Redelings Nachspielzeit

Ein Jahr FC Bayern ohne Hoeneß Schlagzeilen-Maschine rattert nicht mehr

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War was?

(Foto: Peter Schatz)

Nun hat Uli Hoeneß bereits etwas länger als ein Jahr keine offizielle Führungsposition beim FC Bayern München mehr inne. Für Fans der Bundesliga wie für ihn selbst eine ungewohnte Situation. Doch was ist seit seinem Ausscheiden anders geworden beim FC Bayern - und in Fußball-Deutschland?

Uli Hoeneß war damals im Jahr 1979 erst ein paar Wochen als Manager des FC Bayern München im Amt, als sein Spieler Karl-Heinz Rummenigge brandaktuelle Geheimpläne aus der neuen Kommandozentrale verriet: "Es gibt ernsthafte Überlegungen bei unserer Klubführung, ob wir in Zukunft bei Auswärtsspielen nicht im bayerischen Trachten-Look anreisen. Das ist kein Witz! Ich fände so was unheimlich originell."

Der Jungmanager Hoeneß sprühte in diesen Anfangstagen nur so vor Ideen und hatte bei allem, was er damals tat, bereits eine Sache stets im Blick: Über den FC Bayern München musste gesprochen werden - egal wie und worüber genau. Hoeneß glaubte fest daran, dass der Erfolg des Vereins neben den sportlichen Triumphen immer auch über die öffentliche Präsenz funktionierte.

So sagte er schon 1987 nach drei gewonnenen Meisterschaften nacheinander für den FC Bayern in seiner gewohnt süffisanten Art über die Außenwirkung des Klubs: "Wir haben dieses Feindbild nicht selbst gemacht. Das haben andere aufgebaut, ganz bewusst. Aber wir leben nicht schlecht mit diesem Image. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, wäre, wenn uns plötzlich alle lieben würden." Dass das nicht geschah, daran hat Uli Hoeneß über vierzig Jahre lang maßgeblich mitgewirkt. Der FC Bayern München war in dieser Zeit niemandem egal. Entweder man mochte ihn - oder man verabscheute ihn. Dazwischen gab es eigentlich nichts.

Ohne Strahlkraft hilft (fast) alles nichts

Und der Verein von der Säbener Straße hat, wie Hoeneß es vor vielen Jahren ja bereits selbst zugab, immer gut mit dieser Polarisierung gelebt. Neben den Erfolgen auf dem grünen Rasen bot der Klub stets ausreichend Projektionsfläche, um über ihn zu berichten. Und wurde es doch einmal etwas zu still, dann sorgte Uli Hoeneß höchstpersönlich mit seiner Kommandoeinheit "Attacke" dafür, dass der "FC Hollywood" wieder in die Schlagzeilen geriet.

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Seit etwas über zwölf Monaten ist Uli Hoeneß nun nur noch als einfaches Mitglied des Aufsichtsrats aktiv. Jetzt war dieses Jahr ohne ihn als Führungskraft des FC Bayern ohnehin ein besonderes. Und deshalb fällt es auf den ersten Blick auch gar nicht so leicht, die Frage zu beantworten, ob sich bei den Münchenern ohne den gebürtigen Ulmer als Aktivposten so viel verändert habe. Man ist geneigt zu sagen, dass sich nichts Wesentliches getan habe. Doch schaut man einmal etwas genauer hin, dann fällt auf: Der FC Bayern ist in diesem Jahr tatsächlich ein Stück weit mehr ein "normaler" Klub geworden. Das Spektakel drum herum findet immer weniger statt.

Vermutlich werden die allermeisten Fußball-Fans und Bayern-Anhänger diese Entwicklung erst einmal positiv bewerten. Schließlich hat es auf dem Platz ja auch fast noch nie so gut funktioniert wie in diesem Jahr. Als letzte Bestätigung für diese These kann man die Auszeichnung von Robert Lewandowski als Weltfußballer des Jahres werten. Doch folgt man der alten These des Jungmanagers Hoeneß, dass neben den Erfolgen auf dem grünen Rasen stets auch das bunte Geschehen abseits der neunzig Minuten im Stadion zählen, dann wird einem schnell klar, woran es in anderen Zeiten als im Moment beim FC Bayern München hapern könnte. Denn wenn auch noch Karl-Heinz Rummenigge in naher Zukunft beim Rekordmeister ausscheidet, dann wird es bei den Bayern wenigstens auf der Ebene der Führungspositionen in puncto Strahlkraft und Polarisierung ungleich schwieriger.

Hoeneß gehört die Aufmerksamkeit

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Welche unglaubliche Schlagzeilen-Power Uli Hoeneß immer noch besitzt, bewies er höchstpersönlich im September, als er im TV am Sonntagmorgen im "Doppelpass" auftrat. Fast jeder Satz des erfahrenen Medienmannes taugte zur Überschrift. Und die Diskussion, die Hoeneß um David Alaba und seinen Manager ("geldgieriger Piranha") anstieß, ist bis heute präsent und aufmerksamkeitsstark. Beim FC Bayern werden sie damals die Hände überm Kopf zusammengeschlagen haben - war doch gerade alles so schön ruhig an der Säbener Straße. Eben.

Doch irgendwann werden sie beim FC Bayern vermutlich einmal zurückschauen und überlegen, wann es damals begonnen hat, dass der Verein zwar immer noch sportliche Erfolge feierte - den Menschen da draußen aber auf eine seltsame Art immer gleichgültiger wurde. Und vielleicht werden sie sich dann auch daran erinnern, was 1979 mit dem Einstieg des jungen Uli Hoeneß beim FC Bayern München anders geworden war. Denn die Idee mit dem Trachten-Look bei Auswärtsspielen ist auch nur auf den ersten Blick reine Folklore.

Mit Uli Hoeneß hat der FC Bayern eine natürliche Schlagzeilen-Maschine verloren. Erst die weitere Zukunft wird allerdings zeigen, wie groß der Verlust für den Klub tatsächlich ist. Nach diesem sehr speziellen ersten Jahr ist aber schon klar: Es wird nicht einfach. Und: Es bleibt spannend. Denn ganz weg ist Hoeneß ja immer noch nicht.

Quelle: ntv.de