Redelings Nachspielzeit

Jüngere Fußball-Fans fragen sich Wozu gibt es eigentlich eine Winterpause?

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Kaum noch vorstellbar: eine Spielabsage in der Bundesliga wegen Schnees.

(Foto: imago/WEREK)

Auch wenn man es sich kaum mehr vorstellen kann: Früher gab es tatsächlich einmal gute Gründe, warum die Fußball-Bundesliga im Winter pausierte. Sibirische Kälte, Schneestürme und keine Rasenheizungen. Ein paar eisige Erinnerungen.

Was haben wir uns früher den Arsch abgefroren - in zugigen, nicht überdachten und nur spärlich gefüllten Stadien. Besonders hart traf es die, die in der Saison 1969/70 schon mit dabei waren. Die Wintermonate dieser Jahre waren extrem hart und machten (nicht nur) den Aktiven ordentlich zu schaffen. RWE-Original Willi Lippens hatte damals wenig Lust raus auf den Platz zu treten: "Herr Schiedsrichter, da können Sie ja noch nicht einmal 100 Meter spazieren gehen, geschweige denn spielen."

In München, Hamburg und Berlin reagierte man auf den langen und strengen Winter und auf die miserablen äußeren Verhältnisse am schnellsten. Man plante den Einbau einer Rasenheizung. Ein Novum in der Bundesliga - und deshalb für alle Klubs ein spannendes Neuland mit vielen Fragezeichen. Während man in München nur acht Zentimeter unter den Rasen gehen wollte, überlegte man in Hamburg, eine Anlage zu installieren, die zwanzig Zentimeter unter der Rasenfläche liegen sollte. Die Kosten für die Heizungen sollten sich auf Summen zwischen 450.000 und 1.000.000 Mark belaufen, rechnete man aus. Viel Geld damals. Vorbild sollte die Anlage von Arsenal London sein. Dort hatte man in sechs Jahren Betriebszeit nur eine einzige Partie wegen eines Schneesturms abbrechen müssen.

Spielausfälle waren in diesen Tagen eher die Regel als die Ausnahme. Und das sorgte häufig für große Probleme. So auch im Winter 1969/70. Die Bundesliga war damals bereits ordentlich in Verzug, denn reihenweise mussten Partien abgesagt werden. Und der Terminkalender war eng. Im Sommer stand schließlich die Weltmeisterschaft in Mexiko an. Was also sollte man tun? Als die Verzweiflung am größten wurde, rettete wenigstens der Humor für einen Moment über die angespannte Lage hinweg. Schalkes Präsident Günter Siebert: "Wenn gar nichts mehr hilft, dann fahren alle Klubs nach Mexiko und holen dort die Spiele nach." Ein durchaus reizvoller Gedanke, fanden die anwesenden Journalisten beim Blick aus dem zugefrorenen Fenster hinaus auf die weiße Schneelandschaft im kalten Januar.

Absagenflut im Winter 1978

Nach Mexiko fuhr die Bundesliga-Spielgemeinschaft dann am Ende doch nicht und mit den Rasenheizungen dauerte es auch länger als erhofft. Dafür hatte man in Berlin 25.000 Mark in eine Plane investiert und so einen kompletten Winter ohne Ausfälle überstanden. Doch in der Spielzeit 1972/73 sagte Schiedsrichter Basedow die Partie zwischen der Hertha und dem VfL Bochum wegen einer Eisschicht auf dem Rasen ab. Der damalige Spielausschuss-Obmann der Berliner, Wolfgang Holst, kommentierte die Entscheidung des Schiris gefrustet: "Jetzt müssen wir wieder zur Bank gehen und Geld borgen." So knapp waren damals die Kassen gefüllt! Doch warum war die extra angeschaffte Plane nicht zum Einsatz gekommen? Angeblich litt der Rasen unter einer Art Pilzkrankheit, wie der neue Stadionverwalter festgestellt hatte. Also: Keine Plane, denn der Rasen musste atmen können. Dafür wieder Absagen.

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Nur die Harten kommen bei Schneegestöber ins Stadion - war auch 1970 in Braunschweig so.

