Redelings Nachspielzeit

Nicht nur Undav ist erstauntWarum Nagelsmanns "Rollenspiel" schon jetzt krachend gescheitert ist

31.03.2026, 12:07 Uhr Ben-RedelingsVon Ben Redelings
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Eigentlich sollten die "Rollen", die Julian Nagelsmann den möglichen WM-Spielern der deutschen Nationalmannschaft verpasst hatte, für Ruhe und Klarheit sorgen. Doch nach den Partien gegen die Schweiz und Ghana ist jetzt schon klar: Dieses Modell wird so nicht funktionieren (können).

"Vorne Undav, Wirtz, Musiala und Karl … so wird die WM vielleicht doch keine Qual." Wenn die deutschen Fußballfans schon anfangen zu dichten, ist es eigentlich immer ein Zeichen dafür, dass die Lage um die Nationalmannschaft gerade nicht ganz so rosig steht. Am Montagabend direkt nach dem Spiel gegen Ghana war es wieder so weit. Denn anders als der Bundestrainer ("Das Spiel ist top gelaufen") sahen die meisten Anhänger trotz einer fulminanten Anfangsphase eher die Probleme als die Chancen der DFB-Elf in den kommenden Wochen und Monaten. Und das liegt auch an einer Sache, die schon jetzt einen riesigen Brandherd offenbart und zu einem Vulkan werden könnte.

"Wir waren alle in einem Boot und alle sind in die gleiche Richtung. Bei vorherigen Turnieren, da hat jeder mehr an sich gedacht. Und Franz Beckenbauer hat das Team richtig zusammengestellt. Vielleicht waren gar nicht die 22 besten Spieler dabei, aber wir haben einfach vom Charakter so gut zusammengepasst. Es gab wenige Nebenschauplätze", hat DFB-Ehrenspielführer Lothar Matthäus vor ein paar Tagen über die siegreiche WM-Mannschaft von 1990 gesagt - und damit indirekt eine Schwäche des aktuellen Teams offenbart.

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Denn schon jetzt bereitet das "Rollenmodell" des Bundestrainers nicht nur intern, sondern auch extern große Schwierigkeiten. Nach den Spielen gegen die Schweiz und Ghana ist es nicht nur beispielsweise einem Deniz Undav, sondern auch einem Lennart Karl nur schwer zu vermitteln, dass ihre zugedachten "Rollen" komplett statisch seien. Denn erstens ist es ohnehin unverständlich, warum auf dem Platz nicht die aktuell formstärksten Spieler stehen, und zweitens sollte der Anreiz für die Akteure immer gegeben sein, durch Leistung eine andere "Rolle" einnehmen zu können.

Hält Nagelsmann stoisch dran fest?

Doch Undav, der die Joker-Rolle verpasst bekommen hat und nach dem Spiel meinte: "Mit jedem Tor, das ich mache, kann sich eine Rolle vielleicht auch verändern. Natürlich würde ich sie gerne ändern, aber ich bin nicht der Entscheider", wurde vom Bundestrainer in seinen Hoffnungen sogleich wieder ausgebremst: "Eher unwahrscheinlich, weil ich die Rollengespräche ja nicht für die März-Maßnahme gemacht habe, sondern für die WM." Das wirft im Sinne von Lothar Matthäus' Worten zum Erfolgsrezept der 1990er-Mannschaft zwei Fragen auf: Hat Julian Nagelsmann das Team dann jetzt schon falsch zusammengestellt? Oder ist Deniz Undav selbst das Problem, weil er mehr an sich als an das Team denkt?

Und drittens stellt sich dann zwangsläufig noch eine weitere Frage: Wie soll man angesichts dieser Fragen die "Nebenschauplätze", die Lothar Matthäus ansprach und die leider spätestens seit Montagabend im Hinblick auf die WM sich sehr deutlich offenbaren, beseitigen? Vor allem vor dem Hintergrund, dass man nach der gezeigten Leistung allein schon rein stimmungstechnisch ein Problem hat, das späte Tor von "Joker" Deniz Undav als Erfolg für das Funktionieren des Rollenmodells zu verkaufen - auch wenn der Bundestrainer dies sogar tatsächlich versuchte: "Ich glaube, wenn er schon vorher 70 Minuten in den Knochen hat, wird der lange Schritt schwer."

Unterschied zu Beckenbauer 1990

Julian Nagelsmann und sein Team werden (hoffentlich) erfahren genug sein, dass sie erkennen, dass ihr im Kern durchaus löblicher Plan noch einmal in ein paar wesentlichen Punkten durchdacht werden sollte. Ein stoisches Dranfesthalten, nur um zu beweisen, dass eine einmal gefasste Idee - die schon jetzt ganz gravierende und äußerst problematische Schwächen offenbart - zwanghaft durchgeprügelt werden muss, wird und muss scheitern.

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Denn einen wesentlichen Punkt hat Lothar Matthäus in einem anderen Gespräch über die WM 1990 einmal erwähnt, als er über den Teamchef Franz Beckenbauer sprach: "In Italien hat er uns wie Erwachsene behandelt und wir haben versucht, das Vertrauen zurückzuzahlen." Aktuell, man muss es leider so sagen, scheint es so, dass das Vertrauen in den Bundestrainer - auch intern - etwas abhandengekommen ist. Aber noch sind es ja ein paar Tage hin bis zur Weltmeisterschaft. Und auch beim so erfolgreichen 1990er-Team war vor der WM nicht immer alles nur eitel Sonnenschein.

Quelle: ntv.de