Fußball-WM 2018

"Beste Team siegt nicht immer" Kroatien verliert grotesk und gewinnt Größe

b30ecfeb2b7c0c6cec13b4a026a71f1a.jpg

Die Kroaten feiern eine fantastische WM. 40 Minuten dauerte es nach dem Abpfiff, bis die Fifa zur Siegerehrung schritt. Die Spieler nutzten die Zeit für ein spontanes Mannschaftsfoto. Immerhin ist man ja Vizeweltmeister.

(Foto: AP)

Frankreich ist Favorit, Kroatien spielt und steht trotz großer Leistung im Endspiel mit gebrochenem Fußballherzen da. Der zweitkleinste Finalist der WM-Geschichte verpasst zwar den Triumph, reist aber auch nicht als Verlierer heim.

Bevor Zeit und Träume einfroren, begann der Gesang. Die letzten Sekunden der 90. Finalminute tickten über die Stadionleinwände, als sich die kroatische Kurve hinter dem Tor von Frankreichs Keeper Hugo Lloris erhob. Sie hatte Fahnen zu schwenken und Fußballhelden zu feiern. Die Durchsage der Nachspielzeit dämpfte die Lautstärke der Ovationen nur kurz, dann schwoll der Gesang wieder an. Fünf Minuten noch, dann würde das erste Weltmeisterschaftsendspiel mit kroatischer Beteiligung abgepfiffen sein. Dann würde Frankreich als Weltmeister feststehen. Und Kroatiens Fans sangen.

da367589ae41ac9a73d3cfe6e67ea6ca.jpg

Erst sangen sie, dann weinten sie, dann sangen sie wieder: die kroatischen Fans.

(Foto: dpa)

Auf dem Platz schienen die Fußball-Willensmonster von Trainer Zlatko Dalic an diesem Sonntagabend zu resignieren, als die Zeit auf der Leinwand bei 90 Minuten und dem Spielstand von 2:4 stehenblieb und die Nachspielminuten im Luschniki-Stadion wie die kroatischen Träume ins Moskauer Nirgendwo davontröpfelten. Es war ja ein Wunder, dass sie nicht längst verzweifelt waren an diesem absurd unterhaltsamen Endspiel, in dem sie gegen die favorisierten Franzosen so viel richtig gemacht hatten. Und in dem trotzdem fast alles gegen sie gelaufen war und sich grotesk bestätigte, was Kroatiens Trainer schon vor dem Endspiel gesagt hatte: "Diese WM ist seltsam."

Dalic, erst seit Oktober 2017 im Amt und dennoch Autor des kroatischen WM-Märchens, gab später zu: "Nach dem vierten Tor habe ich gedacht, es ist jetzt schwierig, noch ein Comeback von meinen Spielern gegen einen solchen Topgegner zu erwarten."

06ced4f46dc067c2d5ce06b9c4a322ad.jpg

"Diese WM ist seltsam", hatte Trainer Dalic vor dem Endspiel gesagt.

(Foto: REUTERS)

Das vierte französische Tor war in der 65. Minute gefallen. Ein flacher 22-Meter-Schuss von Kylian Mbappe, der Kroatiens Keeper Danijel Subasic auf dem falschen Fuß erwischte. 4:1 für den Favoriten, ebenso deutlich wie in dieser Höhe unverdient. Und während ihrem Trainer an der Seitenlinie die Hoffnung schwand, schenkten sich seine Spieler noch einmal neue. Sie liefen und spielten einfach weiter, erzwangen nur vier Minuten später durch Mario Mandzukic einen kapitalen Torwartfehler und damit das 2:4. Es fehlten immer noch zwei Tore gegen die Franzosen von Didier Deschamps, die irritierend und souverän zugleich durchs Turnier gewalzt waren. Aber durchs Stadion schwappte plötzlich das Gefühl: Geht doch noch etwas? Es ging dann doch nichts mehr, es sollte nicht sein. Das kroatische WM-Glück war aufgebraucht und das französische unerschöpflich.

"Wir hatten mehr verdient"

Aber allein das Gefühl dürfen die Kroaten als riesiges Kompliment mit nach Hause nehmen für ein famoses Turnier, in dem sie ihr Heimatland mit seinen nur 4,2 Millionen Einwohner zum kleinsten Finalteilnehmerland seit Uruguay (3,2 Millionen Einwohner) 1950 gemacht und mit Platz zwei die goldene Generation der WM-Dritten von 1998 übertroffen hatten. Auch deshalb bezeichnet Dalic die WM für Kroatien schlicht als "großartig", aber nicht nur deshalb. In allen drei K.-o.-Spielen hatten die Kroaten zurückgelegen, dreimal hatten sie das Blatt noch gewendet, dreimal gingen sie in die Verlängerung, zuletzt im Halbfinale gegen England. Und zweimal, im Achtelfinale gegen Dänemark und im Viertelfinale gegen Russland, triumphierten sie im Elfmeterschießen.