(Foto: imago sportfotodienst)

In der Saison 1978/79 klagte die Bundesliga über einen neuen Rekord. Aufgrund des bitterkalten, schneereichen und lange währenden Winters fielen 46 Partien aus. Die Vereine mussten außerplanmäßig vier Wochen pausieren. Bis zum 9. März galt die Regel: Es wird gespielt, wie und wann immer es ging. Fortan wurde verzweifelt versucht, die ausgefallenen Begegnungen nachzuholen. Fast ein Ding der Unmöglichkeit, wie man feststellen musste. Erst am vorletzten Spieltag gelang es, die Tabelle endlich wieder zu begradigen.

Eisiger Humor

Die knackig-kalten Winter sorgten auch dafür, dass viel weniger Zuschauer zu den Partien kamen als heutzutage in die warmen Arenen. Beim 1:0-Sieg der Bayern gegen den VfL Bochum in der Saison 1981/82 verloren sich gerade mal 4000 Zuschauer im weiten Rund des Olympiastadions - und die Polizei natürlich. Doch die war alles andere als begeistert: "In Russland schicken sie einen zur Strafe nach Sibirien - und bei uns ins Stadion!"

An diese Zeiten erinnerte sich übrigens Uli Hoeneß, als er auf der legendären Jahreshauptversammlung der Bayern im Jahr 2007 die Fans in der Südkurve für ihre Kritik an den VIPs attackierte: "Ohne die hätten wir nämlich keine Allianz-Arena. Da würden wir nämlich jetzt wieder im Schnee und Eis spielen, dann würden wir gegen Bolton Wanderers 12.000 Zuschauer haben."

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Die kalte Witterung regte auch immer wieder Trainer zu besonderen Späßen an. Uwe Klimaschefski meinte einmal: "Ich habe meinen Spielern vorgeschlagen, barfuß und mit langen Zehennägeln zu spielen. So dürften sie den besten Halt auf dem Schneeboden haben." Und Schalke-Coach Ivica Horvath riet seinen Profis vor einer Partie im Münchner Olympiastadion: "Wenn's kalt wird, legt euch einfach auf den Boden. Die haben hier eine Rasenheizung."

BVB-Flagge im Schalker Schnee

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Schwarz-gelber Stich in den königsblauen Schnee.

(Foto: imago sportfotodienst)

Solch Schabernack ist angesichts der neuen Multifunktionsstadien natürlich in den letzten Jahren seltener geworden. Doch es gibt sie immer noch - die witterungsbezogenen Späße. Im Winter 2010/11 kam es zu einem echten Eklat auf Schalke. Ein Mitarbeiter der Firma, die das durch den vielen und nassen Schnee beschädigte Dach der Arena reparieren sollte, hatte eine weithin sichtbare BVB-Fahne hoch oben auf der weißen Plane gehisst. Der verantwortliche technische Leiter war außer sich vor Wut: "Unglaublich, wie einer so unsensibel sein kann!" Schnell wurde klar, dass es sich bei dem Mann um einen fanatischen Anhänger der Schwarz-Gelben handelte, der die Gunst der Stunde einfach ausnutzen musste. Natürlich wurde er sogleich freigestellt. "Der arbeitet hier nicht mehr. Der war hier, um Schnee zu schippen, und nicht, um Dekorationen vorzunehmen", so der Leiter der Arena eindeutig.

Doch trotz einer groß angelegten Suchaktion blieb der "Sensationstyp" (O-Ton BVB-Legende Aki Schmidt) für die Öffentlichkeit unentdeckt. Da halfen auch keine Lockangebote. Ein Dortmunder Hotel wollte den mutigen Fahnenmann mit einem Jahr Freibier belohnen, doch er genoss seinen Triumph offensichtlich lieber still und für sich in der warmen Stube. An diesem heutigen, fast schon frühlingshaften 17. Dezember kann man sagen: Schade eigentlich, dass wir in Zukunft wohl beinahe gänzlich auf solche und ähnliche Geschichten verzichten werden müssen. Die Winterpause wird es allerdings wahrscheinlich weiterhin geben.

Quelle: ntv.de