immer geradeheraus. Wenn ihm was nicht passte, dann sagte er es auch: "Der Schiri kann froh sein, dass ich ihm keine geschmiert habe." Manche meinten, Lorant wäre stets wie auf Krawall gebürstet gewesen. Für ihn galt schließlich das Einbahnstraßen-Prinzip: "Spieler haben vielleicht ein Problem mit mir, aber ich nicht mit ihnen."

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Voll in seinem Element.

Das klingt alles andere als nach "Laptop-Trainer" und "Matchplan", aber vielleicht ist es genau das, was man in all dem Durcheinander in München im Moment ganz gut gebrauchen könnte. Eigentlich ein Wunder, dass Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer noch nicht höchstpersönlich den Tipp mit Lorant gegeben hat, schließlich mag der CSU-Politiker genau solche Typen: "Mir gefällt, dass er die Menschen direkt anspricht und ihre Lebensrealität berücksichtigt. Nicht abstrakt, nicht verschwurbelt, sondern mit konkreten Antworten. Das finde ich gut". Die Worte fielen zwar über Trump, klingen aber wie ein Abziehbild von Lorant.

Der ehemalige Trainer der Sechziger konnte mit den sogenannten "Wohlstandsjünglingen" der heutigen Generation noch nie etwas anfangen: "Nicht mal eine Wohnung müssen sie sich suchen, das macht der Verein. Und sie möchten ein Haus mit Garten, aber bitte ohne Rasen, weil Rasenschneiden wollen sie nicht." Ein anderes Mal meinte er: "Schlimm ist dieses Gejammer. Tut hier weh, tut da weh. Aber solange sie das Handy halten können, muss ja noch genug Kraft da sein."

Saufen? Geht klar, wenn ...

Genau wie unter Peter Neururer in Bochum zog auch der TSV 1860 mit Werner Lorant in den Uefa-Pokal ein. Und genau wie beim "Verbalerotiker" aus dem Ruhrgebiet blieben auch bei Lorant die Sprüche aus seiner Zeit als Trainer der Sechziger hängen: "Meine Spieler können saufen, so viel sie wollen – solange sie am nächsten Morgen auf dem Platz stehen und im Training Top-Leistungen bringen. Da beides aber nicht geht, können sie eben doch nicht saufen."

Wahrscheinlich würde er sogar den aktuellen Presseboykott mitmachen, da er einmal von zwei Reportern auf üble Art hinters Licht geführt worden ist. Extra für Lorant hatten die Journalisten einen finnischen Spieler namens Lapin Kulta von HIK Poropata erfunden. Live in der TV-Sendung "Blickpunkt Sport" fragte man den Coach dann, ob was dran sei an den Gerüchten, dass dieser Mann zu 1860 kommen würde. Und anstatt offen zuzugeben – Peter N. lässt grüßen -, dass er diesen Spieler gar nicht kennt, antwortete Lorant: "Das ist in der Tat ein interessanter Mann, den wir im Blick haben." Lapin Kulta ist übrigens eine bekannte finnische Biermarke. Kurzum: Mit der Presse hat der Mann aus dem westfälischen Welver noch ein Hühnchen zu rupfen. Realistischer wäre aber wohl das Szenario, dass Lorant die Situation mit seinem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis augenblicklich entspannen würde.

Auch wenn die Idee auf den ersten Blick also abwegig, aus der Zeit gefallen und völlig ausgeschlossen erscheint: In Bochum hat die Rückkehr des alten Helden damals für viel frischen Wind gesorgt. Dass Lorant das Herz immer noch am rechten (Löwen-)Fleck trägt, zeigen zwei aktuelle Äußerungen: "Mir blutet das Herz, wenn ich auf die Tabelle sehe." Und noch prägnanter die folgenden Worte, die ein Journalist des "Merkur" notierte, als Lorant einen jungen Burschen sah, der hinten in die Haare ein "FCB" einrasiert hatte: "Wer hat dir das angetan? Der Friseur gehört verklagt!" Humor hat er also, der Lorant, und 'Nein' sagen würde er wohl auch nicht. Bleibt nur noch festzuhalten: Manchmal sind die verrücktesten Ideen tatsächlich nicht die schlechtesten ...!

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Quelle: n-tv.de

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