Fußball-WM 2018

Gündogan, Özil und Fußball Löw reist mit vielen Problemen zur WM

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Löw und seine Assistenten sehen im Test nicht viel Erfreuliches.

(Foto: imago/Michael Weber)

Es soll ein Stimmungsmacher für die Fußball-WM werden, es wird eine Fast-Blamage mit bösen Pfiffen: Nach dem Test gegen Saudi-Arabien reist die DFB-Elf mit mehr Problemen als ihr lieb ist nach Russland.

Nach der Mini-Schmach von Österreich hatte sich Bundestrainer Joachim Löw am vergangenen Samstag eine Zigarette gegönnt. In kleiner Runde stand er mit ein paar Journalisten aus dem Nachbarland zusammen. Er lobte höflich und witzelte nach dem fünften Spiel ohne Erfolg. "Vielleicht gelingt uns gegen Saudi-Arabien ja ein knapper Sieg." Spitze Ironie, die eine Woche später bittersüße Realität ist. Denn in der mit 30.210 Zuschauern ausverkauften BayArena in Leverkusen rumpelte sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft tatsächlich nur zu einem am Ende auch noch wackeligen 2:1 (2:0)-Erfolg gegen den turmhohen, aber überraschend agilen Außenseiter. Und so versenkte der Bundestrainer fortan jegliche Lockerheit im Rhein und analysierte emotionslos: "Um es auf den Punkt zu bringen: Wir haben selbst zu viele Chancen aus- und dem Gegner zugelassen."

Die Aufstellungen

Deutschland: Neuer - Kimmich, J. Boateng, Hummels, J. Hector - Khedira, T. Kroos - T. Müller, Reus, Draxler - Ti. Werner

Saudi-Arabien: Al-Mayouf - Al-Shahrani, Os. Hawsawi, Om. Hawsawi, Al-Harbi - Otayf, Al-Jassim - Al-Faraj, Al-Shehri, Al-Dawsari - Al-Muwallad

Tore: 1:0 Ti. Werner(8.), 2:0 Hawsawi ET (43.), 2:1 Al-Jassim (84.)

Wechsel: ter Stegen für Neuer (46.), Süle für J. Boateng (46.), Gündogan für Reus (57.), Gomez für Ti. Werner (62.), Brandt für T. Müller (74.), Ginter für Kimmich (81.) - Al-Breik für Al-Harbi (46.), Al-Sahlawi für Al-Muwallad (62.), Al-Mogahwi für Otayf (75.), Al-Bulaihi für Os. Hawsawi (82.), Bahebri für Al-Dawsari (87.), Abdullah Al-Khaibari für Al-Faraj (90.)

Zuschauer: 30210 (BayArena Leverkusen)

Schiedsrichter: Slavko Vincic (Slowenien)

Nach Plaudern war Löw nach dem Schlusspfiff wahrlich nicht. Professionell handelte er das Protokoll ab, beantwortete alle Fragen der Journalisten, kündigte zweieinhalb Tage zum Kopf frei bekommen an und verschwand in den Katakomben der Arena. Nicht aber ohne zuvor auch einen kurzen Einblick in seine Gedanken gewährt zu haben. Die drehten sich trotz der müden, uninspirierten Vorstellung seiner vermeintlichen WM-Topelf weniger ums Sportliche als ums Menschliche. Sie drehten sich um den Umgang der Fans mit Ilkay Gündogan. Den schickte der Bundestrainer in der 57. Minute für den starken Marco Reus auf den Rasen, begleitet von einem fortwährenden, wütenden Kollektiv-Gepfeife. Die paar aufmunternden Rufe für den Mittelfeldspieler von Manchester City, der mit Mesut Özil wegen der Foto-Affäre mit Recep Tayyip Erdoğan heftig in der Kritik steht, gingen kläglich unter.

