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Fehler einsehen, weitermachen Silvia Neid muss bleiben

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Silvia Neid hat Fehler gemacht: Gesteht sie sich die ein und analysiert sie, spricht nichts gegen ihren Verbleib auf der Bundestrainerbank.

(Foto: dpa)

Mitspielen dürfen die deutschen Frauen nicht mehr bei ihrer Heim-WM. Das ist ein Schock und stellt auch Bundestrainerin Silvia Neid in Frage. Die wirkt wie eine Frau, die die Fußballwelt nicht mehr versteht. Dabei muss sie nur einsehen, dass bei einem Turnier nie die Mannschaft allein scheitert.

Silvia Neid wirkt wie eine Frau, die die Welt nicht mehr versteht. Und je mehr sie redet, desto mehr verdichtet sich der Eindruck, dass sie das auch gar nicht will. "Im Januar wurde ich noch als Welttrainerin ausgezeichnet, und jetzt soll ich alles verlernt haben? Das kann eigentlich nicht sein", klagte sie jetzt im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung". Was ist bloß passiert?

Silvia Neid trainiert die deutschen Fußballerinnen. Und mit großem Erfolg. Nur bei dieser Weltmeisterschaft hat es nicht so geklappt, wie alle sich das vorgestellt hatten. Die DFB-Elf unterlag im Viertelfinale den Japanerinnen, der Titelverteidiger flog völlig überraschend raus und das Turnier in Deutschland findet jetzt ohne Deutschland statt. Brauchen Sie noch Halbfinalkarten? Kein Problem!

Und wie das so ist, läuft nun die Suche nach der Schuldigen. Das ist nicht Silvia Neid allein, dafür haben auch andere zu viele Fehler gemacht. Nicht zuletzt die Spielerinnen, die, wie es scheint, dem enormen Erwartungsdruck nicht gewachsen waren. Und, so wie gegen Japan, aus einigen Torchancen kein Tor gemacht haben.

An Besserwisserei grenzender Sarkasmus

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Besserwisserei statt Selbstkritik: Neid fehlt es an Einsicht, noch.

(Foto: dpa)

So ist Fußball. Sagt auch Silvia Neid – und schränkt gleich wieder ein: "Aber hätten wir eine unserer Chancen gegen Japan verwertet, hätten wir die Diskussion jetzt nicht. Dann wäre Friede, Freude, Eierkuchen – und alles wäre richtig gewesen." Das mag stimmen, trifft aber den Kern nicht. Sie macht es sich zu einfach. Sie ist die Trainerin, sie hat die Mannschaft zusammengestellt und seit März auf die WM vorbereitet. Sie trägt die Verantwortung. Doch: Kein Wort zu ihren eigenen Fehlern, stattdessen an Besserwisserei grenzender Sarkasmus. Schließlich könne sie ja den Ball nicht selbst in den Strafraum tragen, hatte sie nach dem Viertelfinale gesagt. Das ist nicht gut.

Und vielleicht ist es so, wie sie es der "SZ" sagte: "Von außen sind Entscheidungen, auch meine, nicht immer nachvollziehbar, weil man nicht weiß, auf welcher Grundlage diese Entscheidungen getroffen wurden." Das kann aber nicht heißen, dass sich ihre Entscheidungen jeglicher Kritik entziehen. Um zu bemängeln, was falsch gelaufen ist, muss man weder in der Kabine dabei gewesen sein noch selbst Fußballtrainer. Man muss ja auch nicht Schreiner sein, um zu sehen, dass der Tisch nur drei Beine hat.

Silvia Neid hat Fehler gemacht. Taktisch, in der Personalführung, in der Außendarstellung. Die deutschen Spielerinnen haben es im Viertelfinale nicht geschafft, flexibel zu reagieren, als sie merkten, dass den gut organisierten Japanerinnen allein mit hohen Flanken in den Strafraum nicht beizukommen ist. Silvia Neids erratische Auswechslungen haben dem Team nicht geholfen. Es spielte, statt auf Kombinationsfußball zu setzen, 120 lange Minuten antiquiert, hölzern, ideenarm und hilflos.

Ein wenig Selbstkritik wäre der Sache dienlich

Zudem ist es ihr nicht gelungen, ihre Mannschaft auf das vorzubereiten, was sie bei einer WM im eigenen Land erwartet: 73.676 Zuschauer beim 2:1 im Eröffnungsspiel gegen Kanada in Berlin. Europarekord! 48.817 beim 1:0 gegen Nigeria in Frankfurt. Hier schlägt das Herz des Frauenfußballs! 45.687 beim wilden 4:2 gegen Frankreich im letzten Vorrundenspiel in Mönchengladbach. Die WM hat endgültig begonnen! Und doch blieb ein Beigeschmack. Die deutschen Spielerinnen schauten in die Welt hinaus und wunderten sich, was um sie herum passiert. Und was macht die Trainerin? Verkündet öffentlich, dass ihre Spielerinnen mit dem Druck nicht fertig würden.

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Nicht nur mit der Personalie Personalie Birgit Prinz hat sich Neid angreifbar gemacht.

(Foto: dapd)

Auch im Umgang mit ihrer Kapitänin Birgit Prinz zeigte die Bundestrainerin wenig Geschick. Prompt beherrschte das Thema tagelang die Schlagzeilen. Und das sie öffentlich Fatmire Bajramaj die WM-Form absprach und nach dem Viertelfinale die erst 20 Jahre alte Stürmerin Alexandra Popp kritisierte, war in der Endabrechnung kontraproduktiv. Kurzum: Es lief nicht alles prima. Jetzt wird es nur Zeit, dass Silvia Neid es zugibt. Das wäre der Sache dienlich. Und eine gute Grundlage für ihre weitere Arbeit als Bundestrainerin.

Fehler passieren. Und Silvia Neid ist nicht die erste Trainerin, die welche macht. Die Niederlage gegen Japan war bitter, ist aber kein Grund, ihre Entlassung zu fordern. Sie hat nämlich auch ziemlich viel richtig gemacht, seit sie im Juli 2005 das deutsche Team als Cheftrainerin übernommen hat. Die Pleite gegen Japan war die erste Niederlage bei einer WM oder Europameisterschaft. 14 Siege gab es davor, ein Unentschieden. Deutschland wurde mit Silvia Neid an der Spitze Weltmeisterin und Europameisterin, gewann außerdem Olympia-Bronze.

Und sie hat ja auch Recht, wenn sie sagt, dass jetzt nicht alles falsch sein kann, was bisher richtig war. Ist es ja auch nicht. Die Bundestrainerin muss nur begreifen und anerkennen, worum es in der "Neid-Debatte" wirklich geht. Und dann bleiben.

Quelle: n-tv.de

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