3946d34acebbe077b82efb26fdfb4944.jpg

Den Goldenen Ball, die Auszeichnung als bester Spieler des Turniers, nahm Luka Modric emotionslos entgegen. Kylian Mbappé freute sich schon etwas mehr, als bester Nachwuchsmann geehrt worden zu sein.

(Foto: dpa)

Diesmal triumphierte Kroatien nicht, obwohl das Team seine beste Leistung in der K.-o.-Phase zeigte und sich mehr Fußball zutraute als die Franzosen, von Beginn an. "Ich denke, wir hatten mehr verdient", sagte Kapitän Luka Modric nach dem Spiel, "aber nicht immer siegt das beste Team". Der verdiente Goldene Ball für den besten Spieler der WM schien kein Trost für den 32-Jährigen, den Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic bei der Siegerehrung im Platzregen ausgiebig herzte. Die individuelle Auszeichnung schien Modric nichts zu bedeuten, er nahm sie nach dem verpassten kollektiven Triumph emotionslos hin.

Sein Trainer war nach dem Schlusspfiff des Finales sofort zu seinem Kollegen Deschamps gegangen und hatte ihm gratuliert. Dalic mochte nicht damit hadern, dass dem französischen 1:0 per kroatischem Eigentor durch Mandzukic eine klare Schwalbe des Franzosen Antoine Griezmann vorausgegangen war, die der argentinische Schiedsrichter Nestor Pitana übersehen hatte. Dass Frankreichs zweite Torannäherung nach Videobeweis und quälenden Minuten zu einem diskutablen Handelfmeter für Frankreich führte, den Griezmann mit dem einzigen Torschuss der Franzosen vor der Pause zur 2:1-Halbzeitführung verwandelte, die das kroatische Fußballherz anknackste.

70defb628daafbb5f0726b24dc72106b.jpg

Staatspräsidentin Grabar-Kitarovic herzte den Star der Kroaten ausgiebig.

(Foto: dpa)

"In einem WM-Finale gibst du nicht so einen Elfmeter", stellte Dalic zwar klar. Als Kritik an Referee und Videobeweis wollte er das nicht verstanden wissen, das betonte er mehrfach. Seine Mannschaft habe im Verlaufe des Turniers auch einige Male Glück gehabt: "Heute hatten wir es nicht." Im Moment der größten kroatischen Niederlage zeigte Dalic wie die Fans echte Größe. Und Größe war es auch, die Kroatien trotz des grotesken WM-Endes in Russland gewann.

"Du musst daran glauben"

Während kurz nach dem Abpfiff französische Trainer durch die Luft wirbelten und Freudentränen kullerten, versammelte Dalic sein geschlagenes Team zu einem Kreis: "Ich habe ihnen gesagt: Kopf hoch, Männer. Es gibt keinen Grund, traurig sein zu sein. Wir haben alles gegeben." Als die Kreisansprache überlebensgroß über die Videoleinwände flimmerte, ließen der Jubel und der Stolz der kroatischen Fans das Luschniki-Stadion noch einmal beben. Die fast 40 Minuten, die der Fußball-Weltverband Fifa mysteriöserweise bis zur Siegerehrung verstreichen ließ, überbrückten die Kroaten unter anderem mit einem improvisierten Mannschaftsfoto auf dem Platz. Alle sollten mit drauf, Spieler, Trainer, Betreuer, Sekretärinnen, während die Fans auf der Tribüne gegen die dröhnende Discomusik im Stadion ansangen.

"Du musst daran glauben, dass es möglich ist", sagte Dalic, als er auf der Pressekonferenz nach seiner Botschaft für andere kleine Länder gefragt wurde, die nach Kroatiens WM-Wunder nun Mut schöpfen. Damit ein kleines Land eine WM gewinnen könne, "müssten viele Dinge ineinandergreifen". Aber: "Zuallererst musst du träumen, musst du Ambitionen haben und sie verfolgen. Dann werden sie vielleicht wahr." Kroatien hatte geträumt, gekämpft und gespielt, durch Ivan Perisics Ausgleich zum 1:1 sogar das schönste Tor des Endspiels geschossen. Nur gewonnen hatte Frankreich.

Dass just mit dem Überreichen der Silbermedaillen ein gewaltiger Platzregen über dem Stadion niederging und nur Russlands Präsident Wladimir Putin einen Schirm gereicht bekam, schenkte dem Spiel die angemessen denkwürdigen Bilder. Das Wetter hatte zuvor schon ähnliche Kapriolen wie der Spielverlauf geschlagen. Nach Frankreichs Duselführung zum 1:0 war ein erster Regenschauer unüberhörbar auf Rasen und Stadiondach geprasselt. Vor Frankreichs Elfmeter zum 2:1 donnerte es gewaltig über dem Luschniki. Bei der Siegerehrung standen alle im Regen.

Quelle: n-tv.de