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Sieben Bayern, wenig Mut Löw bleibt sich treu, leider

Mit einem Bayern-Block fährt Fußball-Deutschland zur WM nach Südafrika. Ansonsten lässt Bundestrainer Löw viele Fragen offen, etwa: Wer ist die neue Nr. 1 im Tor? Und warum um Himmels Willen steht Piotr Trochowski im Kader?

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Der große Zauderer: Joachim Löw hat allen Mut für die Nichtberücksichtigung von Kevin Kuranyi aufgebraucht.

(Foto: dpa)

Schöne Bescherung! Der vorläufige WM-Kader für das Turnier in Südafrika steht, Bundestrainer Joachim Löw hat entschieden – festgelegt hat er sich nicht. Allzu großen Mut bei der Personalwahl muss sich Löw auch nicht vorwerfen lassen, Überraschungen sind ausgeblieben. Das freilich war vom großen Zauderer, der modernen Fußball predigt und ultrakonservativ nominiert, nicht anders zu erwarten. Seine Auswahl hat dennoch ein Geschmäckle, wenngleich Löw gesteigerten Wert auf die Feststellung legt: "Wir haben uns sehr akribisch und gewissenhaft die Spiele angeschaut und analysiert. Darum haben wir jetzt ein gutes Gefühl."

Schließlich hat Löw bei der Bekanntgabe seiner 23-köpfigen WM-Truppe inklusive vier Streichkandidaten mit angemessenem Pathos auch verkündet: "Wir repräsentieren 80 Millionen Deutsche im Ausland." Man darf nun allerdings bezweifeln, dass sich die Mehrzahl der 80 Millionen Deutschen von den Auserkorenen anständig vertreten fühlt. Nicht, weil es in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer mit mindestens 80 Millionen Meinungen gibt. Nicht, weil Löw nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen mit dem DFB trotz unbestreitbarer Erfolge öffentlich ohnehin schlecht gelitten ist. Und auch nicht, weil die vertretbare Nichtberücksichtigung von Schalke-Stürmer Kevin Kuranyi die Fußballnation schon vor der Kadernominierung gespalten hat.

Windelweiche Wahl

Sondern deshalb, weil die teils windelweichen Begründungen für seine Personalwahl die wohlklingende Behauptung, "akribisch und gewissenhaft" auserwählt zu haben, teilweise ad absurdum führen. Stuttgarts Sami Khedira ist beispielsweise unter anderem deshalb dabei, weil er nach Verletzungen schnell wieder sein Leistungsniveau erreicht. Sehr wichtig für eine WM. Für Bayerns Holger Badstuber spricht laut Löw, dass er in allen wichtigen Saisonspielen Leistung gebracht und Ruhe ausgestrahlt hat. Stellt sich die Frage, was Löw an jenem Abend gemacht hat, als Manchesters Antonio Valencia dem Bayern-Youngster im Old Trafford Knoten in die Beine spielte.

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Holger Badstuber: talentiert - und Bayern-Profi.

(Foto: dpa)

Neben der unerschütterlichen Männerfreundschaft zu Piotr Trochowski ist die Nominierung von Badstuber am wenigsten nachzuvollziehen, wenn man sich die verfügbaren Alternativen anschaut. Und das natürlich nicht, weil er gegen Manchester ausnahmsweise so gespielt hat, wie ein 20-Jähriger in seiner ersten Profisaison eben manchmal spielt. Sondern deshalb, weil Badstuber erst am 24. Mai zur Nationalmannschaft stoßen kann und daher kaum Zeit zur Eingewöhnung hat. Und weil es für den Münchner Newcomer – im Gegensatz etwa zu Hamburgs Defensiv-Allrounder Dennis Aogo – mit den U21-Europameistern Benedikt Höwedes (Schalke) und Mats Hummels (Dortmund) nicht minder talentierte, aber erfahrenere Spieler gegeben hätte. Löws Behauptung, Qualität sei das Kriterium für die Nominierung gewesen, nicht die Zahl der Länderspiele, ist für beide ein Schlag ins Gesicht.

Sie wird auch dadurch widerlegt, dass Hamburgs Trochowski mit dabei ist. Er darf sich scheinbar zu Gute halten, ausgeruht zur Nationalmannschaft zu stoßen und nach 0 Einsatzminuten bei der EM 2008 nicht öffentlich gemosert zu haben. Wolfsburgs Christian Gentner oder Bremens Aaron Hunt wären dennoch die bessere Wahl gewesen.

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Aber: Löw hatte auch gute Nachrichten.

(Foto: dpa)

Immerhin: In Stuttgart wurden auch gute Nachrichten verkündet.

Die erste: Die Fußballnation weiß nun offiziell, was die "Bild"-Zeitung schon gestern als Fakt vermeldet hatte: Bayern-Torwart Jörg Butt fährt nach einer "seriösen und abgeklärten Saison" als dritter Keeper mit nach Südafrika. Ob Butt auch die Nr. 3 sein wird, oder vielleicht sogar im Tor steht, weiß niemand. Löw mochte sich, wieder einmal, nicht entscheiden. Ausgeschlossen scheint eine Beförderung des Bayern-Oldies keineswegs, mit drei Länderspieleinsätzen ist er schließlich der erfahrenste Keeper im WM-Kader. Sicher ist nur: Eine Neuauflage des albernen Vierkampfes um den Platz im WM-Tor, den Löw 2009 ausgerufen hatte, wird es nicht geben. Es sind ja nur drei Torhüter nominiert.

Die zweite gute Nachricht ist: Jens Lehmann bleibt Ruheständler.

Die dritte gute Nachricht: Robert Huth wird nicht reaktiviert. Der kantige Innenverteidiger von Stoke City hat Löw beim 0:7 gegen Chelsea London offenbar nicht nachhaltig von seinen Qualitäten überzeugen können

Die vierte gute Nachricht: "Sportsmann Hitzlsperger" (Zitat DFB), das einzige prominente Opfer, hegt keinen Groll gegen die Nationalmannschaft. Per SMS ließ er wissen: "Ich drücke dem Team in Südafrika fest die Daumen."

Die fünfte gute Nachricht, zumindest aus Schalker Sicht: Benedikt Höwedes bleibt im Gegensatz zum Dortmunder Mats Hummels die Schmach erspart, als Perspektivspieler im Länderspiel gegen Fußball-Gigant Malta zusammen mit den erwartungsfrohen WM-Fahrern auflaufen zu müssen.

Die sechste gute Nachricht: Löw hat von sich aus eingesehen, dass er David Alaba (Österreich) nicht nominieren kann.

Die siebte gute Nachricht, zumindest für Deutschlands Fußballchronisten: Das DFB-Team fährt mit einem Bayern-Block ans Kap der Guten Hoffnung. In der Hoffnung, mit Münchner Hilfe wie 1974 und 1990 zum großen Wurf ausholen zu können.

Unsere Statistikfreunde müssten allerdings wissen: Ohne einen Frankfurter im WM-Kader wird es eh nichts mit dem Titel. Schöne Bescherung.

Quelle: ntv.de

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