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Zwischenruf Hooligans als Speerspitzen

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Hooligans forderten beim Spiel Polens gegen Russland die Polizei heraus.

(Foto: picture alliance / dpa)

Natürlich sind nicht alle polnischen und russischen Fans bei der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine Hooligans. Auch ist die Gewalttätigkeit Einzelner keineswegs repräsentativ für „die“ Polen oder „die“ Russen. Aber die Aggressivität inner- und außerhalb des Nationalstadions vor und nach der Begegnung in Warschau ist der extreme Ausdruck eines tiefen Misstrauens zwischen beiden Völkern, das von den Herrschenden beider Seiten über die Jahrhunderte immer wieder aufs Neue geschürt wurde.

Dieses Misstrauen reicht weit in die Geschichte zurück und beginnt mit dem gegensätzlichen Konfessionsbekenntnis der beiden slawischen Völker. Die Kiewer Rus, aus der Russland, Belarus und die Ukraine, entstanden, wandte sich gegen Ende des 10. Jahrhunderts unter dem Fürsten Wladimir der byzantinischen Orthodoxie zu. Nur wenige Jahre zuvor hatte sich der Polanenfürst Mieszko I. römisch-katholisch taufen lassen. Das entstehende Polen drängte, aus dem Westen getrieben vom Deutschen Ritterorden, nach Osten in die Rus. Anfang des 17. Jahrhunderts schließlich eroberte der polnisch-litauische König Sigismund III. Wasa sogar Moskau und besetzte mit seinen Truppen weite Teile des Moskowiter Reichs.

Parallel zum Zerfall des polnischen Königtums im 18. Jahrhundert, begann die deutschstämmige Zarin Katharina II. mit der Westexpansion. Mit den drei polnischen Teilungen und die Festschreibung der Eroberungen auf dem Wiener Kongress 1815 wurde die russische Herrschaft über erhebliche Teile Polens bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zementiert.

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Manfred Bleskin.

Der im Jahr 1920 gescheiterte Versuch der russischen Revolutionäre, auch in Polen die Sowjetmacht zu errichten, verlieh dem gespannten Verhältnis zwischen beiden Staaten neuen Auftrieb. Der Hitler-Stalin-Pakt und die Ermordung von 25.000 Angehörigen der politischen und militärischen Elite durch das sowjetische Innenministerium (NKWD), für die der Ort Katyn nur ein Symbol ist, trugen dazu bei, die Gräben beständig weiter zu vertiefen. Die Einmischung Stalins ging so weit, dass er sogar die Kommunistische Partei Polens auflösen und deren Führung im Zuge der „Säuberungen“ in den dreißiger Jahren ermorden ließ. Nachdem beide Staaten nach 1945 zu Verbündeten wurden, dauerte die sowjetische Einmischung in die inneren Angelegenheiten Polens, obwohl nunmehr Volksrepublik, an. Erinnert sei nur an die von Moskau betriebene Absetzung und Inhaftierung von W?adys?aw Gomu?ka als Chef der KP-Nachfolgeparteien PPR, dann PZPR. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Das 1997 der NATO beigetretene Polen lässt nichts unversucht, seinen Einfluss in Weißrussland und der Ukraine zu erweitern, was Russland als Einmischung in seine Interessensphäre betrachtet. Der Absturz des Präsidentenflugzeugs mit Staatschef Lech Kaczy?ski vor zwei Jahren auf dem Wege zur Gedenkstätte Katyn bei Smolensk lässt die Emotionen bis auf den Tag hochkochen.

Versuche des liberalen polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk und seines russischen Kollegen Dmitri Medwedew, die Beziehungen zu entspannen, verliefen nicht zuletzt wegen der Beteiligung Polens am US-Raketenschirm im Sande.

Vor diesem Hintergrund sind während der EM neuerliche Zusammenstöße nicht auszuschließen. Die Randale von Warschau belasten zwangsläufig auch die künftigen Beziehungen zwischen Polen und Russland. Dies umso mehr, als der russische Präsident Wladimir Putin den postsowjetischen Nationalismus als konstitutives Element seiner Außenpolitik betrachtet. Polens politische und militärische Elite ihrerseits nutzt ihre unverändert harte Haltung gegenüber Moskau als Mittel zur Stärkung ihres Einflusses in EU und NATO. Entspannung bleibt ein fernes Ziel.

Quelle: n-tv.de

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