Redelings Nachspielzeit

Bitte mehr Mut vom EM-Experten Sandro Wagner, mach's wie einst der Kalle!

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Ben Redelings mit klarer Kante: Sandro Wagner muss der neue Karl-Heinz Rummenigge werden!

Jetzt sind sie wieder da: die Co-Kommentatoren. Ältere TV-Zuschauer werden sich an die Anfänge des zweiten Mannes am Mikrofon noch erinnern. Vor allem einer lieferte legendäre Momente ab. Genau solche emotionalen Ausbrüche würden man sich heute hier und da gerne mal wieder wünschen!

Karl-Heinz Rummenigge war mal ein richtig wilder Sprücheklopfer, der komplett aus dem Sattel gehen konnte. Was sich die jüngeren Fußballfans wahrscheinlich nur schwerlich vorstellen können, passierte vor einunddreißig Jahren an einigen unvergesslichen Tagen im denkwürdigen italienischen Sommer der WM 1990. An der Seite von Gerd Rubenbauer und Heribert Faßbender co-kommentierte Kalle Rummenigge damals auf eine solch vollkommen neue Art und Weise, dass sich Begeisterung und Kritik gleichermaßen die Waage hielten. Aber vor allem die emotionalen Kommentare Rummenigges, die ohne seine sonstige künstliche Bedächtigkeit auskamen, sind bis heute in Erinnerung geblieben.

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Besonders ein Spiel wird dabei in Gesprächen über diese Zeit immer wieder hervorgekramt. Bei der hochklassigen wie mitreißenden WM-Achtelfinal-Partie zwischen den Niederlanden und Deutschland hielt es Heribert Faßbender und Karl-Heinz Rummenigge - so ist auch über dreißig Jahre später immer noch der Eindruck - nicht auf ihren Sitzen. Unvergessen ist der kurze Dialog der beiden über den argentinischen Schiri des Spiels, Patricio Loustau: "Den Schiedsrichter, den sollte man zurück in die Pampa schicken!" Karl-Heinz Rummenigge: "Ich hoffe, wir sehen diesen Schiedsrichter nicht mehr bei dieser WM." Und Heribert Faßbender: "Höchstens als Kartenabreißer." Pure Situationsemotionen, wie sie die Zuschauer vor den Bildschirmen selbst in diesen Sekunden wohl erlebt haben mögen.

Wagner sucht seine Rolle

Doch die Zeiten haben sich seitdem gewandelt. Und dennoch: Auch wenn die TV-Offiziellen von den heutigen Reportern offensichtlich weitgehend nüchterne, sachliche Beiträge einfordern, ertappt sich manch geneigter Fußballfan dabei, wie er sich durchaus auch einmal wieder emotionalere Kommentare wünschen würde. Vor allem, wenn wie am letzten Dienstag beim Spiel Deutschland gegen Frankreich als Co-Kommentator neben Bela Rethy ein gewisser Sandro Wagner am Mikrofon Platz genommen hat. Ein Mann, der einen bestimmten Ruf hat - und genau deshalb wohl auch für diesen Job verpflichtet wurde.

Doch bei allen positiven Ansätzen scheint auch Wagner seine Rolle noch zu suchen. Für einen kurzen Moment jedoch flackerte nach der Einwechslung von Stürmer Kevin Volland Hoffnung auf. Als dieser hinten links begann, packte sich auch Sandro Wagner an den Kopf: "Volland muss nach vorne, der Junge!" Doch da Volland tatsächlich genau in dieser Sekunde nach vorne lief, blieben die deutlichen Worte Wagners in Richtung Bundestrainer Löw erst einmal ungesagt. Man spürte aber daheim am Bildschirm, dass die Gedanken bei Wagner schon frei waren.

Die Verpflichtung des ehemaligen Nationalspielers könnte für das ZDF noch zu einem echten Coup werden. Denn Wagner hat durch seine unbekümmerte und offene Art das Zeug, die Emotionen der Zuschauer zu wecken. Schließlich scheint der ehemalige Profi weder Freund noch Feind zu kennen, wie dieses frühere Zitat zeigt: "Ich jubel gegen jedes Team, egal, ob ich da ein Jahr war oder meine Mama oder mein Papa diese Mannschaft trainieren." Doch man muss Sandro Wagner fairerweise nicht nur Zeit, sondern auch Unterstützung in diesen Zeiten geben. Denn wenn Journalisten ernsthaft in seinem Allerwelts-Spruch über den französischen Verteidiger Presnel Kimpembe (er sei "gegen den Ball nicht die hellste Kerze auf der französischen Torte") die Möglichkeit einer rassistischen Deutung erkennen wollen (weil Kimpembe farbig ist), dann darf man sich nicht wundern, dass am Ende Reporter wie Kommentatoren lieber auf nichtssagende Floskeln zurückgreifen, als hier und da auch einmal ihren Emotionen freien Lauf zu lassen.

Also, Sandro Wagner, mach's wie einst Kalle Rummenigge 1990 in Italien. Das freudige "Jaaaaaaaa" der beiden Kommentatoren Rubenbauer und Rummenigge nach Brehmes legendärem Elfmeter im Finale klingelt den Zuschauern, die damals schon live mit dabei waren, noch heute in den Ohren. Und es gibt wahrhaft schlechtere Erinnerungen als diese!

Quelle: ntv.de

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