Lebensgefährlicher Weight CutSchwitzen bis der Notarzt kommt - und dann geht's ums Geld
Mit Saunagängen und Salzbädern versuchen MMA-Profis ihr Kampfgewicht zu erreichen, nur um einen kleinen Gewichtsvorteil zu haben. Der extreme Wasserverlust setzt dem Körper enorm zu. Ein Vorfall in München zeigt die Risiken dieser Prozedur. Spannend ist auch, was dann hinter den Kulissen passiert.
In Mixed Martial Arts zählt jedes Gramm. Das Gewicht spielt eine enorme Rolle und das offizielle Wiegen wird zum Moment der Wahrheit für die Kämpfer, es entscheidet darüber, ob das Duell im Käfig stattfindet oder nicht. Um das Zielgewicht zu erreichen, halten die Athleten wochenlang eine strikte Diät und lassen in den letzten Tagen vor dem Kampf drastische Abnehmprozeduren über sich ergehen, die gesundheitlich schädlich sind. Was dabei schiefgehen kann, zeigt der Fall Tomas Mudroch bei der bevorstehenden Veranstaltung Oktagon 71 (Samstag, 17. Mai ab 17.30 Uhr auf RTL+) in München. Der Tscheche muss das Gewichtmachen wegen gravierenden Rückenschmerzen nach ärztlicher Anweisung abbrechen.
Es sind für ein MMA-Event seltene und daher dramatische Momente: Als der offizielle Ringarzt, Panagiotis Karachalios, das Zimmer des tschechischen Kämpfers betritt, liegt dieser auf dem Boden, vor Schmerzen schreiend. Das Trainerteam erklärt, Mudroch habe Rückenschmerzen, richtig überzeugt davon ist der seit Jahren mit dem Prozess des Gewichtmachens vertraute Orthopäde nicht. Er glaubt, dass die Schmerzen von der Niere ausstrahlen. Entsprechend wenig kann er unternehmen. Der Kämpfer bekommt Schmerzmittel und soll beginnen, wieder Flüssigkeit zu sich zu nehmen.
Mit Saunagängen, Wärmedecken und Salzbädern versuchen MMA-Profis ihr Kampfgewicht zu erreichen, nur um einen kleinen Gewichtsvorteil ihrem Kontrahenten gegenüber zu haben. Der extreme Wasserverlust in kurzer Zeit schlägt massiv auf die Nieren. Studien zeigen, dass viele MMA-Kämpfer beim Weight Cut klinisch relevante Symptome einer akuten Nierenschädigung entwickeln. Schwindel, Übelkeit, Muskelkrämpfe sind keine Seltenheit, im Extremfall droht Nierenversagen - und dann wird's lebensgefährlich.
In den Käfig wird Mudroch in München trotzdem steigen. Auf die Waage schleppte sich der 26-Jährige mit Mühe, sah komplett ausgemergelt aus. 1,5 Kilogramm über den angepeilten 70,8 Kilogramm für das Leichtgewicht. In der MMA-Welt sind das Welten. Besonders, wenn man bedenkt, dass der 26-Jährige schon wieder trinken durfte. Die Konditionen des Kampfs gegen den Paderborner Ozan Aslaner ändern sich dadurch. Mudroch muss einen Teil seiner Gage abgeben.
Eigentlich steht alles im Vertrag
Auch wenn vertraglich teilweise festgehalten ist, was die Kämpfer prozentual bei verpasstem Gewicht abgeben müssen, wird trotzdem noch wie auf dem Basar gefeilscht. Denn im Fall von Mudroch müsste Aslaner die Gage nicht annehmen und gegen den schwereren Tschechen antreten. Der Kampf würde ausfallen.
Da die Gagen in Deutschland im vier- und niedrigen fünstelligen Bereich liegen, nimmt man die Extra-Kohle oftmals aber lieber mit. Und trotzdem wird hinter den Kulissen in solchen Fällen oft verhandelt wie auf einem Basar. Ist der Kampf wichtig für das Event legen Veranstalter noch Geld obendrauf für den mutmaßlich Benachteiligten, was das Gewicht angeht.
Teilweise bieten Kämpfer auch selbst einen Teil ihrer Gage an, damit die sportliche Auseinandersetzung zustande kommt. So geschehen wenige Tage vor Oktagon 71. Der Jungstar Tamerlan Dulatov konnte aufgrund einer Infektion und der damit verbundenen Einnahme von Antibiotika kein Gewicht machen. Wasser habe sich über die Tage durch die Medikamente im Körper angesammelt. "Ich habe ihm die gesamte Gage angeboten", sagte der 24-Jährige in einem Statement gegenüber RTL. Sein Gegner Emmanuel Binyet habe aber abgelehnt. "Das ist komplett verständlich. Das muss er nicht annehmen", sagte Dulatov. Der Schweizer Gegner des Düsseldorfers wäre ohnehin als Außenseiter und als leichterer Mann in den Kampf gegangen. Mit dem durch den Gewichtsklassenwechsel garantierten Nachteil wäre außer dem Geld nicht viel für Binyet zu holen gewesen.
Auch Mudroch wird am Samstag nicht viel gewinnen können. Sollte er den Kampf sportlich für sich entscheiden, bekommt Aslaner dennoch den Großteil der Gage und kann sich immer noch darauf berufen, gegen einen schweren Gegner angetreten zu sein. Gegen jemanden, der die Voraussetzungen für den Kampf eigentlich nicht erfüllt hat. Mudroch wird unter besonderer Beobachtung und als Beispiel für die negativen Folgen des Gewichtmachens im Käfig stehen.