"Da muss er jetzt durch"

"Die Pfiffe", erklärte Löw "haben geschmerzt. Wenn ein Nationalspieler so ausgepfiffen wird, dann gefällt mir das nicht. Und ich kann es auch nur schwer nachvollziehen. Ilkay hat sich mehrfach den Medien gestellt und erklärt, dass er die deutschen Werte lebt, sich voll mit ihnen identifiziert und sie verkörpert. Irgendwann muss auch mal gut sein." Das findet auch Team-Manager Oliver Bierhoff. Auf Fragen von ARD-Moderator Alexander Bommes reagierte er auf dem Testspiel genervt. "Ihr beendet es doch nicht. Ihr bringt es jeden Tag wieder, weil ihr keine Themen habt. Mein Ratschlag ist: Redet nicht mehr darüber, konzentriert euch auf den Sport." Ob das klappt? Nächsten Sonntag jedenfalls gibt's den Ernstfall, wenn die DFB-Elf ihr WM-Auftaktspiel gegen Mexiko bestreitet (17 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). "Ich weiß nicht, was da passiert. Ich weiß nur, dass Ilkay derzeit sehr geknickt ist. Da muss er jetzt durch", sagte der Bundestrainer. "Aber wir werden ihn unterstützen."

Fraglich ist, inwieweit das auch für Mesut Özil gilt. Der Spielmacher des FC Arsenal fehlte gegen Saudi-Arabien verletzt. Neben Rücken- hatte er auch noch Knieprobleme. Im Stadion war er dennoch. Lange Zeit nicht wahrnehmbar allerdings, bis er sich kurz in der Mixed Zone blicken ließ, wo die Fußballer normalerweise mit den Journalisten reden. Özil sprach aber erneut nicht. Beim DFB ist man vom beharrlichen Schweigen des 29-Jährigen nicht begeistert. Bekannte Konsequenzen für den Spieler gibt’s bislang aber auch nicht. Zu wichtig scheint nach wie vor die Rolle des Kreativspielers im Team – auch wenn er in Leverkusen vom aufgedrehten Reus überragend vertreten wurde. "Ich habe Marco sehr, sehr gut gesehen. Er hatte wahnsinnig gute Laufwege", urteilte Löw.

Problemstelle Außenverteidiger?

Reus fügte sich in seinem 31. Länderspiel tatsächlich nahtlos in die frühe Kombinationswut der Deutschen ein. Nach einem Boateng'schen Diagonalpass von Joshua Kimmich verarbeitete Reus den Ball direkt weiter als perfekte Vorlage für das 1:0 durch Timo Werner (8.). Drei Minuten später hämmerte der Dortmunder den Ball aus 18 Metern an den Pfosten. Es war ein ganz starker Auftakt, der die Saudis womöglich an das 0:8-Debakel bei der WM vor 16 Jahren erinnerte. Aber die Wucht der DFB-Elf verkümmerte schnell. Weil Thomas Müller rechts neben Reus trotz maßgeblicher Beteiligung am 2:0 durch Osama Hawsawi (43./Eigentor) einen Ancelotti-Rückfall erlitt und Julian Draxler links gefühlt nur einen seiner Akkord-Übersteiger am Gegner vorbeibrachte. Vorteil Özil. In sportlicher Abwesenheit.

Mit den Problemen in der DFB-Elf ist's damit aber nicht genug. Lassen sich das lethargische Gebaren von Pass-Maschine Toni Kroos noch mit Champions-League-Müdigkeit oder seiner Unlust an Testspielen erklären und die Unsicherheiten von Jérôme Boateng auf mangelnde Spielpraxis nach Verletzung schieben, wird die immer konsequentere Positions-Abwesenheit der Außenverteidiger Kimmich und Jonas Hector den Bundestrainer in seinen freien Tagen sicher intensiv beschäftigen – auch wenn er sich um Tiefenentspannung bemüht: "Wir werden uns weiter steigern und wenn das Turnier losgeht, werden wir da sein." Und mit seinen Prognosen liegt Löw ja derzeit nicht so falsch.

Quelle: n-tv.de