Redelings Nachspielzeit

Redelings über den Saisonstart "Wäre, wäre Fahrradkette!"

imago15909195h.jpg

"Ey, Mädels, unser Schwarzer hat den Längsten!" Lothar Matthäus, hier mit Jan Åge Fjørtoft.

(Foto: imago/MIS)

Ein Lothar Matthäus in Frühform, viele verrückte Schalker und ein Fußballer, der sich noch unglücklicher anstellt als Nicolai Müller. Der erste Spieltag weckt Erinnerungen an alte Zeiten und zeigt: Nicht nur der Bundesliga-Motor läuft auf Hochtouren.

Der erste Spieltag der Fußball-Bundesliga wusste zu begeistern. Auf und abseits der Plätze. Wenn das so weitergeht, können wir uns auf eine unterhaltsame Saison freuen. Mit alten und neuen Protagonisten. Ehre, wem Ehre gebührt und deshalb wollen wir mit einem bekannten Gesicht beginnen. Lothar Matthäus gehört zur Spezies Mensch, die Peter Neururer gerne als "Verbalerotiker" bezeichnet. Er ist also ein Mann des Wortes. Jemand, der gerne und intensiv mit Sprache spielt und selbst komplizierte Sachverhalte blumig umschreibt. Oder, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: "Der Schuh weiß am besten, wo ihn der Fuß drückt."

imago18695650h.jpg

"El tren": Adolfo Valencia im Jahr 1994.

(Foto: imago/WEREK)

Da ist es kein Wunder, dass eben dieser Matthäus uns Zuschauern als feinsinniger Experte beim Bezahlsender Sky die schwierigsten Zusammenhänge erklären darf. Am Wochenende hat dies mal wieder ganz wunderbar funktioniert, als Matthäus alle Eventualitäten negierte und treffend formulierte: "Wäre, wäre Fahrradkette." Apropos Matthäus. Neulich erzählte der Ex-Duisburger Stahlkocher und Bundesligaprofi Joachim "Hoppi" Hopp an einem launigen Fußballabend von seinen fiesen Tricks im nonverbalen Nahkampf mit seinen Gegenspielern.

Als der Name Adolfo Valencia fiel, kicherten die ersten Gäste im Publikum. Sie ahnten, was jetzt kommen musste. Und als Hoppi lächelnd bestätigte, dass er den Angreifer des FC Bayern tatsächlich genau dort mit seinen kräftigen Thyssen-Händen zu packen kriegte, wo alle es vermutet hatten, dachte jeder Wissende im Saal an einen der berühmtesten Aussprüche von Matthäus. Der hatte einst mit seinem kolumbianischen Mitspieler Adolfo "El tren" Valencia auf dem Flughafen das deutsche Basketballnationalteam der Frauen getroffen. Und da Matthäus bekanntlich um kein Wort verlegen ist und spannende Sachverhalte zu verbalisieren weiß, hatte er den Damen zugerufen: "Ey, Mädels, unser Schwarzer hat den Längsten!" Das wusste Hoppi zu diesem Zeitpunkt allerdings schon länger.

"Wat is los mit Dir, Kollege?"

*Datenschutz

Doch kommen wir noch einmal kurz zur "Fahrradkette" zurück. WDR-Reporterlegende Manni Breuckmann zeigte sich vor vielen Jahren ebenfalls radsportbegeistert wie sprachgewaltig, als er formulierte: "Diese Vierer-Abwehrkette der Bochumer ist eine Beleidigung für jede Fahrradkette." Man also könnte festhalten: Valencia hatte schon recht, als er einmal meinte: "Fußball ist wie Lotto. Mal spielt man gut, mal schlecht.

Auf Schalke hatte die "Lottofee" am Wochenende offensichtlich ein Einsehen mit den Königsblauen. Im Füllhorn leerte sie eine Kanne Glücksgefühle über die Nullvierer. Ein berauschender Sieg gegen RB Leipzig und dann auch noch eine Lachsalve für alle frei Haus präsentiert über die Stadionlautsprecher. Per Durchsage wurde der Halter eines Autos gesucht: "An den Fahrer des schwarzen Mercedes Benz, Kennzeichen GE-xxx. Wat is los mit Dir, Kollege? Wagen abgeschlossen, Motor läuft, Schlüssel steckt. Komma ins Parkhaus. Mann, Mann, Mann." Der eilige Schalker Autofreund hat sich übrigens mittlerweile bei meinem Kollegen Oli Hilbring gemeldet. Der Cartoonist und ebenfalls bekennende Schalker hatte die herrliche Durchsage des Stadionsprechers Dirk Oberschulte-Beckmann wunderbar in einem Bild weiterverarbeitet. Den Cartoon fand der gesuchte Parkhausabgassünder so klasse, dass er ihn nun gerne käuflich als Erinnerung an einen lustigen Tag im Rampenlicht ersteigern möchte.

orangenerKreis.jpg

Dass ein Fußballspiel einen tatsächlich so komplett elektrisieren kann, dass man alles um einen herum einfach vergisst, davon kann auch der TV-Experte und ehemalige englische Nationalspieler John Barnes erzählen. Im Winter 2010 wurde er während der Partie Liverpool gegen Chelsea über die Geburt seines Sohns Alexander informiert. Als ihn in der Halbzeit der Moderator fragte, ob er nicht lieber gehen wolle, antwortete Barnes mit einem zaghaften Lächeln: "Ich würde lieber erst noch die zweite Halbzeit sehen!"

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Dass der unglückliche Pirouetten-Jubler Nicolai Müller vom HSV mit seinem Pech im Weltfußball nicht alleine ist, wird ihn selbst wohl kaum interessieren. Aber dennoch sei auch ihm gesagt: Es geht alles noch viel, viel schlimmer – und vor allem: BLÖDER! Denn der erste Platz in der Kategorie "Dummheit" geht auf ewig, ohne Zweifel und unangefochten an Darius Vassell. Der ehemalige englische Nationalspieler, damals in Diensten von Aston Villa, schoss mit seiner Verletzung den Vogel für alle Zeiten ab. Viel dämlicher kann man sich einfach nicht selbst verstümmeln. Statt einen Arzt zu konsultieren, dachte sich Vassell beim Anblick seiner kleinen Blessur wohl ganz im Sinne einer populären Baumarktwerbung: "Mach es zu deinem Projekt!" Und so war die Blutblase unter einem Zehennagel für den Hobby-Heimwerker Vassell ein klarer Fall - für die Bohrmaschine.

ANZEIGE
55 Jahre Bundesliga - das Jubiläumsalbum: Unvergessliche Bilder, Fakten, Anekdoten
EUR 19,90

Mit ordentlich Schmackes setzte er den 8mm-Flachfräsbohrer auf den Nagel und gab Gummi. Leider konnte Vassell die wilde Fahrt nicht rechtzeitig stoppen und senste einmal komplett durch den Zeh hindurch. Da er dabei nicht nur die Blase zerstach, verheilte die Wunde anschließend aufgrund einer Blutvergiftung nur äußerst zäh. Nicolai Müller seien an dieser Stelle die allerbesten Genesungswünsche übermittelt. Und auch wenn es noch weh tut: Danke für diese spektakuläre und unvergessliche Einlage. Sie ist schon jetzt ein echtes Stück Bundesliga-Historie - und nährt die Vorfreude auf die folgenden 33 Spieltage.

Unser Kolumnist Ben Redelings ist gerade mit seinen Programmen unterwegs: Infos und Tickets zur Tour.

Quelle: ntv.de