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Ohne Kuranyi zur WM Löw bleibt sich treu

Deutschland muss bei der WM in Südafrika ohne den besten Kevin Kuranyi aller Zeiten auskommen. Joachim Löw will es so. Für Kuranyi bricht damit eine Welt zusammen, aus Sicht des Bundestrainers ist die Entscheidung richtig. Und sie ist sogar verständlich - nur kommt sie viel zu spät.

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Kevin Kuranyi fährt nicht zur WM und ist darüber "sehr traurig" - zu Recht.

(Foto: dpa)

Die Frage aller Fragen, sie ist beantwortet. Nach konspirativen Klausurtagungen in München und im Schwarzwald hat Bundestrainer Joachim Löw entschieden bekanntzugeben: Kevin Kuranyi, der aktuell zweitbeste deutsche Angreifer, wird in Südafrika nicht für die DFB-Elf stürmen.

Rein sportlich betrachtet ist die Entscheidung mit Blick auf die Form von Kuranyis Sturmkonkurrenten fahrlässig, der empörte Aufschrei der deutschen Fußball-Stammtische wird bis nach Kapstadt zu hören sein. Rein menschlich betrachtet ist die viel zu späte Entscheidung ein Zeugnis schlechter Personalführung. Nach Wochen, in denen die Nationalmannschaftsleitung den Schalker und die Öffentlichkeit mit schwammigen und lauwarmen Worten auf ein Comeback hoffen ließ, ist Kuranyi vollkommen zu Recht "sehr traurig" über seine Nichtberücksichtigung.

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Bundestrainer Joachim Löw plant die Weltmeisterschaft ohne Kuranyi - das ist sein gutes Recht.

(Foto: dpa)

Aus Sicht des Bundestrainers ist der Verzicht auf Kuranyi hingegen nur konsequent - und deshalb zu begrüßen. Und das nicht etwa, weil Löw nach Kuranyis Stadionflucht im Oktober 2008 eine Rückkehr des Schalkers ins Nationalteam für immer und ewig ausgeschlossen hatte und er bei einer Begnadigung wie Berti Vogts als "Umfaller" in die deutschen Fußball-Annalen eingegangen wäre. Es wäre für Löw ein Leichtes gewesen, nach den zahllosen öffentlichen Gnadengesuchen für Kuranyi über eine der goldenen Brücken zu gehen und damit, ganz nebenbei, sein seit den gescheiterten Vertragsverhandlungen ramponiertes Image aufzupolieren.

Kuranyi vs. die unantastbaren Drei

Richtig ist die Entscheidung deshalb, weil - so simpel kann Fußball sein - für Kuranyi in der Nationalmannschaft unter Löw einfach keine Planstelle frei ist. Seit dem EM-Viertelfinale 2008 gegen Portugal hat Löw in wichtigen Länderspielen stets auf ein 4-2-3-1-System gesetzt. Wenn er Kuranyis Nichtberücksichtigung nun damit begründet, dass der "taktisch und personell" nicht ins WM-Konzept passe, dann ist das nicht nur eine bequeme Ausrede. Es ist auch Beleg dafür, dass Löw für die WM weiterhin mit der erprobten und erfolgreichen Doppelsechs im Mittelfeld und nur einem zentralen Stürmer plant. Ein Spielsystem, in dem Löw schon vor dem "disziplinarischen Vorfall im Oktober 2008" wenig Verwendung für den Schalker hatte – und das deshalb auch entscheidend zum "disziplinarischen Vorfall im Oktober 2008" beigetragen hat.

Pech für den besten Kuranyi aller Zeiten ist zudem, dass auch Stefan Kießling die Saison seines Lebens spielt und drei Tore mehr erzielt hat als der Schalker. Der international unerfahrene, aber pflegeleichte Leverkusener ist deshalb erster Anwärter auf den Platz hinter Miroslav Klose und Mario Gomez, an denen Löw wie auch an Lukas Podolski in Nibelungentreue festhält. Bei einer erneuten Nominierung des Schalkers hätten Löw vier weitgehend identisch spielende Stürmer für eine einzige Planstelle zur Verfügung gestanden. Viel zuviel Frustpotenzial für einen Bundestrainer, bei dem 1.) "Teamwork und Teamgeist ganz oben stehen", der 2.) zwar öffentlich gern das Leistungsprinzip propagiert, es bei der Berufung ins Nationalteam aber ungern anwendet und der 3.) in dem als WM-Bankdrücker potentiell erneut renitenten Kevin Kuranyi nicht den Retter von Fußball-Deutschland erkennen mag.

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Die Unantastbaren: Für Miroslav Klose und Lukas Podolski setzt Löw in der Nationalelf konsequent das Leistungsprinzip aus.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Sehr traurig" (Kuranyi) aber wahr ist: Unter Löw hat sich vor allem der DFB-Angriff zum Sanatorium für Nationalstürmer entwickelt, die im Verein von Reservistendasein und Torschusspanik gebeutelt werden. Oder wie Lukas Podolski im Nationaltrikot dringend überschüssige Aggressionen abbauen müssen, an Mitspielern und ungestraft. Das darf man aus Sicht von Kevin Kuranyi bedauern. Wahr ist aber auch: Der Erfolg gibt Löw bislang Recht.

Quelle: n-tv.de

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