Redelings Nachspielzeit

Königsblauer Fluch und Segen Warum Messias Rangnick Schalke 04 spaltet

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Ralf Rangnick wäre auch eine Belastung für den FC Schalke.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Es gibt nur wenige Königsblaue, die sich Ralf Rangnick als neuen starken Mann auf Schalke nicht herbeisehnen. Doch es gibt ein Problem: Mit Rangnick wird der Verein ausgegliedert werden müssen. Ansonsten fehlt schlicht das Geld. Und das spaltet den Klub tief in seinem Innersten.

"In den Sommerferien habe ich mit meiner Familie vier Wochen Urlaub in Florida gemacht und am Ende sogar einen Hurrikan erlebt. Ich bin also sturmerprobt." Das waren Ralf Rangnicks Worte bei seiner Vorstellung als Trainer auf Schalke vor nunmehr fast siebzehn Jahren. Eine Menge Zeit ist unterdessen seit diesem Sommer 2004 ins Land gegangen. Doch der königsblaue Gegenwind kann immer noch so manchen weniger Sturmerprobten aus der Bahn werfen.

Rangnick selbst hat in den vergangenen Jahren gleich mehrfach bewiesen, dass er stets genau weiß, auf was für fußballerische Exkursionen er sich einlässt. Nun steht - trotz aller Nebenkriegsschauplätze und dem Wirbel rund um seine Person - möglicherweise seine Rückkehr nach Gelsenkirchen an. Es wäre vermutlich das größte Abenteuer seines Lebens. Noch extremer und unvorhersehbarer als die Stelle als zukünftiger Bundestrainer.

Im Clinch mit Vorgänger Magath

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Wenn es tatsächlich so kommt, dass Ralf Rangnick das Kommando auf Schalke übernimmt, dann wird sich dieser Klub dieses Mal auf einen Hurrikan von innen gefasst machen können. Wie bei seinen früheren Stationen in Hoffenheim und Leipzig wird Rangnick sein Ding durchziehen. Damals, im Sommer 2005, als er die berühmte Ehrenrunde zum Abschied in der Arena lief, musste der 62-Jährige noch gehen, weil er am langjährigen Manager Rudi Assauer einfach nicht vorbeikam. Der allmächtige Mann auf Schalke hatte Rangnick mehrmals öffentlich zurückgepfiffen und damit sein akribisches Schaffen untergraben: "Nimm die Hektik aus deiner Arbeit. Wir haben dich nicht eingekauft, um das Hotel zu buchen und den Bus zu bestellen. Das haben wir hier schon im Griff."

Als er ein paar Jahre später im März 2011 zurückkehrte, fand er einen Klub vor, der innerlich total zerrissen und zerstritten war. Die turbulente Magath-Zeit hatte tiefe Spuren hinterlassen. Ohne Rücksicht und Feingefühl hatte Felix Magath den FC Schalke 04 innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf gestellt und dabei so manchen altgedienten Angestellten freigestellt. Genau das wurde schließlich auch sein Verhängnis - neben der sportlich katastrophalen Lage natürlich. Als sich Ralf Rangnick über den Zustand der Mannschaft beschwerte, konterte Magath jedoch nur süffisant: "Rangnick ist ja ein Professor, der wird sich schon etwas einfallen lassen."

Den Spitznamen "Professor" hatten ihm übrigens seinerzeit die Ulmer Spieler verpasst, als sich ihr Trainer bei einer TV-Reportage im "Einstein-Haus" hatte filmen lassen. Anfangs bedauerte Rangnick diesen Fehler ("Ich war ein Trottel"), mittlerweile soll er sich aber mit seinem Spitznamen sehr gut arrangiert haben. Der Ruf, der Rangnick spätestens nach seiner Zeit in Hoffenheim und Leipzig vorauseilt, ist sensationell. Und genau das dürfte auf Schalke Fluch und Segen zugleich sein. Denn in der Tat gibt es nur wenige Königsblaue, die Rangnick als neuen starken Mann auf Schalke nicht sehnsüchtig herbeisehnen. Das ist die eine, die sportliche Seite.

Rangnick würde zur Zerreißprobe für den Klub

Doch das ganze Drumherum macht eingefleischten Traditionalisten Angst. Denn mit Rangnick dürfte das viel diskutierte Thema "Ausgliederung" ziemlich sicher und eindeutig in eine Richtung ausschlagen. Das Mitspracherecht der Fans im eingetragenen Verein dürfte mit Rangnick an der Spitze und entsprechenden Personen an seiner Seite (und im Hintergrund) alsbald Geschichte sein. Ob diese Entwicklung allerdings nicht ohnehin nicht mehr lange aufzuhalten gewesen wäre, bleibt als Frage nun erst einmal unbeantwortet im Raum stehen. Mit Rangnick wird die Ausgliederung kommen müssen - sonst sind er und die Gruppe der Investoren schneller wieder weg, als sie nun überhaupt ins Gespräch kamen.

Ben Redelings

Ben Redelings ist ein leidenschaftlicher "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und Anhänger des ruhmreichen VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt im Ruhrgebiet und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Für ntv.de schreibt er dienstags und samstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Weitere Informationen zu Ben Redelings, seinen aktuellen Terminen und Projekten gibt es auf seiner Seite www.scudetto.de.

Die Schalker Familie wird sich also entscheiden müssen. Ein radikaler Neuanfang mit allen bitteren und langfristigen Konsequenzen und Umwälzungen, aber dafür mit einem neuen, erfolgsversprechenden Mann an der Spitze, der in der Vergangenheit mehrfach bewiesen hat, dass er Klubs entwickeln kann. Oder eine andere, wie auch immer geartete Lösung, die berücksichtigt, dass die Frage der Ausgliederung im Sinne des Vereins und vieler Fans erst einmal unbeantwortet bleibt, bis sich die Mitglieder formal auf einer Versammlung erklärt haben.

Dass dieses Prozedere so oder so erst über diesen elementaren Schritt entschieden wird, ist ohnehin klar. Aber eine Entscheidung für Rangnick und die umstrittene Gruppe aus Wirtschaft und Politik wäre das eindeutige Signal an die Mitglieder, wie die kurz- wie langfristige Zukunft des Klubs aussehen würde. Und damit wäre eine Wahl für Rangnick weit mehr als nur die Inthronisierung eines neuen Manns auf Schalke. Egal, wie nun die Entscheidung des Aufsichtsrats - der sich trotz aller widrigen Umstände zu Gesprächen mit dem ehemaligen Leipziger Sportdirektor und Trainer bereit erklärt hat - ausfallen wird, die Personalie Rangnick spaltet den FC Schalke 04. Wie sehr sich die königsblauen Fans einen solch kompetenten Mann ansonsten auch vereint für ihren Klub wünschen mögen.

Quelle: ntv.de

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